Es war wieder einer dieser weisen Sätze, die Helmut Schmidt in die Welt hinaus paffte, wahrscheinlich durch den Nebel einer frisch gezündeten Zigarette: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte der Bundeskanzler einstmals. Wie gewitzt und lustig, dass die Augsburger Puppenkiste diesen Satz jetzt als Grundidee für eine irre Show nimmt. Wortwörtlich. So wie beim Starkbieranstich am Nockherberg die Politiker mit Schauspiel-Doppelgängern jedes Jahr „derbleckt“, also veräppelt werden – so macht es die Puppenkiste mit Marionetten. Polit-Kabarett mit Puppen-Doubles, Premiere ist jedes Jahr an Silvester. Diesmal spielt die Show in einem ärztlichen Wartezimmer, inklusive Miniatur-Topfpflanze und kleiner Psychologencouch. Der strubbelhaarige Doktor „Hobert Rabeck“ wackelt herein und begrüßt hier die Patienten seiner Anstalt – einer „Anstalt für Realitätsverlust“.

Söder, Merz, Bär und weitere erweisen sich als ideale Patienten. „Sie glauben immer noch, dass sie wirklich die Regierung sind“, sagt Dr. Rabeck. Aussicht auf politisch-medizinische Besserung? Fragwürdig. Dafür hat das Publikum, das dieses neue Kabarettprogramm besucht, nun gesicherte Aussichten auf eine lustige, affige, aber auch sehr politische und artistische Show. Auf einem Niveau, das die Puppenkisten-Kabaretts der jüngsten Jahre übertrumpft. Und übertrumpt.

Die Augsburger Puppenkiste „derbleckt“ Markus Söder als Kini

Zurück in die Klinik: Eine rothaarige Ärztin im Kittel zappelt am Faden herein. In verbaler Überschallgeschwindigkeit beginnt sie zu quatschen, predigt über Sozialismus, Gerechtigkeit und das Patriarchat. Es ist der Volltreffer dieser Inszenierung, von Optik bis Stimme: Es ist die Puppe von Heidi Reichinneck, die sich hier der Illusion hingibt, den Laden aufzumischen und ihn auf links zu polen. Nur einmal gibt sie eine sehr kurze Antwort – und wundert sich selbst: „Unglaublich!UntereinerDinA4-SeiteTextkannichsonstnichtmaleinenKaffeebestellen…“. Krachendes Lachen im Publikum. Auf dem Patientensofa kauert dagegen – optisch extrem nah an sein Vorbild herangeschnitzt, aber nur mit kleiner Sprechrolle – Felix Banaszak, der sich der Vision hingibt, einmal wirklich geliebt zu werden von den Wählern. Und das als Chef der Grünen. Dann aber donnert die Assistentin der Anstalt heran, die Fränkin Dorothee Bär fährt die „Tabledden“ auf dem Rollwagen herein. Volltreffer Nummer zwei. Im Kern geht es um die Show der Macht, das Gepolter der Politik, die aber kein Rezept findet gegen Krisen und Trumpismus in der Welt.

Eindrücken von den Proben, hinter den Kulissen: Felix Bannaszak und Heidi Reicinnek sind die neuen Köpfe im Kabarett, dazu gesellen sich Dorothee Bär und Friedrich Merz.

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Eindrücken von den Proben, hinter den Kulissen: Felix Bannaszak und Heidi Reicinnek sind die neuen Köpfe im Kabarett, dazu gesellen sich Dorothee Bär und Friedrich Merz.
Foto: Ulrich Wagner

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Foto: Ulrich Wagner

Mitten in diese Gedanken knallt er: Markus Söder, gehüllt im royalen Mantel, aufgehübscht mit König-Ludwig-Bart. Er, mehr Burger King als ein echter „Kini“, eher ein Wurstkonsum-Influencer, der sich für den Thronerben hält? „Realität is a Illusion, die auf mangelnden Fleischkonsum zurückzuführen ist“, fränkelt der Ministerpräsident. Die Puppenkiste spart an diesem Abend so gar nicht mit – mal stilvollen, mal gröberen – Spitzen gegen Söder. Der Bayernkönig legt dann auch einen prunkvoll, weiß gefiederten Bühnenabgang hin und entschwindet in ein Szenenbild-Alpenpanorama. Politischer Schwanengesang?

Donald Trump taucht als Gorilla in der Show auf

Nach der politischen Ouvertüre folgen, so ist es Tradition, viele kürzere Sketche, mit vielen kleinen, liebevollen, wechselnden Kulissen. Ein gelungener Gag zielt auf Friedrich Merz‘ Raunen um Probleme im Stadtbild ab – wobei am Ende des Sketches zwei Polizisten im rosa Tutu und auf einem Einhorn durch das Stadtbild reiten. Hätten sie bloß nicht auf Merz gehört, hätten sie also lieber nicht ihre Töchter nach Rat gefragt.

Eine Affennummer führt dann in die Weltpolitik: Ein riesiger Handpuppen-Gorilla tanzt zum Affensong aus dem Dschungelbuch. Er krallt sich dabei die amerikanische Freiheitsstatue und singt, dass ihm alle Frauen gehören und ganz USA obendrein. Ein Schelm und Trumpel, nein Trampel, wer Böses dabei denkt. Durch den Saal klingt jetzt Applaus mit erhöhter Lautstärke. Was der Puppenkiste an diesem Abend gelingt? Politische Haken zu schlagen, ohne sich dabei in den schlimmsten News zur Weltlage zu verheddern.

Für den Ausgleich sorgt das zweite Element des Abends: Puppenvariété mit Musik und Poesie. Voller Zauber eine Nummer, in der vier Ballerinen zwischen antiken Säulen zu Saitenmusik tänzeln. Andere Nummern fallen in die Kategorie herzig und schrullig: Eine Schnecke verwandelt ihr Schneckenhaus in eine Discokugel, Salamander tanzen im Club und schütteln das Hinterteil. Eine Handpuppen-Operndiva nervt wiederum ihren Klavierbegleiter, bis der zur Schnapsflasche greift. Überhaupt spielt die Musik clever abgestimmt mit: Das Song-Repertoire reicht von „Light my Fire“ bis zur Discohymne „Dreams are my Reality“. Also: „Träume sind meine Wirklichkeit“? Das ist der Effekt, den Puppenspiel in schönen Momenten erreicht: Illusion und kurzzeitiger Realitätsverlust.

Auch Mammut und Neandertaler sind wieder mit dabei

Wenn für den nächsten schnellen Kalauer flott ein neues Bühnenbild herbeigerollt wird (welch ein Aufwand für einen kurzen Lacher!), dann überbrückt auch wieder eine Stimme aus dem Off die kurze Pause – und poltert dabei Flach- und Tieffliegerwitze. Diesmal fallen die Gags deutlich lustiger aus, zielen etwas zielgenauer auf die Lachmuskeln des Publikums. Andere Pausenwitze kommen dagegen auch zotig daher.

Dieses Kabarett baut auf Tradition, seit 1950 tanzen hier am letzten Tag des Jahres die Puppen. Alte Publikumslieblinge wie Mammut und Neandertaler („Luggiluggi!“) lösen im Publikum wieder glückliche Seufzer aus. Und da ist noch einer, der nie fehlen darf beim „Derblecken“: Der Kasperl begrüßt zu Beginn wie immer die „Bubala und Mädala“ im Publikum, und seine Rede hätte auch ein leichtes „Tritratrulala“ werden können. Doch sein erster Monolog schlägt stark ein bei den Zuschauern, die Pointen sitzen: Kasperls Leit- und Leidthema ist die politische Wurschtigkeit. Genauer: Das EU-Verbot, dass vegane Waren nicht mehr als Wurst, Schnitzel oder derlei bezeichnet werden dürfen. Und da hat der Kasperl doch glatt aus Versehen ein Hackschnitzel verzehrt.

Schwachsinn trifft Hintersinn beim Puppenkisten-Kabarett

Süße Kulissen, ausgewählte Synchronstimmen, dazu Puppenspieler hoch oben auf der Brücke, die Fadenakrobatik leisten: Diese Show hat Tempo, Biss und diesmal auch eine gesunde Dosis Schwachsinn – mit und ohne Hintersinn.

Info: Alle Informationen zu allen weiteren Vorstellungen und den Tickets unter www.puppenkiste.com.

  • Veronika Lintner

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  • Puppenkiste

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  • Markus Söder

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