Ein Eisenbahnwaggon in Russland mit militärischer Propaganda.

Ein Eisenbahnwaggon in Russland mit militärischer Propaganda.

picture alliance/dpa/TASS | Erik Romanenko

Die russische Eisenbahn ist militärische Lebensader und Achillesferse zugleich.

Sanktionen, Sabotage und Personalmangel setzen das System unter Druck – doch ein Kollaps würde den Staat selbst treffen.

Moskau muss seine Züge um jeden Preis am Laufen halten – sie entscheiden mit über den Ausgang des Krieges in der Ukraine.

Am 7. März 2022 rollt bei der ukrainischen Stadt Melitopol ein gepanzerter Zug über die Gleise. Auf ihm steht ein großes weißes „Z“, das Militär- und Propagandazeichen Russlands. Eine Frau ruft in einem Video ein „Slava Ukraini!“ (z. Dt. „Ruhm der Ukraine!“) den vorbeifahrenden Waggons zu. Doch Melitopol ist da bereits an die russischen Besatzer gefallen. Und das maßgeblich durch die Unterstützung auf den Gleisen. Denn Putins Züge sichern die logistischen und militärischen Lebensadern des riesigen Landes ab und damit auch seinen Angriffskrieg mit Hunderttausenden Todesopfern.

Russland ist ein Eisenbahnstaat – schon wegen der riesigen Distanzen. Von Moskau ausgehend breitet sich das Schienennetz wie ein Stern aus. Es verbindet Metropolen, Maschinenfabriken und Munitionslager. 122.000 Kilometer Gleise liegen auf elf Zeitzonen verteilt. Zwischen 80 und 90 Prozent aller Güter rollen über die Schiene. Russland wäre ohne seine Züge kaum regierbar.

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Es gibt nicht viele Experten, die sich intensiv mit der russischen Eisenbahn und ihrer Rolle für Land und Krieg beschäftigen. Eine von ihnen ist Maria Engqvist, Analystin beim Schwedischen Forschungsinstitut der Verteidigung (FOI). „Das Schienensystem ist zentral für das russische Militär“, erklärt sie. Es sei Teil der Identität. „Ohne die Eisenbahn funktioniert die russische Armee nicht – und große Teile der russischen Wirtschaft ebenfalls nicht“, sagt auch Konstantinos Tsetsos von der Universität der Bundeswehr München.

Kollabiert die Eisenbahn, kollabiert Russland

Betrieben wird die russische Lebensader von der Eisenbahngesellschaft RZhD, das russische Pendant zur Deutschen Bahn. Die RZhD ist Staatsbahn, Monopolist und einer der größten Arbeitgeber des Landes. Rund 700.000 Beschäftigte halten die Gleise in Schuss. Korruption und ein enormer Schuldenberg von über 50 Milliarden US-Dollar belasten das Unternehmen. Aber: Die „RZhD ist zu groß, um unterzugehen“, wie die britische Sicherheitsexpertin Emily Ferris erklärt. Der Staat wird das Netz mit allen Mitteln unterstützen – auch, weil ein Kollaps weit mehr bedeuten würde als ausfallende Züge für Pendler.

Schon vor der Invasion der Ukraine war die Bahn für die Militärlogistik entscheidend. Mit Kriegsbeginn im Februar 2022 wurde sie zum Nadelöhr. Russland transportierte massenhaft Truppen, Panzer und Munition in Richtung Ukraine. „Wenn Sie 50.000 Soldaten inklusive Gerät verlegen wollen, geht das im Grunde nur per Bahn“, sagt Tsetsos von der Bundeswehr-Universität. Ein Vorteil für Russland: In der Ukraine wird zum Großteil weiterhin die russische Breitspur von 1520 Millimetern verwendet. Im Rest von Europa ist dagegen die Normalspur von 1435 Millimetern verbaut.

Doch hinter den Grenzen war schnell Schluss: Die ukrainische Armee sprengte bis zum 26. Februar 2022 alle direkten Zugverbindungen. Russland verlor die Möglichkeit, das ukrainische Netz bei der Offensive für die eigene Logistik zu nutzen. Somit konnten die Besatzer keine Schienenüberlegenheit etablieren. „Hätten sie es geschafft, hätten sie die ukrainischen Kapazitäten wesentlich besser nutzen können, und der Krieg wäre anders verlaufen“, so Engqvist vom FOI.

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Am Boden zeigte sich der Preis dieser Abhängigkeit von der Schiene. Russische Truppen mussten zu Fuß oder mit Lkw weiter – Panzer blieben im Schlamm stecken. Bilder von kilometerlangen Kolonnen aus russischen Militärfahrzeugen, die auf dem Weg nach Kiew waren, gingen um die Welt.

Die ersten Wochen offenbarten, wie schnell logistische Kapazitäten kollabieren, wenn das Schienennetz nicht mithält. Heute übt das ukrainische Militär Sabotageakte in Russland und Belarus aus. Es sind häufig gezielte Schläge gegen Brücken und Gleise, die zu industriellen Militärkomplexen führen. All das zwingt Russland dazu, permanent zu improvisieren und ein System zu flicken, das ohnehin auf Verschleiß fährt.

Die RZhD arbeitet unter extremem Druck. Die Staatsbahn war eines der ersten Unternehmen, das von den westlichen Sanktionen zu Beginn des Kriegs betroffen war. Und die erschweren den Import, insbesondere von Schmiermitteln und Ersatzteilen. Lokomotiven fehlen und ihr technologischer Stand ist überaltert. Bis zu 50.000 Züge kamen 2023 einer Analyse des estnischen Thinktanks ICDS zufolge verspätet an oder mussten ausfallen.

Gleichzeitig fehlen qualifizierte Ingenieure und Lokführer. Über drei Jahre Krieg haben die russische Belegschaft ausgedünnt. Die Nato spricht von mehr als einer Million toter und verletzter russischer Soldaten. Der Arbeitskräftemangel frisst sich durch das gesamte System. Und doch funktioniert es – irgendwie und um jeden Preis. „Wenn nötig, wird jemand mitten im Winter losgeschickt, um Schnee von den Gleisen zu schaufeln“, erklärt Engqvist.

Mit der wirtschaftlichen Orientierung Richtung Osten entstehen zusätzliche Probleme. Der Handel mit China wächst, doch die östlichen Schienenverbindungen sind wesentlich schlechter ausgebaut als im Westen. „Das Netz verkraftet es physisch nicht“, meint die Sicherheitsexpertin Ferris mit Blick auf den Handel mit China. Strecken sind häufig nicht elektrifiziert, der Verkehr kriecht dahin. Stahlmangel und teure chinesische Ersatzteile erschweren den Ausbau.

Und doch: Trotz aller Schläge, Engpässe und strukturellen Schwächen deutet wenig auf einen Zusammenbruch hin. „Wenn das russische Eisenbahnsystem zusammenbrechen würde“, so Engqvist, „wäre das eher ein Zeichen für den Zusammenbruch des Staates selbst.“ Und Putin will das mit allen Mitteln verhindern.

Russland kämpft in der Ukraine um Bahnhöfe

Für den Schutz der überlebenswichtigen Zuglieferungen hat der russische Staat eine fast einmalige Spezialabteilung aufgebaut, die auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken kann: die Eisenbahntruppen. Bis zu 30.000 dafür ausgebildete Soldaten bauen Strecken, reparieren Brücken, sichern das Netz gegen Drohnen und Saboteure. Neue Gesetze erlauben zudem den Einsatz von Reservisten zum Schutz kritischer Infrastruktur.

Tsetsos erwartet künftig „gehärtete Brücken, Tunnel, Rangierbahnhöfe und Umspannwerke“ in Russland, um die Versorgungslinien zu schützen. Die russischen Munitionsdepots liegen hunderte Kilometer hinter der Front. Mit dem Zug werden die Geschosse zu den Schienenknotenpunkten in Rostow am Don, Belgorod oder Kursk an die ukrainische Grenze gekarrt, umgeladen und dann auf den letzten Metern meist per Fahrzeug an die Front gebracht.

Im Krieg gegen die Ukraine richten sich daher viele Angriffe auf wichtige Eisenbahnknotenpunkte. „Die Russen kämpfen derzeit heftig um Lyman“, erklärt Tsetsos. Eine Stadt im Norden der zum großen Teil besetzten Oblast Donezk.

Und auf Karten wird klar, wieso: Der Ort besitzt einen großen Bahnhof am Stadtrand. „Der liegt zwar in Trümmern, aber so etwas lässt sich innerhalb weniger Monate wieder aufbauen“, so der Militärexperte. Und dann könnten auch hier wieder russische Züge mit einem weißen „Z“ auf den Waggons in die besetzte Ukraine rollen.