Stefan Lenz ist ein reflektierter, abwägender Mensch. Marktschreierei ist seine Sache nicht. Man darf es also durchaus ernst nehmen, wenn ein Mann wie er die Vokabel „Wahnsinn“ benutzt, um zu beschreiben, wie er die Verleihung des Julius-Hirsch-Preises Ende November in Erinnerung hat. Platz drei des vom DFB ausgerufenen Anti-Diskriminierungspreises hatte der von ihm mitgegründete FC Mainaustraße belegt – ein Fußballverein aus Bewohnern der dezentralen Flüchtlingsunterkunft Mainaustraße in München-Aubing, der seit 2021 am regulären Ligabetrieb teilnimmt.

Zu fünft waren sie ins ferne Hamburg gereist und schon am Vorabend mit den anderen Preisträgern ins Gespräch gekommen. Am Tag selbst, während einer aufwendigen Gala in der Altonaer „Fabrik“, kam der Tross aus dem Münchner Westen mit viel Prominenz ins Gespräch – von der Grünen-Politikerin Claudia Roth bis zu DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Auch dass der FC Bayern in Geschäftsführer Benny Folkmann einen hochrangigen Funktionär entsandt hatte, wurde wohlwollend registriert. Folkmann leitet die Initiative „Rot gegen Rassismus“ des FC Bayern.

Doch was am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, war die Atmosphäre unter den rund 350 Gästen – darunter viele ehemalige Preisträger und Aktivisten aus der Antirassismusarbeit im Fußball. Mit dem Lehrer Axel Weinbrecht, dessen Schüler das Leben des von den Nazis ermordeten jüdischen Nationalspielers Julius Hirsch erforscht und dafür den gleichnamigen Preis (Platz 1) erhalten hatten, will Lenz sich bald in einer Münchner Lokalität treffen. Der Gast aus Baden möchte mal deftig essen, „und den Wunsch kann ich ihm erfüllen“, sagt Lenz.

Stefan Lenz, Aktivist und Mitbegründer des FC Mainaustraße.Stefan Lenz, Aktivist und Mitbegründer des FC Mainaustraße. (Foto: Christoph Ruf/oh)

Bei Lenz und den aktiven Fußballern des FC Mainaustraße, die ihr Team „Familie“ nennen, stellte sich in diesem Kreis jedenfalls schnell ein Gefühl der Geborgenheit ein. Die jüdische Fußballspielerin Rachel Rinast (FC St. Pauli Amateurinnen) artikulierte es so: „Ich fühle mich hier sehr sicher.“ Genauso erging es der Delegation aus dem Münchner Westen. Der gesellschaftliche Rechtsruck ist nicht zu übersehen – auch wenn er sich im multikulturellen Münchner Amateurfußball weit weniger bemerkbar zu machen scheint als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. „Ich habe nicht den Eindruck, dass rechte Sprüche zugenommen haben“, sagt Lenz. Einmal sei ein Spieler des Teams von Trainer Boubacar Tangara aufgefordert worden, „dahin zurückzugehen, wo er herkommt“, berichtet Lenz – und zwar von einem türkeistämmigen Gegenspieler. Ein anderes Mal habe ein Schiedsrichter die Beleidigung „Bimbo“ angeblich nicht gehört. „Und das“, so Lenz, „obwohl ich es genau gehört habe – und zehnmal weiter weg stand.“ Offene Anfeindungen seien auch gar nicht das Hauptproblem an der Mainaustraße. Sondern der Alltag in den beengten Wohngruppen, nicht arbeiten zu dürfen, die ständige Unsicherheit, ob man nicht bald abgeschoben werde. Und da wäre noch der tägliche Kleinkrieg mit den Behörden, „die zum Teil monate- und jahrelang warten, bis sie Wohngeld auszahlen“.

Fußball, und das war eines der Hauptmotive bei der Vereinsgründung, ist ein gutes Ventil, um aus dem Alltag herauszukommen, sich auszupowern, sich beweisen zu können. Und genau so haben es die Kicker ja auch erlebt. Zuerst als Team in der Freizeitliga namens Royal Bavarian League, wo sie es mit Gegnern wie Royal Promillos und Barfuß Jerusalem zu tun hatten. Und deutlich unterfordert waren: „Die haben gleich das erste Spiel 10:1 gewonnen“, sagt Lenz, der zusammen mit ein paar Gleichgesinnten wie dem damaligen Sozialarbeiter aus der Mainaustraße und Kirchenmitgliedern die ungleichen Duelle angeschaut hatte.

Unsere Spieler tanzen auch oft die Nächte durch. Aber am Sonntag sind sie halt fit, weil sie keinen Alkohol trinken.

Stefan Lenz, Gründungsmitglied des FC Mainaustraße

Schnell war der Plan geboren, ein Team für den regulären Ligabetrieb zu melden. Doch so einfach ist das nicht, wenn die Spieler aus Senegal, Somalia oder Mali stammen. Dass ein eingetragener Verein gegründet und eine Satzung geschrieben werden muss, versteht sich von selbst. „Aber der e. V. muss mehr deutsche als ausländische Gründungsmitglieder haben“, berichtet Lenz, „sonst giltst du als Ausländerverein und stehst unter Beobachtung.“ Nachdem die bürokratischen Hürden überwunden waren, gewann der FC Mainaustraße gleich sein erstes Spiel im Pokal mit 4:2. Und im Ligabetrieb lief es so gut, dass der FC Mainaustraße heute bereits in der A-Klasse spielt – zuletzt stieg das Team zweimal nacheinander auf. Jetzt sind die Spiele deutlich umkämpfter, auch wenn manche Siege nach wie vor auf den „unterschiedlichen Fitnesszustand“ zurückzuführen seien. „Wenn du sonntags spielst, war am Vorabend natürlich der ein oder andere Gegenspieler auf dem Volksfest. Unsere Spieler tanzen auch oft die Nächte durch. Aber sie sind halt fit, weil sie keinen Alkohol trinken.“

In ein paar Tagen werden sie beim FC Mainaustraße schon mal anfangen, sich um die hart umkämpften Trainingsplätze in Aubing zu bewerben. Anfang Februar ist dann Trainingsstart, ehe es in der zweiten Märzwoche wieder um Punkte geht. Ein ganz normales Team der A-Klasse München 3 ist der FC Mainaustraße dennoch nicht. Über die Feiertage waren so gut wie alle Spieler nicht in München. Freunde und Familie müssen die jungen Männer, von denen viele als Landschaftsgärtner arbeiten, jetzt besuchen – im Sommer haben sie keinen Urlaub. Und für einige im Team geht es in den kommenden Wochen um weit mehr als um Punkte in einem Fußballspiel. „Unser Torwart ist aus Senegal, einem angeblich sicheren Herkunftsland“, sagt Lenz. „Er weiß, dass er jederzeit von heute auf morgen abgeschoben werden kann.“