Dresden. Silvesterkonzerte der Sächsischen Staatskapelle im Fernsehformat gelingen mittlerweile glücklicher als vor einigen Jahren, greifen die eigene Tradition auf und finden an den Rändern des Repertoires Zugewinne. Und nicht nur dort – auch im Publikum fielen am Silvestertag viele neue Besucher auf. Allerdings war zwischen den vielen Selfies war kaum ein Durchkommen im Foyer.

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Um so schöner, dass trotz Rahmenbedingungen wie einer Einweisung für die Fernsehaufzeichnung das musikalische Programm überzeugen konnte. Als Dirigenten hatte die Staatskapelle Andrés Orozco-Estrada eingeladen, sehnlichst erwartet wurde aber von vielen Sopranistin Pretty Yende. Im April noch hatte sie ihr Hausdebüt an der Semperoper (Lucia di Lammermoor) abgesagt, im Konzert gab es nun einen kleinen – Vorgeschmack? Denn nach diesem Auftritt kann man sich nur wünschen, dass die Südafrikanerin einmal für mehr als nur ein paar Arien und Duetten nach Dresden kommt.

Pretty Yende trat als erste schwarze Frau während der Apartheidjahre in Südafrika auf Opernbühnen auf.

von der Webseite der Berliner Staatsoper Unter den Linden

Neben einer Lockerheit im Spiel kann Pretty Yende mit einem Attribut punkten, das sie in die Reihe jener Sängerinnen und Sänger einordnen lässt, von denen man sagt, sie seien „eine Stimme“. Also eine Stimme, die nicht nur von hoher Wiedererkennbarkeit ist, sondern die mit ihrer Ausdruckskraft einnimmt und begeistert. Yendes Sopran hat einen goldenen Boden, an dessen Grund sie mühelos und weich an Mezzo- oder Altlagen anschließt, wie gleich „Una voce poco fa“ aus Gioachino Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ bewies. „Eine Stimme hört ich eben“ singt Rosina in ihrer Arie ausgerechnet – und schwang sich mühelos in Koloraturen, dass jede Lerche oder Nachtigall ernsthaft die Konkurrenz fürchten müsste. Doch Pretty Yende verband diese Spitzen nicht nur mit Charme, sondern einem geschmeidigen, vibrierenden Timbre ohne Brüche in den Höhenstufen – sagenhaft! Ausschnitte aus Victor Herberts „The Enchantress“ oder Duette wie Frederick Loewes „On the street where you live“ (aus „My fair Lady“) unterstrichen dies noch.

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Pretty Yendes Duettpartner Benjamin Appl konnte in Sachen Stimmschönheit mühelos mithalten, auch wenn der Bariton ein wenig von der Kollegin überstrahlt wurde. Zudem war bei ihm die Rollenauswahl nicht so stimmig wie bei Yende. Obwohl Dr. Malatesta („Bella siccome un angelo“ aus „Don Pasquale“, Gaetano Donizetti) durchaus ein jugendlicher Freund des Titelhelden sein kann. Aber als Vater Germont („Ah! Dite alla giovine“ aus Giuseppe Verdis „La traviata“) war Benjamin Appl – so schön er klang – weniger authentisch.

Trio fand zusammen

Neben den beiden Sängern war Capell-Virtuos Gautier Capuçon zu Gast. Am Ende fanden die sie noch zum Trio zusammen, davor hatte Capuçon einen Soloauftritt mit Joseph Haydn erstem Violoncellokonzert. Die Staatskapelle einmal ganz in ihrem (klassischen) Element, doch zeigten sich ausgerechnet hier die Grenzen des Unterhaltungsformats. Für eine intime, sinnliche Atmosphäre im Adagio fehlte die Ruhe, so wirkte es eher entrückt, mit einem sehr vordergründigen Cellisten, die Spannung zwischen ihm und dem Orchester wollte sich nicht einstellen. Auch Gautier Capuçons „Nachschlag“ in der zweiten Konzerthälfte, Nacio Herb Brown „Singin’ in the Rain“ (mit abgedrucktem Text im Programmheft), schien wenig cellogerecht und setzte das Instrument nicht wirklich passend in Szene.

Andrés Orozco-Estrada führte die Sächsische Staatskapelle gewohnt energisch und energiegeladen, punktgenau. Dass er ein Showtalent ist und manchmal eher wie ein Tänzer wirkt, sind Qualitäten, die beim Silvesterkonzert erlaubt sind. Insgesamt konnte das Orchester mit seiner Flexibilität in den sehr unterschiedlichen Stücken und dem Klang überzeugen. Trotzdem oder gerade machte das Vergleichen interessant: Richard Strauss‘ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ war eben im Dezember kurzfristig schon einmal ins Konzertprogramm gerutscht. Andrés Orozco-Estrada erwies sich als der eindeutig mitreißendere, schwungvollere Dirigent, Marie Jacquots Auslegung hatte dagegen mit ihrer Differenziertheit überzeugt, welche Soli noch stärker hervortreten ließ. Was einem besser gefällt, ist letztlich Geschmackssache.

Das Silvesterkonzert der Sächsischen Staatskapelle wurde vom ZDF übertragen und ist in der Mediathek abrufbar.

DNN