Eigentlich müsste die Ruggeri-Geige der Norwegerin Ragnhild Hemsing schon ganz eifersüchtig sein. Das Instrument des Barockmeisters aus Cremona, gebaut 1694, darf im Konzertsaal kaum noch mit den großen romantischen Konzerten von Max Bruch oder Felix Mendelssohn Bartholdy glänzen. Stattdessen muss es sich gegen die reich mit Perlmutt verzierte Konkurrenz aus Südnorwegen behaupten: die volkstümliche Hardangerfiedel, mit der Hemsing eine Nische in der Klassikwelt erobert hat.

Seit sie fünf Jahre alt ist, hat sie beide Instrumente gelernt. Hat die klassische Violinliteratur studiert, aber auch die reiche Volksmusiktradition der Region Valdres, die oft mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Hier, wo sie ihre Wurzeln hat, leitet sie gemeinsam mit ihrer Schwester Eldbjørg, die ebenfalls Geige spielt, ein Kammermusikfestival.

„Unser kulturelles Erbe hätte leicht verloren gehen können, wenn nicht Volksmusiksammler und Feldforscher wie Ludvig Mathias Lindeman Exkursionen in unser Tal und seine Umgebung unternommen hätten“, schreibt Hemsing im Booklet einer ihrer CDs. Der norwegische Komponist und Organist zog im 19. Jahrhundert durch Dörfer und kleine Gemeinden, um Musik aufzuschreiben – so wie Béla Bartók es einst in Ungarn und Rumänien tat. Aus dem Fundus von Lindemans Notizbüchern schöpften später andere Komponisten. So verwendete Edvard Grieg die Melodie des Kirchenlieds „Das achte Gebot auf Sinai“ in seiner Ballade g-Moll op. 24 für Klavier.

Der Geiger, von dem Lindeman diese Melodie hörte und aufschrieb, war ein Urururgroßvater von Hemsing. Sie hat immer wieder auf Lindemans Sammlung zurückgegriffen. Von Anfang an mochte sie es, das klassische Violinspiel mit dem Spiel auf der Hardangerfiedel zu kombinieren. „Als ich Teenager wurde, wäre es eigentlich normal gewesen, sich für eines der Instrumente zu entscheiden. Aber dann war ich sehr glücklich, als ich verstand, dass ich mich gar nicht entscheiden muss und meine musikalische Identität mit beiden leben kann“, sagte die Künstlerin in einem Interview.

Der Geige sieht die Hardangerfiedel auf den ersten Blick sehr ähnlich. Auf den zweiten fallen Unterschiede auf. Da sind zunächst die Verzierungen: Perlmutt-Einlagen auf dem Griffbrett und dem Saitenhalter, manchmal auch auf den Zargen des Instruments, dazu filigrane Holzmalereien auf der Decke und dem Boden. Aber das ist nur der optische Aspekt. Unter den vier Spielsaiten, die wie bei der Violine gestrichen werden, verlaufen fünf Resonanzsaiten, die mitschwingen und dem Klang schillernde Farben geben, zuweilen auch durchdringende Schärfe. Dementsprechend hat die Hardangerfiedel nicht vier Wirbel zum Stimmen, sondern neun. Statt einer Schnecke ziert oft ein Drachenkopf das Ende des Griffbretts.

Mit ihrer doppelten musikalischen Identität hat Hemsing sich nun einem musikalischen Heiligtum genähert, Edvard Griegs Musik zum Schauspiel „Peer Gynt“. Initialzündung für die Idee war das berühmteste Stück der Suite, die „Morgenstimmung“. Die Künstlerin erläutert: „Es ist allgemein bekannt, dass Grieg von norwegischer Volksmusik generell und speziell von der Hardangerfiedel inspiriert war. Das merkt man ganz direkt bei der „Morgenstimmung“, denn die ersten Töne entsprechen genau den Resonanzsaiten der Hardangerfiedel: A-Fis-E-D-E-Fis! Aber niemand hat bislang ausprobiert, diese Musik mit der Hardangerfiedel zu spielen.“

Beim Sternzeichen-Konzert der Düsseldorfer Symphoniker Mitte Januar führen Griegs berühmte „Peer Gynt“-Suiten zu einer besonderen Uraufführung hin. Gordon Hamilton, in Düsseldorf Publikumsliebling der „Green Monday“-Konzerte, komponierte für Ragnhild Hemsing ein Stück für Hardangerfiedel und Orchester. Die spannende Frage wird sein, wie der 1982 geborene Australier mit dem speziellen Klang des Instruments umgeht.