Am Morgen des 1. Januar wird sich vermutlich nichts geändert haben: keine Plakate an den Wänden, keine Banner an den Museen, keine neuen Farben oder Gebäude. Und doch beginnt an diesem Tag offiziell ein Jahr, das Frankfurt und die Rhein-Main-Region international ins Rampenlicht rücken soll: 2026 wird die Region zur World Design Capital, zur Designhauptstadt der Welt. Ein Titel, der groß klingt, Erwartungen weckt, dessen Wirkung sich aber erst noch entfalten muss.
Vergeben wird er von der World Design Organization, die damit Städte oder Regionen auszeichnet, in denen Gestaltung mehr ist als die Herstellung schöner Gebrauchsobjekte: Design soll verstanden werden als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel, für Demokratie, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Innovation. Im November 2023 fiel die Entscheidung für Frankfurt und Rhein-Main. Die Region reiht sich damit ein in eine namhafte Liste früherer Designhauptstädte, von Kapstadt über Helsinki, von Valencia über Mexiko-Stadt bis nach San Diego und Tijuana, die den Titel 2024 trugen. Die Bewerbung der Region überzeugte mit der Dichte an Kreativschaffenden, Hochschulen, Unternehmen und Institutionen – und mit dem Anspruch, Design als Haltung zu begreifen.
Von null angefangen: Carolina Romahn, Geschäftsführerin der World Design CapitalLando Hass
Doch kurz vor dem Start des Designjahres ist die Stimmung in der Szene ambivalent. Einerseits wächst die begründete Hoffnung, dass der Titel ein Schaufenster für die Region wird, internationale Aufmerksamkeit erzeugt, junge Talente anzieht und Projekte hervorbringt, die bleiben. Andererseits ist in der Kreativbranche Skepsis zu hören. „Man nimmt die World Design Capital im Alltag kaum wahr“, sagen Vertreter der Szene. Es fehle an Leuchttürmen, an einem Gefühl, dass hier etwas Großes anläuft, und an einer breiten, öffentlichkeitswirksamen Wahrnehmung über die Kreativschaffenden hinaus. Die Design Capital, sagte Frankfurts Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP) bei einem F.A.Z.-Redaktionsbesuch im November, sei eine Riesenchance für die Branche. Doch zeigte sich Wüst mit Blick auf das Designjahr auch nervös, wie sie es formulierte. Die erhofften Ergebnisse, mit der Design Capital eine Strahlkraft für die Region zu erzeugen, seien nicht erkennbar, sagte sie damals.
World Design Capital: Unternehmen halten sich zurück
In der Szene wird mithin kritisiert, dass sich bislang zu wenige Kommunen und Unternehmen mit eigenen, deutlich sichtbaren Beiträgen eingebracht hätten: Viele Ankündigungen, sich mit Projekten oder Fördermitteln zu beteiligen, wurden zurückgezogen, heißt es. Gerade von einer wirtschaftsstarken Region hätten Beobachter ein stärkeres Engagement erwartet, allerdings falle das Designjahr auch in eine konjunkturell schwierige Zeit, heißt es.
Gebabbel: Erste Projekte der World Design Capital laufen in der Region, so wie die sogenannte Babbelbank in Oberursel mit Michael Ruppel, Klaus Winkler und Edeltraud Lintelow.Jannis Schubert
Die Gesellschaft, die das Großevent organisieren soll, verweist darauf, dass das Designjahr bewusst prozesshaft angelegt ist. „Wir sind mit dem Projekt wirklich bei null gestartet – keiner kannte den Titel World Design Capital“, sagt Geschäftsführerin Carolina Romahn. Umso bemerkenswerter sei es, wie viele Institutionen, Initiativen und Kommunen sich inzwischen beteiligten, findet sie. „Die Auszeichnung verweist auf etwas, das noch im Entstehen ist. Viele Projekte werden sich im Laufe des Jahres weiterentwickeln oder überhaupt erst entstehen – und genau diesen Gestaltungsprozess wollen wir sichtbar machen.“
Frankfurt als Designhauptstadt: Programm umfasst 450 Vorhaben
Tatsächlich umfasst das derzeitige Programm rund 450 Vorhaben – von eigenen Formaten über Kooperationen bis hin zu Beiträgen aus einem offenen Aufruf. Gebündelt sind sie in fünf thematische Schwerpunkte, die Gestaltung als gesellschaftliche Praxis erlebbar machen sollen.
Treffpunkt: „Der Kiosk der Solidarität“ ist ein Projekt der World Design Capital.Monika Keiler
Doch sagen viele Beobachter, dass man spät dran sei mit der Entwicklung des Programms, mit der Inszenierung von Projekten. Exemplarisch dafür steht die Absage der ursprünglich für Anfang November geplanten Auftakt-Pressekonferenz, sie wurde auf Mitte Januar verschoben. Carolina Romahn gibt zu, dass ein solches Mammutprojekt nie vollständig planbar sei: „Jede Veranstaltung ist erst dann fertig, wenn sie stattfindet.“
World Design Capital: Auftaktfeier am 16. Januar 2026
Zu den zentralen Eckpunkten des Designjahres in der Region gehört das „Grand Opening“ am 16. Januar in der Centralstation Darmstadt. Mit dabei sind Ministerpräsident Boris Rhein (CDU), Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD), Vertreter der Kommunen, der World Design Organization sowie Stimmen aus Wissenschaft und Kultur. Der Abend soll die Region als Labor für zukunftsweisende Gestaltung positionieren – mit Reden und künstlerischen Inszenierungen.
Ein weiterer Baustein ist der WDC-Campus im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Von April an präsentieren dort mehr als ein Dutzend Hochschulen ihre Arbeiten, entstehen soll so ein interdisziplinäres Schaufenster zwischen Design, Architektur, Kunst, Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften. Hinzu kommen Panels, Workshops und Vorträge, die den Nachwuchs ebenso adressieren wie Fachpublikum.
Große Beteiligung: Im April 2024 fand die Signing Ceremony zum Auftakt der World Design Capital Frankfurt/Rhein-Main im Congress Park Hanau statt.Ben Kilb
Öffentlichkeitswirksam soll auch die Open Design Week im Juni werden. Zehn Tage lang öffnen Agenturen, Studios, Werkstätten und Unternehmen in der gesamten Region ihre Türen. Mit dem Hessischen Kreativwirtschaftstag zum Auftakt und dem international bekannten Forward Festival am zweiten Wochenende wollen die Veranstalter ein Signal setzen. „Wir wollen Menschen einladen, in der Region Dinge zu erleben – Projekte und Experimente, die über den Alltag hinausgehen“, sagt Romahn. Gleichzeitig bestehe weiterhin die Möglichkeit, sich zu beteiligen, etwa mit eigenen Programmpunkten oder offenen Formaten.
Warum die Kreativwirtschaft für Rhein-Main wichtig ist
Design als Wirtschaftsfaktor spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Kreativwirtschaft zählt in Hessen rund 150.000 Beschäftigte und erwirtschaftet etwa 17 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Mehr als 35.000 Kreative arbeiten allein in Frankfurt, wo mehr als die Hälfte der hessischen Branchenumsätze erzielt wird. Dass das Land Millionen in die World Design Capital investiert hat, ist auch Ausdruck des politischen Interesses, diese Stärke sichtbarer zu machen.
Gleichzeitig ist aus der Branche zu hören, dass man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben solle. Beobachter vergleichen den Titel mit jenem der Kulturhauptstadt Europas – und das Budget der World Design Capital sei deutlich kleiner. Die Initiatoren verweisen darauf, dass es ihnen weniger um spektakuläre Einzelprojekte gehe als um Vernetzung und gemeinsames Gestalten über Stadt- und Ländergrenzen hinweg. „Das Bedürfnis nach einem ‚Wir‘ in der Region ist groß“, sagt Romahn. Die Resonanz zeige, dass die World Design Capital längst beginne – nicht erst 2026.
Ob die Ziele erreicht werden, soll eine umfangreiche Wirkungsstudie messen, die sich an einer Vorlage aus Valencia orientiert. Die Stadt hatte 2022 als World Design Capital deutlich mehr Besucher verzeichnet als sonst.
Für Frankfurt und Rhein-Main beginnt nun der Praxistest. Der Titel allein verändert noch nichts. Erst wenn Projekte sichtbar werden, wenn Kommunen, Unternehmen und Bürger gleichermaßen erkennen, was Gestaltung im Alltag bewirken kann, wird sich entscheiden, ob die World Design Capital mehr war als ein gut klingender Name. Der 1. Januar ist dafür erst der Anfang.