Das Wahnsinns-Jahr der Füchse Berlin: erste Meisterschaft in der Daikin Handball-Bundesliga, Trennung von Trainer Jaron Siewert und Sport-Vorstand Stefan Kretzschmar, Schale geklaut. Jetzt spricht der Berlin-Boss im exklusiven Interview.

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SPORT BILD: Herr Hanning, die Frauen-Nationalmannschaft hat bei der WM für große Begeisterung gesorgt. Was können die Männer bei der bevorstehenden EM von den Silber-Frauen lernen?
Bob Hanning (57): Zunächst einmal: 5,8 Millionen Menschen vor den Bildschirmen zu begeistern, das ist eine außergewöhnliche Leistung. Die Frauen haben damit auch den Männern einen großen Dienst erwiesen, weil es auf die gesamte Sportart einzahlt. Zum ersten Mal wurde nicht nur erzählt, sondern wirklich geliefert. Enthusiasmus, Leidenschaft und die Bereitschaft, die Komfortzone zu verlassen – das sind Eigenschaften, die uns bei der Männer-Europameisterschaft ebenfalls guttun werden.
Können Sie sich vorstellen, selbst einmal eine Frauenmannschaft zu trainieren?
Nein, das kann ich mir tatsächlich nicht vorstellen, weil ich mich im Jugendhandball wohlfühle. Meine Passion ist die Entwicklung junger Menschen, insbesondere im Jugendhandball. Im Frauenbereich habe ich keine Erfahrung, und es gibt dort viele sehr gute Trainerinnen und Trainer, die das besser können als ich. Dass Bundestrainer Markus Gaugisch der Frauen-Nationalmannschaft gutgetan hat, ist offensichtlich. Er hat Strukturen verändert, personell wie inhaltlich. Für den Verband war das ein Glücksgriff.
Ist er in der modernen Ausrichtung weiter als die Männer-Nationalmannschaft?
Markus ist ein innovativer Trainer, das hat er gezeigt. Und ich bin überzeugt, dass Alfred Gislason ebenfalls die richtigen Schlüssel finden wird, um den gleichen Weg erfolgreich zu gehen.
Sie sind seit diesem Jahr auch Nationaltrainer Italiens und damit der einzige deutsche Coach bei der EM in Dänemark, Schweden und Norwegen. Was sagt das aus?
Früher gab es Nationen, die den Handball geprägt haben – inklusive ihrer Trainer. Jugoslawische, später isländische oder skandinavische Trainer haben sich gegenseitig unterstützt und empfohlen. Diese Kultur gab es in Deutschland so nie. Unabhängig davon ist es für mich eine große Ehre, Deutschland als Trainer vertreten zu dürfen.
Angenommen, Italien würde bei der EM Deutschland schlagen – was wäre das im Fußballvergleich?
Das wäre so, als würde Deutschland gegen Albanien verlieren.
Bob Hanning über die Handball-EM: „Wer sich keine Medaille zutraut, denkt aus meiner Sicht zu klein.“
Sie haben aber höhere Ambitionen als Albanien?
Das ist richtig. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich immer versuche, hohe Ziele zu setzen, dass mich das mein Leben lang treibt. Natürlich sind wir krasse Außenseiter, aber das ist mir suspekt. Das ist nicht meine Art, damit umzugehen. Zielsetzung ist es, in die Hauptrunde zu kommen. Das klingt jetzt vermessen und ist vielleicht auch nicht zu erreichen, aber ich reiße lieber hohe Ziele, als nur übers Stöckchen zu springen.
Sie haben in SPORT BILD einmal Ihre Vertrags-Auflösungsklausel verraten: Bei einer vorzeitigen Trennung vom italienischen Verband gibt es in Rom ein schönes Essen mit einem teuren Wein. Haben Sie auch eine Erfolgsklausel?
Also, das ist wirtschaftlich gesehen wirklich ein Hobby. Ich habe gerade meine Prämie für die EM-Qualifikation mit meinem Co-Trainer geteilt, weil es für mich alles ist, nur kein Projekt, um Geld zu verdienen – sondern wirklich eine Herzensangelegenheit, das einfach zu tun. Ich glaube, dass ich wirklich das Beste bin, was Italien passieren konnte, weil ich weiß, wie Erfolg funktioniert und wie man Erfolg wahrscheinlicher machen kann. Und ich treffe auch die Mentalität der Italiener ganz gut mit Emotionen und Herz. Und auf der anderen Seite geben mir die Spieler und der Verband alles das, wonach ich mich sehne.
Gab es Momente, in denen Sie mal dachten: Okay, ist doch ein anderer Kulturkreis? Also Rotwein zum Mittagessen, so wie bei italienischen Fußballmannschaften.
Nein, das gab es tatsächlich nicht. Aber ich durfte keinen Cappuccino mehr nach dem Mittagessen bestellen, weil die Italiener das nicht tun.

Die deutschen Handball-Frauen schafften es bis ins WM-Finale
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Welche Erwartungshaltung sollte die deutsche Mannschaft bei der EM haben?
Ich hoffe, dass DHB-Präsident Andreas Michelmann das Halbfinale als Ziel ausruft – so wie er das bei unseren Frauen zuletzt getan hat. Die Chancen auf eine Medaille waren selten so gut wie jetzt. Wir haben – mit Ausnahme der Linkshänderposition – ein Überangebot an Spielern. Ich mag auch wirklich nicht mehr hören, dass wir nicht erfahren genug sind. Das würde mich rasend machen, weil es einfach nicht stimmt. Wir haben natürlich die ganz erfahrenen Spieler, dann haben wir aber auch Spieler wie Juri Knorr oder Julian Köster, die auch ganz viele Turniere gespielt haben. Nehmen wir Nils Lichtlein nur als ein Beispiel: Der ist viermal Deutscher Meister geworden in der Jugend. Der ist Deutscher Meister geworden bei den Männern. Der trägt uns in der Champions League. Das ist Erfahrung, auch auf internationalem Format. Wer sich keine Medaille zutraut, denkt aus meiner Sicht zu klein.
Die Personalie Gislason wurde nach den letzten Turnieren immer mal in unterschiedlicher Lautstärke diskutiert. Mit der schweren Gruppe mit Spanien, Österreich und Serbien könnte die wieder lauter diskutiert werden, oder?
Ich lehne jede Bundestrainer-Debatte zum jetzigen Zeitpunkt ab. Alfred hat einen Vertrag bis 2027, wir haben uns gemeinsam für diesen Weg entschieden. Alles andere ist unredlich. Diese ständigen Schwankungen – heute Held, morgen Problemfall – helfen niemandem.
Im September haben Sie sich bei den Füchsen Berlin von Sport-Vorstand Stefan Kretzschmar und Trainer Jaron Siewert getrennt. Zumindest für Außenstehende überraschend. Was würden Sie heute anders machen?
Gar nichts. Tatsächlich nichts. Wir hatten uns entschieden, vor der deutschen Meisterschaft keine Vertragsgespräche mit Spielern und Offiziellen zu führen. Im Nachhinein sage ich: Gott sei Dank haben wir das so gemacht, weil wir sonst nie Deutscher Meister geworden wären. Wir wollten uns in Ruhe Ende September zusammensetzen, gemeinsam mit meinem Nachfolger Paul Drux, um neue Strukturen zu schaffen, die die Erfolgsgeschichte auch für die Zukunft absichern. Dazu musste ich im wirtschaftlichen Bereich auch noch entscheidende Gespräche führen. Ich hatte keine andere Chance, als so zu handeln – inklusive der Verpflichtung von Nicolej Krickau, der dann beide ersetzt hat.
Harter Hanning-Vorwurf an Kretzschmar: „Durch den Post von Stefan ohne Vorwarnung…“
Quelle: DYN07.09.2025
Herrscht jetzt Eiszeit zwischen Ihnen und Kretzschmar?
Mit Stefan hatten wir verabredet, dass wir uns im Dezember mal zusammensetzen. Da bestehen aber wirklich gar keine Berührungsängste. Es war eine sehr erfolgreiche Zeit mit ihm. Es wird wieder eine sehr erfolgreiche Zeit ohne ihn. Trotzdem hat Stefan mich gechallenged und unseren Verein besser gemacht. Und er wird natürlich immer genauso wie Jaron mit dem Erfolg dieses Vereins verbunden bleiben.
Im ersten Heimspiel nach der Trennung mussten Sie eine Menge aushalten.
In der eigenen Halle nach 20 Jahren ausgepfiffen zu werden, das tat weh, das macht ja auch was mit einem. Trotzdem war ich von dem Handeln zu hundert Prozent überzeugt, dass das alternativlos war. Und ich wollte nicht im kommenden Sommer vor einem Scherbenhaufen stehen. Und wenn du das Gefühl hast, dass das, was du 20 Jahre aufgebaut hast, innerhalb der nächsten acht Monate vor einer Implosion steht, dann weißt du, dass du handeln musst. Von daher war das nicht mehr zu vermeiden.
Sie mussten in der Vergangenheit viele unpopuläre Entscheidungen treffen. Sind Sie gern der „Bad Guy“?
Wenn es nötig ist, bin ich gern der Bad Guy. Jeder Mensch möchte gemocht werden. Aber Verantwortung zu übernehmen und schwierige Entscheidungen zu treffen, gehört dazu. Und ich tue das, was notwendig ist und was für den Verein das Richtige ist – nicht, was für mich das Richtige ist.
Sie wurden dafür auch persönlich angefeindet. Wie geht man damit um?
Es gab keine Morddrohungen, aber massive Beschimpfungen. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Irgendwann habe ich es als Herausforderung angenommen. Wenn man überzeugt ist, richtig zu handeln, wächst man daran. Ein Leben ohne Höhen und Tiefen ist Mittelmaß – und mein Leben ist alles andere als Mittelmaß.
Bob Hanning verrät Details zu den Transfer-Verhandlungen mit Dika Mem
Welche Note geben Sie dem Füchse-Jahr 2025?
Eine glatte Eins. Wir sind wirtschaftlich komplett ausvermarktet, strukturell hervorragend aufgestellt und sportlich Deutscher Meister geworden. Natürlich hätten wir im DHB-Pokal gern mehr erreicht, aber insgesamt war es ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr. Ich möchte nach meiner aktiven Zeit als Geschäftsführer nicht an dem gemessen werden, was wir alles erreicht haben, sondern an dem, wie ich den Verein übergeben werde.
Was fehlt zur Eins mit Sternchen?
Der Champions-League-Sieg und die erneute Qualifikation für die Champions League. Dann wäre der Geschäftsführer sehr zufrieden.
Welchen Spieler vom SC Magdeburg, dem derzeit besten Klub der Welt, hätten Sie gern?
(überlegt lange) Keinen. Ich bin mit meiner Mannschaft zufrieden.
Und wenn Geld keine Rolle spielt: Welchen Spieler hätten Sie gern weltweit?
Dann fände ich es schon geil, wenn Dika Mem kommen würde. Ein Weltklassespieler sollte einmal in der NBA des Handballs gespielt haben, sonst ist er für mich kein Weltklassespieler. Mem ist ein kompletter Spieler, vorne wie hinten. Einer, der mir ein Champions-League-Finale gewinnen kann. Da brauche ich mir über andere keine Gedanken mehr zu machen. Es würde keines weiteren Spielers bedürfen. Dika Mem hat ja ein Angebot von uns unterschriftsreif und ausverhandelt auf dem Tisch liegen. Er muss sich jetzt zwischen Paris und uns entscheiden. Mein Gefühl sagt mir, dass er zu uns kommt.

Barcelona-Superstar Dika Mem (28) soll zu den Füchsen Berlin wechseln
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Flensburg-Star Simon Pytlick hat ja bereits für 2027 unterschrieben, kommt vielleicht sogar schon im Sommer. Dann haben Sie noch Welthandballer Mathias Gidsel. Wer zahlt diese Stars eigentlich?
Ich mache das hier jetzt über 20 Jahre, und wir haben noch nicht einmal eine rote Null geschrieben. Ich mache nur das, was geht. Wir haben von den Spitzenklubs mit weitem Abstand den geringsten Etat. Ich glaube, dass wir im Vergleich zu manch einer Geschäftsstelle woanders nur die Hälfte der Mitarbeiter haben, obwohl wir Champions League spielen. Ich glaube, dass wir in allen Themenfeldern sehr kostenoptimiert unterwegs sind. Wir haben einen Etat von elf Millionen Euro. Damit sind wir im Vergleich zu anderen vier, fünf Millionen unter denen. Wir haben Gidsel von zwei Sponsoren extra finanziert. Das Gleiche gilt auch bei Pytlick. Dazu kommt, dass wir die Positionen Sportdirektor und Trainer in eins gelegt haben und uns das alles mit dem neuen Ausrüster-Deal erlauben können – und ich habe immer noch eine Reserve auf dem Konto.
Es gibt ein Festgeldkonto bei den Füchsen?
Tatsächlich. Aber das möchte ich meinem Nachfolger in zweieinhalb Jahren unangetastet übergeben.
Welcher Job reizt Sie nach Ihrer Zeit bei den Füchsen noch?
Keiner im klassischen Handball. Ich habe immer gerne Anfang und Ende selbst bestimmt. Nach 20 Jahren ist es ein guter Zeitpunkt, etwas zu hinterlassen, auf dem andere aufbauen können. Was danach kommt, weiß ich noch nicht – aber Stillstand war noch nie mein Ding.
Im November wurde die Meisterschale aus der Füchse-Geschäftsstelle gestohlen. Gibt es inzwischen eine Spur?
Nein. Die Polizei ermittelt weiterhin. Wenn sie bis Januar nicht auftaucht, lassen wir eine neue Schale anfertigen. Das haben wir mit der HBL so besprochen.