Die Zuntz gehören zu den zahllosen jüdischen Familien, die durch die Schoah auseinandergerissen wurden. Manche Familien wurden sogar komplett ausgelöscht. Doch der Künstlerin Ruthe Zuntz gelingt im Jüdischen Museum Frankfurt eine sehr persönliche Ausstellung – die Schoah wird konkret greifbar an einigen wenigen, nicht an anonymen Opfern. »What a familiy! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus«, so der Ausstellungstitel, spürt der Familiengeschichte auf historischer, persönlicher und künstlerischer Ebene nach.

Briefe an die Tochter

Die Schau beginnt mit Karl Zuntz (1897 – 1944), Ruthes Großvater, der in Frankfurt die Rothschild-Stiftung für mittellose jüdische Mädchen leitete. Er starb 1944 in Auschwitz; einige seiner Kinder hatte er schon 1939 nach Palästina geschickt, darunter Simon, Ruthes Vater. Ruthe wurde 1971 in Haifa geboren und ging als 20-Jährige der Liebe halber nach Berlin. Das war für Simon, der 1929 in Frankfurt geboren wurde und dort seine Kindheit bis zur Flucht verbracht hatte, der erste Anlass, seiner Tochter fortan fleißig Briefe zu schreiben.

Zuerst über seinen Alltag, dann über die Lage in Israel, schließlich kramte er Kindheitserinnerungen aus. »Funken der Erinnerung blitzen auf, wenn ich Dir schreibe, aber ohne chronologische Ordnung«, teilt er Ruthe mit. Die schwärmt von den Briefen als »Schatz«, auf den sie nach Simons Tod 2021 mit ihrer Fotokamera antwortet und all die Orte aufsucht, die er beschrieben hat: die Wege zum Kindergarten, zur Schule oder zum Freund Markus.

Dass er sich überhaupt an diese Erinnerungen, über die er vorher nie gesprochen hatte, wieder wagte, hängt mit einem seiner ersten Besuche der Tochter 1991 zusammen. Simon suchte an jedem Ort, wo er weilte, im Telefonbuch nach dem Namen Zuntz. Tatsächlich war in Berlin ein Peter Zuntz verzeichnet, der schon 1964 das KZ Auschwitz besucht hatte und dort im Museum einen Koffer sah, auf dem der Name Karl Zuntz stand.

Der Koffer in Auschwitz

Das ließ ihm keine Ruhe, da er glaubte, der einzige Überlebende mit diesem ungewöhnlichen Namen zu sein. Peter floh als Kind mit der Mutter aus Nazi-Deutschland und kehrte 1958 wieder zurück. Erst 1991 erfuhr er, dass ein Jehuda Zuntz in Israel 1988 den Stammbaum der Familie erforscht und in einem Buch dokumentiert hatte. Kurz danach trifft Peter dann Simon in Berlin und erzählt ihm von dem Koffer in Auschwitz – für Simon brach eine Welt zusammen, hatte er doch gehofft, dass sein Großvater überlebt hatte. Das war die Initialzündung, endlich über die Vergangenheit zu sprechen.

Dass die Zuntz eine urdeutsche Familie sind, wird im zweiten Raum an 18 Persönlichkeiten deutlich. Am Beginn steht Pesach, der um 1478 bis 1488 mit Frau und Kind vor judenfeindlichen Ausschreitungen aus Zons flüchtete, heute ein Stadtteil von Dormagen zwischen Köln und Düsseldorf. Ihr Ziel war Frankfurt, das für drei Jahrhunderte zur Heimat der rasch wachsenden Familie wurde. Später gingen die Nachkommen nach Großbritannien, Israel, in die USA und nach Asien.

Als Pesach im 15. Jahrhundert flüchtete, war es allerdings noch Usus, den Wohnort auch als Nachnamen zu wählen – aus Zons wurde Zuns oder Zunz, später Zuntz. Berühmte Personen sind darunter, etwa Leopold (1794 – 1886), dessen Übersetzung der hebräischen Bibel bis heute als Standard gilt. Oder Rachel (1787 – 1874), die 1837 in Bonn eine Kaffeerösterei gründete.

Kaffeerösterei ging an Dahlmayr

Die Firma war sehr erfolgreich und hatte Filialen in Berlin, Köln, Hamburg und Dresden. Unter den Nazis wurde sie »arisiert«, ab 1951 nach und nach an Dallmayr verkauft – der Name Zuntz verschwand vom Markt.

Rosel wiederum war 1916 die erste promovierte Frankfurter Ärztin, Julia war die zweite Ehefrau des Künstlers Lyonel Feininger. All diese historischen und persönlichen Geschichten führt Ruthe Zuntz sehr einfühlsam in einer Multimedia-Installation zusammen.

Sie lässt Simons Briefe im Wind flattern, spielt das Meeresrauschen von Haifa ein, lässt Teile der Briefe vorlesen und antwortet dann auf Simons Erinnerungen an die Kindheit mit heutigen Frankfurt-Fotos. So entsteht auf berührende Weise ein Gesamtbild der wechselhaften Familiengeschichte. Aber, so fragt sich der Besucher, was ist, wenn bald alle Zeitzeugen tot sind? Wer hält dann die Erinnerung an die Schoah wach?

b»What a familiy! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus«; bis 15. Februar;
geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 20 Uhr. Internet: https://www.juedischesmuseum.de

CHRISTIAN HUTHER

Hintergrund

Die Kaffeerösterei der
jüdischen Familie Zuntz
dehnte sich von Bonn ab 1840 rasant aus, mit
Filialen in Berlin, Hamburg,
Köln und Dresden.

Foto: Herbert Fischer