Zum Jahresende zeigen wir Ihnen noch einmal die meistgelesenen Texte 2025 in der Originalfassung. Hier ist einer davon. Er erschien erstmals im September.

Ratzfatz – und der Zopf war ab. Doch bevor Erich Sokolowsky diese Entscheidung traf, verging viel Zeit. Dann setzte sich der 66-Jährige auf den Stuhl der Friseurin Anja Demaret-Sénéchal im „Salon Anett“ in der Puschkinstraße in Templin. Dabei konnte er ein leichtes Unbehagen nicht ganz verdrängen.

Wie der Zopf abgeschnitten wird und was Erich Sokolowsky dazu gebracht hat, sehen Sie oben im Video.

Haare mussten vor einem NVA-Job ab

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35 Jahre lang hatte der bekannte Musiklehrer und Leiter der Bigband Uckermark seinen Zopf getragen, ein Markenzeichen, das aus einer spontanen Laune heraus entstanden war. Schon in seiner Jugend trug Sokolowsky seine Haare lang. Doch als er später zum Musikcorps der NVA ging, musste er sich von seiner Haarpracht trennen.

Im Laufe seiner beruflichen Laufbahn reifte dann der Wunsch: „Wenn ich die Uniform wieder an den Haken hänge, lasse ich meine Haare wieder lang wachsen.“ Und genau das tat er. Bis 1990 wuchsen sie ungehindert, als ein Klassentreffen anstand.

Erich Sokolowsky - hier noch mit langen Haaren - kurz vor seinem Friseurtermin.Bild vergrößern

Erich Sokolowsky – hier noch mit langen Haaren – kurz vor seinem Friseurtermin. (Foto: Ines Markgraf)

Zum goldenen Klassentreffen noch mit Zopf

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„Angeberisch, wie ich bin, habe ich damals gesagt, dass ich mir die Haare zum goldenen Klassentreffen wieder abschneiden lasse“, erzählt der Hardenbecker lachend. Am 13. September traf sich Sokolowsky tatsächlich mit seinen ehemaligen Klassenkameraden in Boitzenburg vor der Alten Schule. Er trug noch immer seinen Zopf, doch er hatte bereits entschieden, sich davon zu trennen.

Haare für Krebskranke

Er wollte die Haare nicht einfach abschneiden und entsorgen, sondern sie sinnvoll nutzen. Sokolowsky beschloss, seine Haarpracht für die Herstellung einer Naturhaarbrücke zu spenden. Diese Idee kam ihm, als eine seiner Schülerinnen mit wunderschön langen Haaren plötzlich mit einer Kurzhaarfrisur die Musikschule betrat. Sie erzählte ihm von der Möglichkeit, Haare für krebskranke Kinder zu spenden. „Das hat mir gefallen“, erinnert er sich. Daraufhin recherchierte er im Internet und stellte fest: „Meine grauen Haare eignen sich zwar nicht für Kinderperücken, aber sie sind ideal für Senioren.“

Anja Demaret-Sénéchal und Erich Sokolowsky mit abgeschnittenen Pferdeschwanz und neuer Frisur.Bild vergrößern

Anja Demaret-Sénéchal und Erich Sokolowsky mit abgeschnittenen Pferdeschwanz und neuer Frisur. (Foto: Ines Markgraf)

Der Tag der Entscheidung

Am Mittwoch, dem „Tag der Entscheidung“, machte sich Sokolowsky allein auf den Weg nach Templin. „Meine Frau Katrin kennt meine Entscheidung und unterstützt sie sehr“, sagt er lachend. Dabei erzählt er, dass Katrin ihn immer wieder dazu ermutigt hatte, seine langen Haare mit einem Gummi zusammenzubinden. „Ich bin gespannt, wie die Kinder in der Musikschule heute Nachmittag reagieren“, fügt er hinzu. Dort gibt er Klavier- und Keyboardunterricht.

Friseurin prüfte die Haarlänge

Friseurin Anja Demaret-Sénéchal, die seit zehn Jahren im „Salon Anett“ arbeitet, unterstützte die Idee, die Haare zu spenden. Mit einem Lineal überprüfte sie die Länge der Haare und stellte schnell fest, dass sie mehr als 30 Zentimeter messen. Sie griff entschlossen zur Schere und schnitt den Zopf ab. Danach verpasste sie Sokolowsky einen modernen Haarschnitt, der ihn deutlich jünger wirken lässt. Als er in den Spiegel schaute, kommentierte er lachend: „Jetzt sehe ich aus wie in der 10. Klasse!“

Über Bedingungen im Internet informieren

Wer ebenfalls Haare spenden möchte, kann sich im Internet informieren. „Man muss darauf achten, dass die Haare unbehandelt, trocken und mindestens eine bestimmte Länge haben“, erklärt Anja Demaret-Sénéchal. Sie hat bereits mehrfach Zöpfe abgeschnitten, die für Spenden bestimmt waren, allerdings noch nie den eines Seniors. „Ich finde das wirklich großartig. Diese Geste rüttelt uns innerlich wach und macht uns bewusst, wie vergänglich das Leben sein kann. Es ist schön zu wissen, dass Krebspatienten auch Naturhaar tragen können.“

Den Salon verließ Erich Sokolowsky mit seinem abgeschnittenen Zopf in der Hand. „Ich werde ihn zu Hause eintüten und verschicken“, sagt er entschlossen.