Mitunter fühlt man sich in dieser Ausstellung von Iman Issa wie ein Kind. Wie eines, das noch nicht genügend Wörter kennt, um die Bilder, die es sieht, benennen zu können. Oder mit den Wörtern, die das Bild begleiten, noch nichts anfangen kann. Jedenfalls steht man ein ums andere Mal im Lenbachhaus vor einer dieser Skulpturen, liest das Kärtchen daneben – und fühlt sich wie der Teil eines großen Rätsels.
Denn die vermeintlichen Erläuterungstexte, wie man sie aus dem Museum neben den Kunstwerken kennt, sind mitnichten erläuternd. Im Gegenteil: Sie verwirren oder erheitern – mitunter beides. Denn was hat die Beschreibung von zwei Fotografien, die angeblich einmal im Westjordanland 2024, einmal in Zagreb 1993 aufgenommen wurden, mit diesem abstrahierten doppelten Lottchen aus Draht da an der Wand zu tun? Die Skulptur wirkt harmlos. Aber Orte und Jahreszahlen – irgendwo im Hinterkopf schrillen da Alarmglocken.
Oder wo liegt die Verbindung zwischen einem „Entwurf für ein Denkmal“ und den abwechselnd aufleuchtenden Kugellampen? Und warum steht neben einem schneeweißen ovalen Objekt, das an eine aufwärts fressende doppelte Pac-Man-Spielfigur erinnert, eine Texttafel mit dem Paradoxon „Selbstporträt von Alenka Zupančič, die den Witz erzählt: ‚Hier gibt es keine Kannibalen. Wir haben den letzten gestern gegessen.‘“?
„Self as Alenka Zupančič“ heißt diese Skulptur mit der daneben stehenden Texttafel mit dem Kannibalenwitz von Iman Issa aus der Reihe „Self-Portrait“ von 2020. (Foto: Courtesy Sylvia Kouvali / Iman Issa)
Das größte Rätsel aber kommt weiter hinten. Die zehnteilige Foto-Serie heißt tatsächlich „Das Spiel“ und ist die jüngste Arbeit von Iman Issa. Da soll man die Beschreibungen auf den Wandtexten den Bildern zuordnen. Obwohl angeblich nur eine Zuordnung richtig ist, muss man irgendwie über Kreuz denken, um die passende Antwort zu finden – sofern es sie überhaupt gibt.
Kommt einem irgendwie bekannt vor? Ja. Nur nicht aus dem musealen Kontext. All das erinnert an Bild- und Worträtsel, an Gesellschaftsspiele, ist aber mitnichten logisch. Spätestens jetzt wird klar: Die Texte sind kein Beiwerk. Sie sind wesentlicher Teil des Kunstwerks. Dazu da, unser Sehen zu verändern.
Doch wer ist diese Künstlerin, die sich fortwährend die Frage stellt: „Was ist ein Kunstwerk?“ Eine Künstlerin, die versucht, über ein spielerisches Konstrukt den Blick auf die Kunst anders zu lenken, den Betrachter zu irritieren und zum Nachdenken zu bringen?
Iman Issa stammt aus Ägypten, ist 46 Jahre alt und hat in Kairo Philosophie und Politikwissenschaften studiert. 2005 ging sie nach New York und studierte an der Columbia Bildende Kunst, wandte sich zunächst vor allem der Fotografie zu. Berlin wurde ihr zeitweilig zur zweiten Heimat, aktuell lebt sie in Paris, lehrt seit Anfang 2020 als Professorin für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Iman Issas Werk wird international ausgestellt, sie hat zahlreiche Preise erhalten, zuletzt den Ernst-Rietschel-Kunstpreis für Skulptur 2024.
Die Herkunft von der Philosophie erklärt vielleicht ihren gedanklichen Ansatz. Auch dies, dass sie Motive alter Artefakte neu deutet. Die „Heritage Studies“, eine Serie, die sie 2015 begonnen hat, nehmen Bezug auf historische Museumsobjekte und stammen aus unterschiedlichen Regionen und Traditionen. Eine Papyrusrolle wird zu einem kühnen roten Bodenobjekt. Herrscher verschiedener Dynastien zu reduzierten geometrischen Figuren. Diese sind ebenso klar und technisch sauber ausgearbeitet wie die „Selbstporträts“, die aus dem 3D-Drucker stammen.
„Car Wash“ ist eine frühe Videoarbeit von Iman Issa aus dem Jahr 2006. (Foto: Courtesy carlier gebauer, Berlin / Iman Issa)
Auch wenn sie oft skulptural arbeitet, so spielen Fotos oft eine große Rolle. Sowohl als gedankliche Ausgangsbasis als auch als Teil ihrer Kunstwerke. Und es gibt auch einige, vergleichsweise roughe Videos, wie „Car Wash“ von 2006, in dem sie zwei Männer beobachtet, die in einer Auto-Waschanlage arbeiten.
Doch den Ernst, der hinter all den vordergründig spielerischen Herangehensweisen von Iman Issa steht, begreift man erst draußen vor der Tür. Dort, links vom Eingang zur Ausstellung in einer Nische und leicht zu übersehen beim Hineingehen, läuft der Film „Proposal for an Iraq War Memorial“. Ein wildes fünfminütiges Video, zusammengeschnitten aus sogenanntem Found Footage, also gefundenem Bildmaterial, und Ausschnitten aus dem Hollywood-Märchenfilm „Der Dieb von Bagdad“ von 1940.
Wieder taucht der Begriff vom Denkmal auf. Wieder stimmt das, was man sieht, nicht überein mit den Texten, aber auch nicht der eigenen, von Tradition und Gesellschaft geprägten Vorstellung dessen, was ein Denkmal sein soll, sein darf, sein könnte. Irgendwann sieht man einen US-Soldaten auf einer Treppe irgendwo in einem irakischen Dorf mit dem Schnellfeuergewehr im Anschlag. Über ihm steht ein kleiner Junge und pinkelt ihm auf den Helm, oder zumindest wirkt es in der Perspektive so. Eine Szene, die noch surrealer anmutet als die vom Dieb von Bagdad, der auf einem Teppich davonfliegt. Natürlich reißt einen das zum Lachen hin. Doch die Bilder des verheerenden Bombardements, die dann folgen, brechen jeden Anflug von Heiterkeit.
Iman Issa will nicht spielen. Sie will darauf hinweisen: Hinter jedem Denkmal, hinter jedem Objekt und jeder Darstellung, die wir meist selbstverständlich hinnehmen, stecken oft Leid und Zerstörung. Das sollte man mitdenken, wenn man sich auf dieses große Rätselraten von Iman Issa einlässt – und sich definitiv nicht auf Bronzetafeln und Textkärtchen verlassen.
Iman Issa. Lass uns spielen, Lenbachhaus München, bis 12. April 2026