02.01.2026, 08:10 Uhr, Bistum Münster
Der Dom liegt im Halbdunkeln. Ein leises Summen im Chor, ein letzter Blickkontakt. Domkapellmeister Alexander Lauer hebt den Kopf. Was folgt, ist präzise getaktet, minutiös einstudiert – und doch jedes Mal anders. Mehr als 200 Mal hat die Dommusik Münster seit September die Licht- und Soundshow „Luminiscence“ im Dom live begleitet. An bis zu sechs Abenden in der Woche, oft dreimal hintereinander, haben mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher die 800-jährige Geschichte des Doms kennengelernt – die Dommusik war immer dabei.

Martin Dirking, Sabine Giesbert, Katharina Pago, Katharina Losinzky und Alexander Lauer (von links) im Altarraum des St.-Paulus-Doms, während sich dieser für eine weitere Aufführung von „Luminiscence“ langsam füllt.
© Bistum Münster
Gemeinsam mit einem jeweils 20-köpfigen Chor aus einem Pool von rund 70 Sängerinnen und Sängern aus dem Domchor, dem Knabenchor am Dom, und dem Mädchenchor am Dom sowie wechselnden Organisten trug Lauer die musikalische Verantwortung für nahezu jede Aufführung. „Zunächst wollten wir nur drei bis vier Vorstellungen mit Live-Musik begleiten. Als von Seiten des Veranstalters der Wunsch geäußert wurde, alle Abende mit einem Live-Chor anbieten zu wollen, haben wir diese Herausforderung angenommen,“ erinnert sich der Domkapellmeister.
Was folgte, war eine logistische und musikalische Kraftanstrengung. Urlaube, Probenpläne, Krankheitsfälle – alles musste koordiniert werden, damit jeden Abend ein vollständiger Chor im Dom stand. Und doch: Die Entscheidung, alle Aufführungen live zu begleiten, erwies sich als richtig. „Das Musikband, das abgespielt wird, ist immer gleich“, sagt Lauer. „Wir sind es nicht. Und genau das macht es lebendig.“
Denn der Live-Charakter war von Anfang an ein zentrales Anliegen. Während in anderen Ländern wie Frankreich und Spanien Chor und Orchester nur an ausgewählten Tagen auftraten, entschieden sich die Verantwortlichen in Münster für die dauerhafte Präsenz. „Das ist der Unterschied zwischen Dosensuppe und frisch gekocht“, beschreibt Lauer schmunzelnd.
Der Dom multisensorisch erleben
Mit den Wochen veränderte sich der Blick auf das Projekt. Die anfängliche Aufregung wich der Routine – und dann einer neuen Tiefe. „Manchmal kam man müde hin“, erinnert sich Sabine Giesbert an den einen oder anderen Abend. „Aber ich bin jedes Mal gestärkt wieder rausgegangen.“ Diese Intensität verlangte auch Selbstfürsorge: Kräfte einteilen, Stimme schonen, Pausen nutzen. Zwischen drei Shows am Abend entstanden kleine Rituale – Gespräche, gemeinsames Essen, kurze Ruhe. „Diese halben Stunden Pause schweißen zusammen“, sagt die 18-jährige Katharina Pago.
Die Frage, was eine multimediale Show mit einem sakralen Raum macht, begleitete das Projekt von Beginn an. „Am Anfang hatte ich Sorge, dass der Dom zur Konzerthalle wird“, sagt Lauer offen. Heute sieht er es anders: „Durch Luminiscence wurde sehr vielen Menschen ermöglicht, unseren Dom auch außerhalb der Liturgie multisensorisch zu erleben.“

Mehr als 200 Mal hat die Dommusik Münster seit September die Licht- und Soundshow „Luminiscence“ im Dom live begleitet.
© Marius Jacoby
Dass ausgerechnet liturgische Gesänge – Kyrie, Miserere, In paradisum – im Zentrum der Musik stehen, verleiht der Show Tiefe. „Es sind diese leisen Stellen“, sagt Martin Dirking, der in etwa 50 Shows mitgesungen hat. „Da merkt man, wie der Raum trägt.“ Lieblingsmomente gibt es viele: das „Miserere“ (Allegri) in der Dunkelheit, das schwebende „In paradisum“ (Fauré), das Sopran-Solo (Pérotin), das für manche „wie der Übergang in eine andere Welt“ wirkt.
Was die Dommusik besonders bewegt hat, sind die Reaktionen. Tränen, Zwischenapplaus, stehende Ovationen – und immer wieder die glücklichen Gesichter beim Auszug durch den Mittelgang. „Diese Freude spiegelt sich auf uns zurück“, sagt Martin Dirking. „Das hat man so nicht vom Band.“ Viele Besucher wussten zunächst gar nicht, dass sie einen Chor aus Münster hören. „Manche dachten, wir seien aus Frankreich“, erzählt Katharina Pago. „Wenn sie dann hören, dass es die Dommusik ist, staunen sie.“
“Das bringt die Chorfamilie zusammen”
Was bleibt nach mehr als 200 Aufführungen? Für die Dommusik ein Gefühl von Dankbarkeit. „Dass wir das machen durften, ist ein Geschenk“, sagt Katharina Losinzky. Künstlerisch wie menschlich habe das Projekt Spuren hinterlassen: Stimmtraining durch Regelmäßigkeit, neue Verbindungen zwischen Domchor, Knabenchor und Mädchenchor. „Das bringt die Chorfamilie zusammen“, sagt Katharina Pago und ergänzt: „Sängerinnen und Sänger im Alter von 16 bis 70 – das ist etwas Besonderes.“
Viele der Mitwirkenden verbindet mehr als dieses Projekt. Sie sind in der Dommusik groß geworden. „Das ist etwas sehr Familiäres“, sagt Katharina Losinzky. Gerade die vielen jungen Sängerinnen und Sänger, die aus Knaben- und Jugendchören hervorgegangen sind, sieht die 44-Jährige als großen Schatz: „Sie bekommen hier eine hervorragende musikalische Ausbildung – das ist nicht selbstverständlich.“ Luminiscence habe diese gewachsene Struktur einmal mehr sichtbar gemacht – und ihre Tragfähigkeit bewiesen.
Wenn nun die letzte Aufführung am 18. Januar verklingt, endet ein Kapitel, das den Dom neu hör- und sichtbar gemacht hat, findet der Domkapellmeister. Und auch als Musiker nimmt er etwas mit: „Wir haben gelernt, in der Routine nach Perfektion zu suchen und haben darin immer wieder Neues entdeckt.“ Und manch einer Sängerin oder einem Sänger wird an den kommenden Abenden vielleicht sogar etwas fehlen.
Ann-Christin Ladermann