Meinung
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Wer nach einem Date verliebt ist, verdient das Chaos danach
Im Netz beschwert sich die Generation Z über toxische Männer und gescheiterte Kennenlernphasen. Das Problem sind aber oft diejenigen, die sich am lautesten beschweren.
Kommentar von Publiziert: 31.12.2025, 06:10
Diese Generation Z datet im Eiltempo – und beschwert sich dann über die Folgen.
Bild: Pixabay
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Dating ist heute ein Minenfeld. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man Instagram verfolgt oder den Erzählungen von Singles im Freundeskreis zuhört. Das Vokabular ist verlässlich: toxische Datepartner, die zehnte gescheiterte Kennenlernphase (sogenannte Situationships) und ein besonders unerquickliches Phänomen der Gegenwart: Ghosting. Gemeint ist ein plötzlicher Kontaktabbruch ohne Erklärung.
Wer heute datet, so der verbreitete Tenor, erlebt weniger heisse Romanzen als Enttäuschung und Frust – und plant vorsorglich gleich die anschliessende Therapie mit ein. Dating-Apps sind dabei der Brandbeschleuniger: Sie belohnen Tempo und suggerieren, dass hinter dem nächsten Swipe etwas Besseres wartet. Laut einer aktuellen Studie zeigen rund 14 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer von Onlinedating-Plattformen Anzeichen eines Dating-Burn-outs. Gemeint ist eine Mischung aus emotionaler Erschöpfung, Zynismus und Überforderung.
Generation Z ist beim Dating planlos
Daran ist die Generation Z jedoch selbst schuld. Denn: Sie spielt das Spiel bereitwillig mit. Ausgerechnet die Generation, die sich bei Beziehungsthemen gern besonders aufgeklärt gibt, ist im Dating oft erstaunlich orientierungslos.
Nie hatte eine Generation derart viele Optionen für Intimität. Wir können eine offene Beziehung, mehrere Beziehungen gleichzeitig (Stichwort: Polyamorie) oder schlicht gar keine feste Beziehung suchen. Hier kennen die Spitzfindigkeiten und Spezialformen keine Grenzen: Wer mit dem Gegenüber beispielsweise nur alle drei Monate mal ins Bett gehen will, darf diese Art von Beziehung heute verklärt «Komet» nennen, wie ein Influencer kürzlich auf Instagram erklärte.
Bei all den Begriffen bleibt ausgerechnet das Wichtigste auf der Strecke: Zeit. Es bleibt wenig für das Kennenlernen übrig. Eine Parship-Umfrage illustriert den Generationenunterschied: 29 Prozent der Befragten 18- bis 29-Jährigen finden Sex beim ersten Date in Ordnung; bei den 60- bis 69-Jährigen sind es nur noch 14 Prozent.
Das heutige Dating-Eiltempo ist der Nährboden für all das Gejammer. Nie würden wir jemandem nach zwei Stunden Small Talk in einer überfüllten Bar den Wohnungsschlüssel überreichen. Beim Dating hingegen reicht uns oft ein gelungener Abend als Indiz, dass wir es mit einem guten Fang zu tun haben. Das ist eine Abkürzung, die selten aufgeht.
Ghosting statt Beziehung
Die Lösung ist eigentlich glasklar: Wer Enttäuschungen vermeiden will, muss Informationen über das Gegenüber sammeln – und das braucht Zeit. Das ist keine Sittenfrage, sondern Pragmatismus: Es erhöht die Chance ungemein, noch bevor die Kleider fallen, zu merken, dass Tobias eigentlich Johannes heisst und Frau und Kinder hat oder Kondome für eine Verschwörung der Pharmaindustrie hält.
Natürlich darf man so daten, wie es einem passt. Beziehung, Affäre, «Komet» – alles legitim. Es ändert nur nichts an der Schlussfolgerung: Wer wenig Zeit ins Kennenlernen investiert, darf sich später über Überraschungen nicht wundern.
Es ist paradox: Ausgerechnet die Generation, die für alles eine Diagnose parat hat, erkennt die entsprechenden Muster erst viel zu spät. Psychologisiert und gedeutet wird oft erst im Nachhinein. Das ist kein Pech, sondern naiv.
Wer das Risiko sucht – bitte. Dann aber mit dem nötigen Realitätssinn – und ohne anschliessendes Lamento.
Dating-Frust bei Basler Singles
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Einloggen Karoline Edrich ist News-Reporterin bei der Basler Zeitung und schreibt schwerpunktmässig über das lokale Geschehen in Basel. Ausserdem berichtet sie aus dem Einwohnerrat Allschwil. Mehr Infos
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Diese Generation Z datet im Eiltempo – und beschwert sich dann über die Folgen.
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