Tiefgaragen sind kahle Räume ohne Licht und Farbe? Der Künstler Christoph Niemann schuf in München, Bogenhausen ein Raumspektakel mit optischen Illusionen im Siebzigerjahre-Stil.
„Wie die Sprache ist Beton ein universelles Medium.“ Das Zitat, das den Charakter dieses Baumaterials treffend beschreibt, stammt von dem britischen Architekturhistoriker Adrian Forty und ist aus dem Jahr 2012. Bis heute ziehen uns der Beton und die baulichen Strukturen, die sich mit ihm erschaffen lassen, in ihren Bann. Vielleicht war es diese Faszination, die den Künstler Christoph Niemann dazu bewog, eine Tiefgarage im Münchner Stadtteil Bogenhausen mit einer ganz eigenen grafischen Strategie in einen echten Möglichkeitsraum zu transformieren.

Der Künstler auf einem illusionistischen „Podest“.
Markus BurkeTäuschungen schaffen neue Sichtweisen
Niemann nahm die quadratische Strenge der unterirdischen Architektur an und entwickelt daraus nicht nur eine Komposition von Farben und Formen. Sondern eine ganz neue, spannende, räumlich entgrenzte Welt. Beschränkungen durch Höhe, Breite, Länge verschwinden. „Ich wollte diesen quadratischen Raum aufbrechen, ihm eine neue Dimension von Dynamik und Weite geben“, sagt der Künstler. Dabei bediente er sich auch spielerischer Augentäuschungen. Das dreidimensionale Sehen verändert sich: Manchmal hat man den Eindruck, nicht auf dem Boden, sondern vermeintlich auf Podesten zu stehen. Bei alldem arbeitete Niemann nicht gegen den Baustoff Beton an, er arbeitete mit ihm. Durch seine Gestaltung merkt man, wie viel Optimismus, wie viel Zukunftsfreude dieser unterirdischen Architektur innewohnt. Zugleich geht man in dem hypermedialen Keller auf Zeitreise. Hier wird massiv mit den Siebzigerjahren geflirtet – und das in einer Villa, die das Architekturbüro Meier-Scupin aus München erst nach 2000 entworfen hat, in enger cokreativer Zusammenarbeit mit den Bauherren.
Der Beton als Leinwand
Farbenfrohe, fast grelle Impressionen spannen ein Netz an Verbindungs-Icons. Wir sehen Rampen, wir sehen Straßen – oder sind es Rollfelder? Die Idee idealer Mobilität entsteht – nicht unkritisch, aber doch in einer Weise, die die moralistische Stagnationsbegeisterung unserer Tage mit einer anderen Perspektive konfrontiert. Auf einmal ist sie auch Verheißung, nicht nur Problem. Das passt zur Nutzung, denn in der Tiefgarage sollen künftig Sammlerstücke aus dem Fuhrpark der Bauherren Platz finden. Da zeichnen sich Konflikte ab: Herrliche Oldtimer wie ein Fiat 500 oder ein alter Mercedes Kombi werden im Dialog mit Niemanns Kunst ihre eigene stilistische Extravaganz behaupten müssen. Sie werden aber auch ganz neu in Szene gesetzt. So wird dieser Raum zum Kinosaal, der Beton zur Leinwand. Niemann schafft im Sinn Adrian Fortys mediale Landschaften. Die Glätte der Betonwände hilft dabei, ebenso wie das unterirdische Setting. „Dadurch, dass wir unter der Erde sind, haben wir ein ganz anderes Licht“, sagt Niemann.
„Boden, Wand und Decke fließen ineinander. So entsteht ein endloser Raum. Das greife ich in meiner Malerei auf.“
Christoph Niemann

Optische Illusionen: Durch Formen und Farben werden Räume geschaffen, die es nicht gibt.