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Astronaut watching tv on the moon. Digital media and streaming concept.Wie wird es weitergehen da unten auf der Erde? © istock

Die meisten Vorhersagen sind nicht so formuliert, dass man später feststellen könnte, ob sie jetzt richtig oder falsch waren.

Ich sage vorher, dass viele Leute Vorhersagen abgeben werden und dass wir nie zurückschauen und rausfinden werden, ob sie recht hatten.“ So lautete eine von vielen Prognosen auf der Technik-Diskussionsseite „Hacker News“, die rund um den Jahreswechsel 2009/2010 für das kommende Jahrzehnt abgegeben wurden. Ich fühlte mich kolumnistisch herausgefordert, las alle Jahreswechsel-Prognose-Diskussionen auf der Plattform von 2009 bis 2025 durch und machte mir Notizen.

Die Ergebnisse lassen sich grob in sieben verschiedene Kategorien unterteilen: Erstens naheliegende, schöne, aber traurig-falsche Prognosen.  „Zwischen 2010 und 2020 kommt öffentliches WLAN in allen Großstädten, es wird zu 100 Prozent aus Steuergeldern finanziert.“ Eine Vorhersage für die Jahre 2010 bis 2020, es ist in dieser Zeit nicht passiert und auch für das nächste Jahrzehnt sieht es schlecht aus.

Kategorie 2: Unerwartete und beinahe schon wieder ganz vergessene Ideen: „In allen Laptops wird eine SIM-Karte mit 3G eingebaut sein.“ Prognose von 2009, üblich ist es bis heute nicht. Vielleicht, weil die Verwaltung der SIM-Karte im Handy schon mühsam genug ist und sich niemand nach noch mehr SIMs sehnt.

Kategorie 3: Dinge, die zum Vorhersagezeitpunkt plausibel erschienen und dann doch nie passiert sind. „Ein Facebook-Handy“ (2012). 

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.deHier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © downloads.normanposselt.com/copyright.pdf

Kategorie 4: Naheliegend, im Prinzip richtig, aber in den Details knapp daneben. „Apple stellt das iBand vor, ein schmales Armband aus Glas, das sich mit dem iPhone oder iPad verbindet  … Uhr wäre ein alberner Name dafür, weil es ein Display ist, das sich ums ganze Handgelenk zieht, kein winziger eckiger Screen mit einem dummen Armband wie bei der Pebble“ Eine Prognose für das Jahr 2014, die Pebble war eine ganz neue Smartwatch mit E-Ink-Display. Die Apple Watch kam erst ein Jahr später und war dann … ein winziger eckiger Screen mit einem dummen Armband.

Kategorie 5: Zeitlose Prognosen. Dieses Jahr wird das Jahr, in dem sich Linux endlich als Betriebssystem für private Geräte durchsetzt! Wird unter dem Namen „The year of linux on the desktop“ seit 1998 für jedes Jahr vorhergesagt und ist meistens nicht ganz ernst gemeint. Bis 2022 hätte ich mich darüber intensiver lustig gemacht. Seitdem nutze ich selbst Linux und glaube deshalb jetzt daran, dass es nächstes Jahr wirklich passieren wird. Naja, vielleicht nicht gleich nächstes Jahr. Aber irgendwann! 

Kategorie 6: Prognosen, dass irgendeine Technologie oder Plattform dieses Jahr ausstirbt. Aussterben spielt sich auf viel längeren Zeitskalen ab. Lange Zeit bleibt unklar, ob das betreffende Ding wirklich tot ist, oder nur nicht mehr cool und nachrichtenwürdig. In dem Moment, in dem wirklich der letzte Mensch auf der Welt aufhört, es zu nutzen, erinnert sich schon kaum jemand mehr daran, dass es dieses Ding mal gab.

Kategorie 7: Dinge, die niemand vorhergesagt hat und die dann doch passiert sind. Den dramatischen Sprung bei der Qualität automatischer Übersetzungen im Jahr 2017 hat niemand vorhergesagt, genauso wenig wie die Tatsache, dass das alte, schon seit den 1950er Jahren vorhergesagte Thema „Künstliche Intelligenz“ kurze Zeit später noch in ganz anderen Bereichen irgendwie wichtig werden würde. Oder den großen Sprung bei Videokonferenztechnik und Homeoffice in den Jahren ab 2020.

Ein Problem bei dieser Analyse von Vorhersagen ist,  dass ich langweilige Prognosen überlese und mir nur die interessanten herauspicke. Und natürlich finde ich falsche Prognosen viel interessanter als richtige. Außerdem mache ich mir nicht die Mühe, die Gesamtmenge aller Prognosen zu kartieren, um so herauszufinden, ob vielleicht 78 Prozent davon stimmen oder doch eher nur 3 Prozent. Ginge auch gar nicht, weil die meisten Vorhersagen nicht so formuliert sind, dass man später feststellen könnte, ob sie jetzt richtig oder falsch waren.

Aus dem gleichen Grund nutzlos sind Prognosen, dass irgendeine Angelegenheit beliebter oder weniger beliebt als bisher sein wird. Der Prognose fehlt es an Details, sie lautet ja nur selten: „Im nächsten Jahr werden 78 Prozent aller in Deutschland lebenden Über-18-Jährigen mehr als 90 Minuten am Tag bei SchnikSchnak verbringen“. Selbst wenn jemand eine Prognose mit allen Details abgäbe, existiert später für die meisten Entwicklungen keine Statistik, aus der man entnehmen könnte, ob man recht hatte oder nicht.

Am sichersten ist es, die Zukunft überhaupt nicht vorherzusagen. Wenn man nicht gerade von einem Unternehmen dafür bezahlt wird, sich dessen Strategie für die nächsten fünf bis zehn Jahre auszudenken, kann man das nämlich auch einfach lassen. Aber lohnt sich trotzdem, denn es ist eine Beschäftigung, die klüger macht. Vor allem, wenn man die Zukunftsprognosen aufschreibt. Dann kann man später nachlesen, wie ahnungslos man früher war und deshalb wahrscheinlich auch in der Gegenwart noch ist. Ich mache das auch. Aber nicht heute und nicht hier.