Mit akkurat gestutztem Bart und tief ins Gesicht gezogener Schlafmütze ist er zunächst kaum wiederzuerkennen: Rolando Villazón als Gabriel von Eisenstein in Barrie Koskys Inszenierung von Johann Strauss‘ „Die Fledermaus“ am Nationaltheater. Denn zur Ouvertüre wird der mexikanische Tenor in seinem großen rosa Doppelbett von einem Dutzend virtuos tanzender Fledermäuse (Choreografie: Otto Pichler) bedrängt, darf aber noch keinen Ton singen.
Wenn er das dann tut an diesem Silvesterabend, dann hören wir sein so charakteristisches Timbre, das in der tief liegenden Tenor-Partie, die oft auch von Baritonen gesungen wird, gut zur Geltung kommt. Und wir sehen seine enorme Spiellaune, die er in dieser Operette aufs Schönste präsentieren kann. Etwa im Duett mit seinem Freund Dr. Falke, der ihn zum Ball des Prinz Orlofsky einlädt – vom jungen Konstantin Krimmel mit noblem, feinem Bariton verkörpert. Hier brilliert Villazón sängerdarstellerisch ebenso wie dann im zweiten Akt, wenn er als Orlofskys Gast mit dem Ballett tanzt. Und dort von seiner mit einer Maske verkleideten Gattin Rosalinde um sein „Damenürchen“ gebracht wird, das dann im dritten Akt zum Corpus Delicti für seine Untreue wird.
Neben Villazón sorgen für allerbeste Silvesterlaune die wunderbare Rachel-Willis-Sørensen, die als Rosalinde mit gehaltvollem, schönem Sopran mit sicherer Höhe betört und nicht zuletzt einen feurigen Czardás als vermeintliche ungarische Gräfin hinlegt. Großartig auch Pavol Breslik als ihr ehemaliger Liebhaber Alfred. Sein Gesang lässt sie immer noch schwach werden. Das beglaubigt der slowakische Tenor wunderbar mit feinem Glanz in der Stimme und großer Lust am Spiel. Von „Nessun dorma“ über „Una furtiva lagrima“ bis „O, namenlose Freude“ singt er ein halbes Dutzend Tenor-Schlager einmal kurz an und bringt Rosalinde fast um den Verstand.
Tenor-Schlager mit Tennisschläger: Pavol Breslik als Alfred mit Rachel-Willis-Sørensen als Rosalinde Eisenstein. (Foto: Geoffroy Schied)
Regisseur Barrie Kosky hat aus der berühmten Wiener Operette, die es neben Franz Lehárs „Lustiger Witwe“ als einzige auf die Bühnen der großen Häuser geschafft hat, eine veritable Revue-Operette gemacht. Den zweiten Akt lässt er wie im Rausch vorübergleiten, wenn Prinz Orlofsky sein „Ich lade gern mir Gäste ein“ inmitten einer Schar von Tänzern im Glitzer-Fummel singen darf, was John Holiday mit exzellentem Countertenor hervorragend gelingt.
Auch Rosalindes Czardás wird von einer agilen Tänzertruppe begleitet und bekommt so eine besondere Note. Dazu passt die Vervielfältigung des Gerichtsdieners Frosch, der hier in sechsfacher Gestalt auftritt, dominiert von Max Pollak, der einen wunderbaren Stepptanz plus Body Percussion hinlegt und ebenso zum Mitklatschen animiert, wie sich später bei der Zugabe des Radetzky-Marsches das Publikum im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wähnen darf, wo der Dirigent ebenfalls zum fein abgestimmten Mitklatschen auffordert.
Dieser „Frosch mit fünf Kaulquappen“ bereichert nicht zuletzt das Couplet Adeles „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ im dritten Akt. Mirjam Mesak schlägt dafür ebenso geschmeidigen, lyrischen Soubretten-Ton an wie schon bei „Mein Herr Marquis“ im zweiten Akt. Kevin Conners als stotternder Advokat Dr. Blind ist einer der wenigen Sänger und Sängerinnen, die nicht neu besetzt sind. Doch allesamt agieren sie an diesem Abend auf gleichem Niveau wie das Ensemble der Premiere um Diana Damrau und Georg Nigl als Ehepaar Eisenstein.
Fast geblendet wird man vom sexy kostümierten und maskierten Staatsopern-Chor (Kostüme: Klaus Bruns), der großen Spaß an der grellen Exaltiertheit hat und ein zauberhaftes „Duidu“ singt.
In diesem Knast geht’s lustig zu: Martin Winkler als Gefängnisdirektor Frank mit Rolando Villazón als schon reichlich angeschickerter Gabriel von Eisenstein. (Foto: Geoffroy Schied)
Barrie Kosky wollte sich nicht lustig machen über den betrunkenen Gerichtsdiener Frosch, dafür entblößt er den Gefängnisdirektor Frank (Martin Winkler) buchstäblich. Kosky lässt den österreichischen Bassbariton fast nackt auftreten und allerlei Slapstick präsentieren, wie aus seinem Tanga gefingerte Schlüssel oder Zähneputzen plus Spucken in die Schreibtisch-Schublade.
Doch das ist der einzige wirkliche Schwachpunkt einer quicklebendigen Inszenierung, die dank Nicholas Carter am Pult auch orchestral einen enormen Drive bekommt und mit viel Temperament und teils rasanten Tempi überzeugt, die das Bayerische Staatsorchester ab der schmissigen Ouvertüre nicht nur makellos bewältigt, sondern auch mit prallem, elegantem Leben füllt.
„Die Fledermaus“ von Johann Strauss in der Inszenierung von Barrie Kosky, weitere Vorstellungen gibt es an der Bayerischen Staatsoper am 3., 6. und 10. Januar, Infos unter www.staatsoper.de