Nein, leicht ist ihm die Entscheidung nicht gefallen, sagt Uwe Schwartzkopf, emotional erlebt er gerade ein Auf und Ab. Aber er hat schon öfter aufgehört, meint er tapfer: als Marktleiter bei Tengelmann, als Innenstadthändler, und nun eben als Inhaber des Donaumarkts.

Noch hat der Getränke- und Lebensmittelmarkt unterhalb des Tuttlinger Honbergs in der Liptinger Straße geöffnet, auch Kunden werden weiter beliefert. Doch der Ausverkauf läuft, am 31. Januar macht Uwe Schwartzkopf die Türen zu. „Dann hab ich noch einen Monat zum Ausräumen, das wird am schwierigsten“, meint er und blickt ein wenig sorgenvoll auf tausende Getränkekisten, die sich auf der Verkaufsfläche und im Lager stapeln.

Der Ruhestand lockt

Dass er aufhören würde, war für Schwartzkopf schon länger klar. Im Juli hat er seinen 66. Geburtstag gefeiert, seit Oktober ist er in Rente, auch seine Frau hat schon ihren Ruhestand angetreten. Zudem lief das Geschäft zuletzt eher mau – die 14-monatige Sperrung der Stockacher Straße hat der Markt zu spüren bekommen. Und gerade jüngere Leute ließen sich von Dumping-Preisen großer Konkurrenten anlocken, meint Schwartzkopf.

Deshalb legt er seine Prioritäten nun auf andere Dinge: Zeit mit den zwei Enkelkindern zum Beispiel, seine Arbeit im Gemeinderat (seit 2014 ist er für die LBU Mitglied, seit kurzem Fraktionssprecher), auch seine Gesundheit. „Fast jede Getränkekiste hier hab ich mal in der Hand gehabt, das laugt körperlich schon aus, und meine Knochen werden nicht jünger“, meint er.

Der Donaumarkt in der Liptinger Straße in Tuttlingen. Früher war hier die "Milchzentrale". Bild vergrößern

Der Donaumarkt in der Liptinger Straße in Tuttlingen. Früher war hier die „Milchzentrale“. (Foto: Dorothea Hecht)

Kurz nach Weihnachten machte Schwartzkopf seinen Entschluss öffentlich, unter anderem mit einem Post auf seinen Social-Media-Kanälen. „So viele Reaktionen habe ich noch nie bekommen“, sagt der 66-Jährige.

Geflohen vor dem SED-Regime

Kein Wunder, denn mit Schwartzkopf hört eine Institution im Tuttlinger Einzelhandel auf – und eine Familientradition geht zu Ende. Schon Schwartzkopfs Großeltern betrieben ab 1918 ein Kolonialwarengeschäft in Neuruppin nördlich von Berlin. In den 1950er-Jahren übernahmen seine Eltern das Geschäft und bauten es aus. „Mein Vater war ein sehr guter Kaufmann, ein Meister des Rechnens“, erzählt er.

Doch der Vater war auch ein kritischer Geist und alles andere als ein linientreuer SED-Genosse. Als das Geschäft kurz vor dem Mauerbau 1961 verstaatlicht werden sollte, ergriffen die Eltern mit ihren drei Kindern die Flucht, Uwe Schwartzkopf war damals keine zwei Jahre alt. „Sie haben alles zurückgelassen, was sie sich aufgebaut hatten“, erzählt er.

Familie Schwartzkopf landete über die Flüchtlingsverteilung in Schramberg. In Tuttlingen ergab sich kurze Zeit später die Gelegenheit, ein VIVO-Lebensmittelgeschäft in der Stockacher Straße zu übernehmen. Heute ist dort Kaufland. „Das Geschäft lief prima“, erinnert sich Schwartzkopf – bis in den 1970er-Jahren die ersten Großmärkte eröffneten. „Mein Vater erkannte, dass man als kleines Lebensmittelgeschäft keine Chance mehr gegen die Großen hat.“

25 Jahre war er bei Tengelmann

Uwe Schwartzkopf machte deshalb 1975 bei Tengelmann am Tuttlinger Marktplatz die Lehre als Einzelhandelskaufmann. 25 Jahre blieb er bei Tengelmann-Grosso, 15 Jahre lang leitete er verschiedene Märkte. Als Grosso im Jahr 2000 von der Lidl&Schwarz-Gruppe übernommen wurde, war für ihn schnell klar: „Für einen Großkonzern will ich nicht arbeiten.“

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Am 8. März 2001 machte er sich mit dem Donaumarkt in der Gartenstraße selbstständig (heute werden dort im Kebapladen K2 Döner verkauft). Er verkaufte Lebensmittel direkt von Erzeugern, aber auch aus dem Großhandel – „ich hatte 15.000 Artikel im Sortiment“, erzählt er stolz. Fünf Jahre später übernahm er zusätzlich den Getränkemarkt in der Liptinger Straße, der zuvor zur Hirsch-Brauerei gehört hatte.

Uwe Schwartzkopf mit Mitarbeiterin Ulrike Schäfer, im damaligen Lebensmittelmarkt in der Gartenstraße.Bild vergrößern

Uwe Schwartzkopf mit Mitarbeiterin Ulrike Schäfer, im damaligen Lebensmittelmarkt in der Gartenstraße. (Foto: Archiv/Christoph Kiefer)

Das Geschäft als kleiner Innenstadt-Händler sei angesichts der großen Mitbewerber schwierig gewesen, meint Schwartzkopf. Viele, gerade ältere Leute seien zwar froh gewesen, dass sie bei ihm nach kurzem Fußweg einkaufen konnten. „Manche kamen aber auch nur zum Reden“, erinnert er sich. „Wenn man morgens einen Salatkopf kauft und nachmittags eine Butter, kann man als Händler davon nicht leben.“

Ausgerechnet Gummibärchen

Der Getränkemarkt in der Liptinger Straße dagegen lief recht gut. Ein kleines Lebensmittel-Sortiment, vor allem aus der Region, bietet er dort weiterhin an. Heimlicher Verkaufsschlager: „Gummibärchen!“, verrät Schwartzkopf. Aber auch Faller-Konfitüre, heimischer Honig und Mehl sind sehr gefragt.

Neben Getränken gibt es im Donaumarkt Tuttlingen vor allem regionale Lebensmitteln, zum Beispiel von umliegenden Bauern. Bild vergrößern

Neben Getränken gibt es im Donaumarkt Tuttlingen vor allem regionale Lebensmitteln, zum Beispiel von umliegenden Bauern. (Foto: Dorothea Hecht )

Dass er nun schließt, fällt Schwartzkopf auch deshalb schwer, weil seine Verkäuferin Ulrike Schäfer auf Jobsuche gehen muss. Seit 30 Jahren sind die beiden ein Team. „Es gibt nicht viele so freundliche Verkäuferinnen wie meine Frau Schäfer – in all den Jahren war sie nicht einmal schlecht drauf oder krank“, sagt er. Er hofft, dass sie bald etwas Neues findet.

Er selbst lässt sich in der Zeit des Abschieds ein Türchen offen: Vielleicht werde er kleinere Aufträge und Lieferungen auch nach der Schließung noch machen, meint Schwartzkopf, dann ist es nicht ganz vorbei.