„Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ Diesen Satz ließ der Philosoph Francis Bacon im frühen 17. Jahrhundert als seine Erkenntnis von Denken und Erfahrung in die Welt wehen. Und wie das so ist mit weisen Formulierungen: Sie halten ewig, bleiben gültig – auch an diesem Dezembertag in der Uniklinik RWTH Aachen, wo in Raum 9 auf der sechsten Etage im A-Flur Verbundenheit und Glück zusammenfallen.
Dort sitzen Bianka Tröster und Justus Beier. Beide haben ein Jahr der Not, der Sorge, der Zuversicht, des Vertrauens, der Heilung in engem Kontakt erlebt. Am Ende ihres Gesprächs, dem wir lauschen dürfen, steht eine herzliche Verabschiedung. Man spürt, dass Tröster noch vieles sagen könnte und möchte. Sie ist Beiers Patientin gewesen, und ihre Blicke und Worte sind die eines zutiefst dankbaren Menschen.
Professor Beier ist Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie. Seine Aufgabe besteht darin, Entstellungen oder Defizite eines Körpers zu begradigen, gleichsam zurückzunehmen oder bestmöglich zu versorgen. Tote macht er nicht wieder lebendig, aber er rettet Menschen, die schwere Verbrennungen erlitten haben. Er versorgt Hände, bei denen kaum noch etwas funktioniert. Wenn er operiert, dann oft unter der Lupe, unter dem Mikroskop. Er forscht leidenschaftlich, etwa zur Regeneration von Gewebe mit Stamm- und Immunzellen.
Und er ist Bianka Trösters Arzt. In diesem Jahr hat er sie mehrfach operiert und durch die Rekonstruktion ihrer Brust beigetragen, dass ihr Leben unter schöneren Vorzeichen weitergeht.
Tröster, 1964 in Mönchengladbach geboren, führt einen Friseurladen an der Mosel. Sie ist eine hellwache Lebensgenießerin, ihrem Körper schenkt sie alle Aufmerksamkeit, die er im Namen der Medizin benötigt. Regelmäßig geht sie zur Gynäkologin und zur Mammografie. Das ist wichtig bei ihr, weil es in der Familie bereits Krebsfälle gab. Im Februar 2018 bekommt sie selbst einen positiven Befund: „invasives lobuläres Mammakarzinom links“. Es wird gottlob früh erkannt, es gibt keine Metastasen, in Koblenz wird sie operiert, dann bestrahlt. Außerdem muss sie das Medikament Tamoxifen nehmen. Dann hat sie fünf Jahre Ruhe. 2023 und auch ein Jahr später kehrt der Krebs als Rezidiv zurück.
Jetzt ist Tröster in Aachen in Behandlung, dort fühlt sie sich fachlich bestens aufgehoben und wird auch nachoperiert. Am 9. Oktober 2024 meldet die dortige Tumorkonferenz: „operative Therapie abgeschlossen“. Das böse Gewebe ist radikal wegoperiert. Doch statt einer weiblichen linken Brust ist jetzt dort „eine kalte Platte“, wie sie sagt.
Bianka Tröster erzählt das frei von der Leber weg, weil ihr die Betreuung durch die Aachener Ärzte sehr geholfen hat: „Ich bin wirklich kein ängstlicher Mensch. Und mich hat es sehr aufgebaut, dass Professor Elmar Stickeler, der Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin, mir stets gesagt hat, dass er an meiner Seite sei, wenn ich Hilfe brauche und an einen Aufbau der Brust denke.“ Zunächst ist sie nun, nach insgesamt drei Operationen, „einfach froh, dass das alles hinter mir liegt“.
Doch je mehr Zeit vergeht, desto häufiger denkt sie über „dieses Ungleiche“ nach. Sie fühlt sich eingeschränkt in ihrem Leben. „Ich gehe zum Sport, ich gehe in die Sauna. Das war jetzt für mich grausam. Ich habe mich verhüllt, was ich vorher noch nie gemacht habe.“ Und dann kommt die entscheidende Erkenntnis: „Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht gesund werde, wenn ich immer wieder auf diese Stelle gucke.“
Nun tritt Stickelers Kollege Justus Beier in die Szene. In Aachen regelt man solche Fragen wie in jeder guten Klinik interdisziplinär, auf Zuruf, kleiner Dienstweg – mit direkten Folgen für Bianka Tröster. Beier untersucht sie genau, er kennt alle Vorbefunde, schließt sich mit dem Kollegen Stickeler kurz. Dann bespricht er die Planung mit seiner Patientin. Er nimmt sich Zeit – in Raum 9 auf der sechsten Etage im A-Flur dieses riesigen Universitätsklinikums. Alles wird minutiös, Schritt für Schritt geplant. Beier hat solche rekonstruktiven Eingriffe so oft vorgenommen, dass er sich das finale Ergebnis in den allermeisten Fällen sehr gut vorstellen kann. Zwei bis drei Operationen würden es wohl werden, sagt Beier damals, am 15. Mai 2025, und Bianka Tröster willigt sofort ein: Sie bekommt eine „autologe plastische Rekonstruktion ihrer linken Brust“.
Sechs Tage später liegt sie erstmals unter Beiers Messer, es ist ein großer Eingriff, über vier Stunden. Beier benötigt nun körpereigenes Material, um der Brust gleichsam Füllmasse wortwörtlich einzuverleiben. Er erklärt das Vorgehen: „Aus der Unterbauchregion entnehmen wir das Transplantat, das wir in der Plastischen Chirurgie einen Lappen nennen, obwohl das immer ein bisschen komisch klingt. Aber es heißt nun einmal DIEP-Lappenplastik.“
Wichtig ist, dass dieser Lappen nicht einfach ein Stück Gewebe ist, er muss auch Blutgefäße haben, die es zuvor zu präparieren gilt. Er gleicht einer Art Gewebeblock mit einem zu- und einem abführenden Gefäßschlauch dran, also einer Arterie und einer Vene, die jeweils ungefähr zwei bis drei Millimeter Durchmesser haben. Und dann wird, was man im Unterbauch herausgenommen hat, an der Stelle in der Brust, wo man es braucht, neu ans Blutgefäßsystem angeschlossen.“ Es sind für diesen Anschluss die gleichen Gefäße, „wie sie Herzchirurgen bei einer Bypass-OP verwenden“.
Und wie macht Beier die Verbindung sicher? Mit einer extrem feinen Naht unter dem Mikroskop. Der Faden für die Arterie, die per Hand angenäht wird, hat „so ungefähr ein fünfzigstel Millimeter Durchmesser, also 20 bis 30 Mikrometer. Für die Vene gibt es ebenfalls die Möglichkeit, per Hand zu nähen. Wir machen seit 15 Jahren eine sogenannte Koppler-Anastomose, das ist ein elegantes Verfahren, das schnell und noch sicherer ist als die Naht.“
Die sogenannte narbige Platte, die aus den Voroperationen und der Bestrahlung resultiert, wird entfernt, „damit nur noch weiches, unbeeinträchtigtes Gewebe zu sehen ist“. Dann wird aus dem Transplantat „durch dessen Formung, Vernähung und Teilentfernung seiner oberflächlichen Hautschicht die Brust gebildet“.
Doch wie kann der Chirurg sicher sein, dass die Gefäßsituation im Unterbauch vor der Entnahme jenes Lappens überhaupt günstig ist? „Wir machen seit Jahren bei uns ein sogenanntes Angio-CT. Das macht den Eingriff deutlich sicherer und verkürzt die OP-Dauer, weil man die Gefäßsituation vorher wie bei einer Navigationskarte wunderbar dargestellt bekommt. Früher hat man immer quasi blind drauflos präpariert, bis man die nochmal kleineren sogenannten Perforatorgefäße, also eine Art Äste des Gefäßbaums im Lappen, entweder gefunden oder nach besser geeigneten an anderer Stelle gesucht hatte.“
Bei Tröster ist das alles nicht so einfach. Eine frühere Rückenoperation musste teilweise auch von vorne erfolgen, also durch die Bauchdecke hindurch. Für den Chirurgen Beier ist das jetzt „ein bisschen vernarbter und schwieriger“. Aber hinterher scheint Bianka Tröster das Prozedere ganz logisch, sie sagt mit einem Lächeln: „Der Bauch hat praktisch den Platz gewechselt.“ Das hat aber auch geklappt, weil die Patientin, wie Beier einräumt, keine Risikofaktoren mitbrachte: „Gesund, schlank, Nichtraucherin – das macht es dem Chirurgen natürlich leichter.“
Der große erste Schritt gelingt sehr gut. Nun kommt im zweiten das sogenannte Lipofilling, eine Eigenfett-Injektion ohne Blutgefäße. Beier: „Das ist technisch gesehen einfacher und hat auch weniger Komplikationen.“ Anderseits: „Man muss aber auch etwas finden, das man absaugen kann, was bei Frau Tröster nicht so einfach war, sie ist halt sehr schlank, und man kann damit leider auch nicht das Volumen einer ganzen Brust rekonstruieren.. Aber ein bisschen was haben wir gefunden, um kleine Deformitäten und Unebenheiten aufzufüllen.“ Dann muss noch – jetzt kommen die ästhetischen Dimensionen mit Symmetrie als wichtigem Gebot – links und rechts angeglichen werden. Neuerliche Straffung der Gegenseite. Die links fehlende Brustwarze wird von rechts per Nipple-Sharing transplantiert, der Vorhof aus der Haut der Oberlider gestaltet. Ein ganzer Körper, der potenziell als Ersatzteillager zur Verfügung steht? Ja, aber es muss halt auch passen.
Bianka Tröster erlebt diese neuerlichen Operationen mit einer vertrauensvollen Vision: „Aus dem ganzen Negativen muss etwas Positives werden, um richtig gesund zu werden und es zu bleiben. Dazu gehört die Optik für mich dazu.“ Für sie war von vornherein klar: „Das wird. Deshalb bin ich so klar und bewusst da durchmarschiert.“ Natürlichkeit war allerdings eine wichtige Prämisse: „Ich wollte ja nicht aussehen wie Dolly Buster“.
Am Abend des 3. November 2025 ist alles geschafft, alles vorbei. Der erste Blick von Bianka Tröster auf ihren Körper: Glück ohne Worte.
Der Rest ist chirurgische Nachsorge, Verbandswechsel, Wundkontrollen, anfangs noch Augentropfen für das Oberlid zur Befeuchtung, Schmerztherapie. Der letzte Arztbrief, aus dem auf Bianka Trösters ausdrückliche Genehmigung zitiert werden darf, schließt lakonisch: „Wir entlassen die Patientin am heutigen Tag mit in Abheilung befindlichen Wundverhältnissen in die ambulante Weiterbehandlung.“
Ein kleines Sahnehäubchen im Abspann: „Der Fadenzug entfällt bei Verwendung von resorbierbarem Nahtmaterial. Lediglich die Fadenknotenenden können ab dem 21. postoperativen Tag auf Hautniveau gekürzt werden.“ In die Sonne gehen solle Tröster vorerst nicht, heißt es, um das Risiko für Pigmentstörungen zu mindern. Es folgen Anweisungen für die Medikamente und die Thromboseprophylaxe „unter regelmäßigen Blutbildkontrollen“.
Bianka Tröster und Justus Beier erzählen das mit allen Details. Nichts wird verschwiegen, nichts beschönigt. Natürlich war es ein langer, schwerer Weg – sechs Operationen, davon fünf in Aachen. Aber jetzt kann Weihnachten kommen. In Raum 9 auf der sechsten Etage im A-Flur wirft das Fest, so empfindet es Tröster, seinen Schein voraus.
Heute würde Philosoph Bacon seinem Spruch vermutlich ergänzen: Nicht nur die Dankbaren sind glücklich, sondern auch diejenigen, die den Krebs überleben. Bianka Tröster wird weiterhin keine Untersuchung versäumen, damit ihr Kampf gegen den Krebs das bleibt, was er jetzt schon ist: ein Sieg.