Ernüchterung. Ein Wort, das die Stimmung in der Ukraine schon seit Wochen wohl am treffendsten beschreibt – und es ist auch jenes Wort, das man diesen Samstag im Kriegsland wahrnimmt. Die Hauptgründe dafür sind aber nicht die andauernden russischen Angriffe oder die immer heftigeren Probleme im Inneren. Der stimmungsdrückende Grund liegt tausende Kilometer entfernt: in Venezuela.

Ukrainische Desillusionierung macht sich breit

Präsident Donald Trump bestätigte mittlerweile, dass es am Samstag einen Großangriff auf den südamerikanischen Staat gab, mit dem die USA bereits seit Wochen die Eskalation gesucht haben. Präsident Nicolas Maduro und seine Frau seien laut Trump gefangen genommen und aus dem Land gebracht worden. Der gezielte Militärschlag ist auch in der Ukraine das große Thema der Stunde – weil man daraus Lehren für den Krieg im eigenen Land ablesen will, und diese sind desillusionierend.

Eigentlich könnte man sich freuen, denn: Venezuela gilt wirtschaftlich, politisch und militärisch als enger Verbündeter Russlands. Jede Schwächung eines russischen Verbündeten müsste doch eigentlich Jubelstürme in der Ukraine auslösen. Venezuela zeigt, wie schon der Sturz von Assad vor knapp einem Jahr, wie begrenzt die russische Macht global im Moment wirklich ist.

Dass das zum überwiegenden Teil am Krieg in der Ukraine liegt, ist offensichtlich: Auch wenn die russische Wirtschaft nicht so stark leidet, wie man das im Westen gerne sehen würde, so steckt der Kreml doch enorme wirtschaftliche, militärische und logistische Ressourcen in den Krieg. Das reduziert Kapazitäten, um weltweit entscheidenden Einfluss auszuüben. Von einer internationalen Isolation Russlands kann man zwar nicht sprechen, trotzdem schränken die Sanktionen den Handel wie auch Finanzierungsmöglichkeiten des Landes ein.

„Die USA können dadurch, dass die Russen bei uns gebunden sind, tun und lassen was sie wollen. Eine bessere Einladung, unseren Krieg nicht zu beenden, gibt es wohl nicht“, sagt Karina am Samstagvormittag in Odessa. Es ist ein Narrativ, dass man dieser Stunden hier vermehrt hört – gepaart mit Enttäuschung, denn: Auch wenn die Realitäten der bisherigen Vorstöße von Trump in Richtung eines Friedens zwischen der Ukraine und Russland für erstere eher einer Kapitulation geglichen hätten, ist der US-Präsident – mit seinen sprunghaften Kursänderungen – doch noch eine der leisen Hoffnungen für die Bevölkerung vor Ort.

Unsicherheitsfaktor Donald Trump

Haben also die USA durch die Lehren aus dem Vorgehen gegen Venezuela gar kein Interesse mehr, den Ukraine-Krieg zu beenden, wie viele hier vermuten? Schwer zu sagen. Von konservativen Stimmen in den USA hört man tatsächlich: „Warum den Konflikt schnell beenden, wenn er Russland so schwächt?“

Ein Gedanke, der auf den ersten Blick makaber klingt, aber strategisch gesehen eine gewisse Eleganz für die Vereinigten Staaten hat. Doch das wäre zu eng gedacht, denn es lässt die Komponente Donald Trump aus dem Spiel, der stets die Kosten und den Nutzen von Macht kalkuliert. Dass er sich gerne als Friedenspräsident sieht, ist kein Geheimnis und man sollte diesen Aspekt seines künftigen „Vermächtnisses“ nicht unterschätzen.

So rational denkt man hier in der Ukraine aber freilich nicht. „Egal, wie sich das in Venezuela weiterentwickelt. Die USA haben ihre Finger nun am venezolanischen Öl. Was hat das für Signalwirkung für China in Bezug auf Taiwan“, erklärt Maksim, Soldat aus Charkiw. Was das Aufpoppen dieses Konflikts für die Ukraine zu bedeuten hätte, weiß man hier ebenso. „Daher lieferte der heutige Tag für uns ein schlechteres Signal als jegliche Rückschläge bei den Friedensverhandlungen der vergangenen Tage und Wochen und die Probleme an der Front.“

Eine weitere Quelle der Ernüchterung in der Ukraine speist sich nun aus der wieder ins Treffen geführten Debatte über das bilaterale Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska im Sommer 2025. In ukrainischen Medien und auf der Straße kursieren Spekulationen, Trump könnte Russland nun entscheidende Zugeständnisse im Ukraine-Konflikt anbieten und die Ukrainer endgültig vor den Kopf stoßen. Damals kursierten ja in der breiten Debatte Gerüchte, wonach ein Deal zwischen den beiden Staatschefs diskutiert wurde, wonach den USA mehr oder minder freie Hand in Venezuela und den Russen im Gegenzug in der Ukraine gewährt werde.