Nichts deutet derzeit darauf hin, dass Kremlchef Wladimir Putin seine Eroberungspläne in der Ukraine aufgegeben hätte.

Mehr als 40 Jahre berichtete John Simpson für die BBC aus 120 Ländern. Seit den 1960er Jahren war er Augenzeuge von 40 Kriegen und gewalttätigen Konflikten. „Aber nie habe ich ein Jahr erlebt, das so beunruhigend war wie 2025”, zog er zum Jahres­ende eine persönliche Bilanz. „Beunruhigend nicht nur darum, weil zahlreiche Konflikte in der ganzen Welt wüten, sondern weil einer dieser Konflikte geopolitische Konsequenzen von beispielloser Bedeutung hat.”

Simpson meint damit den Ukrainekrieg, der im kommenden Februar bereits ins vierte Jahr gehen wird. Und trotz aller laufenden Verhandlungen deutet derzeit nichts darauf hin, dass dieser Krieg bald zu Ende gehen wird. Russlands Machthaber Wladimir Putin hat dies in seiner Neujahrsansprache erneut bestätigt, die er in erster Linie an seine Krieger in der Ukraine richtete: „Wir glauben an Sie und an unseren Sieg (. . .) Wir werden unsere gesetzten Ziele erreichen – für unser großes Russland!“

Obwohl aus Putins ursprünglich angenommenen Fünftagekrieg zur Unterwerfung der Ukraine nichts geworden ist, und die russischen Angreifer im Donbass auch im vergangenen Jahr nur im Schneckentempo vorangekommen sind, glaubt Putin weiterhin fest daran, dass sein neoimperiales Eroberungsprojekt gelingen wird.

Diesen offenbar unerschütterlichen Siegesglauben hat Putin möglicherweise auch deshalb, weil er von der Militärführung ständig falsch informiert wird. Laut einem Bericht der „Financial Times” vom Dezember präsentieren sowohl Verteidigungsminister Andrei Beloussow als auch Generalstabs­chef Waleri Gerassimow ihrem Präsidenten regelmäßig aufgebauschte Erfolgsmeldungen von den Schlachtfeldern in der Ostukraine. Die ukrainischen Verluste werden maßlos übertrieben, die eigenen taktischen Fehler kleingeredet und die materielle Überlegenheit hochgespielt.

Beispielsweise ist die Stadt Pokrowsk in Donezk, die seit mehr als einem Jahr umkämpft ist und deren Eroberung Moskau Anfang Dezember gemeldet hat, teilweise noch immer in der Hand der ukrainischen Verteidiger. Allein der Versuch, diese Stadt zu erobern, soll auf russischer Seite bis zu 150.000 Tote und Verwundete gefordert haben.

Die russischen Verluste bei Putins „Militärischer Spezialoperation” bleiben entsetzlich hoch. Laut Angaben aus der Nato liegt die Zahl der getöteten und verwundeten russischen Angreifer bei 1,1 Millionen; die Zahl der Gefallenen liege bei 250.000. Auch andere Quellen schätzen zwischen 240.000 und 350.000 getöteten Soldaten. Allein durch die Auswertung von veröffentlichten Todesanzeigen konnten die Namen von 160.000 Gefallenen bestätigt werden.

Bisher konnte das Verteidigungsministerium die Ausfälle auf dem Schlachtfeld durch die Rekrutierung freiwilliger Vertragssoldaten ausgleichen – ohne eine allgemeine Mobilmachung durchführen zu müssen, die der Kreml unbedingt vermeiden will. Aber die Zahl der Freiwilligen unter den Gefallenen steigt unaufhörlich, weil diese oft zu besonders schwierigen Einsätzen loskommandiert werden. Das dürfte sich auch in Russland immer mehr herumsprechen, sodass sich immer weniger Freiwillige in den Rekrutierungsbüros melden könnten.

Auch die Ukraine hat nach westlichen Schätzungen bis zu 140.000 gefallene Soldaten zu beklagen. Doch im Gegensatz zu den russischen Angreifern starben die nicht bei  sogenannten Fleischwolfangriffen, bei denen Menschenmassen in die Schlacht geschickt werden. Das Schauerliche bei der russischen Kriegsführung ist, dass für die Befehlshaber von Putin abwärts das Leben ihrer Soldaten nichts zählt. Deshalb auch die hohen Kriegsverluste, die der eigenen Bevölkerung freilich tunlichst verschwiegen werden.

Überhaupt, die russische Bevölkerung. Umfragen deuten zwar auch in Russland eine wachsende Kriegsmüdigkeit an, doch schlägt die bisher nicht um in Proteste gegen die politische und militärische Führung und ihre menschenverachtende Kriegsführung. Das hängt natürlich auch zusammen mit den seit Kriegsbeginn im Februar 2022 angezogenen Repressionsschrauben.

Russland, so schrieb die gelegentliche „Presse”-Gastkommentatorin Nina Chruschtschowa im Dezember in „Foreign Affairs”, versinkt immer tiefer in der Tyrannei. Durch das Bestreben nach der totalen gesellschaftlichen Kontrolle konnte sich die Putin-Diktatur konsolidieren. Mit dem Narrativ von der „belagerten Festung Russland” und dem Überpatriotismus des Putinismus schweißt das Regime die Gesellschaft zusammen und macht dabei auch gewöhnliche Bürger zu Komplizen bei der Repression wie bei den neoimperialistischen Eroberungsprojekten.

Inzwischen aber bekommt die russische Bevölkerung den Krieg in der Ukraine sehr wohl immer stärker im Alltag zu spüren: In West- und Südrussland heulen die Alarmsirenen wegen der ukrainischen Raketen- und Drohnenangriffe immer öfter, der Benzinpreis ist wegen zerstörter Raffinerien gestiegen ebenso die Preise für Lebensmittel, Elektronikprodukte oder Autos; die Inflation lag im November bei 6,8 Prozent.

„Angesichts der wirtschaftlichen Indikatoren wäre es das Beste für Russland, den Krieg gegen die Ukraine jetzt zu beenden”, sagt Alexander Gabujew vom Carnegie Russland/Eurasien Zentrum in Berlin. „Aber um den Krieg zu beenden, muss man am Rande des Abgrunds stehen. Russland ist noch nicht an diesem Punkt.”

Also macht Putin weiter wie bisher. Selbst die US-Geheimdienste haben in jüngsten Berichten gewarnt, dass Putin seine Ziele, die ganze Ukraine zu erobern und weitere Teile Europas unter Kontrolle zu bringen, nicht aufgegeben habe. Das ist eine völlig andere Sicht der Dinge als die von US-Präsident Donald Trump und seinen Chefverhandlern, die immer wieder behaupten, Putin wolle den Konflikt beenden.

Auch der im Herbst als Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 abgelöste Sir Richard Moore glaubt, dass Putin keine Absicht hat, mit der Ukraine eine Friedensvereinbarung zu schließen. Putin gehe es nach wie vor darum, die Ukraine zu dominieren und aus ihr einen Vasallenstaat zu machen wie bereits Belarus einer sei.

Dass Trump wenig Interesse am gemeinsamen Vorgehen mit den Europäern zeigt, erleichtert Putin seine Vorhaben immens. Der frühere KGB-Offizier ist ein meisterhafter Manipulator und in Donald Trump hat er ein williges Opfer gefunden. Auch spricht nach wie vor Einiges dafür, dass Putin „Kompromat”, also belastendes Material gegen Trump in seinen Händen haben könnte.

Russische Sabotageakte etwa gegen Unterseekabel, Drohnenflüge über Kasernen und Flughäfen, Hackerangriffe auf politische Institutionen und kritische Infrastruktur werden also 2026 in Europa munter weitergehen. Sinn und Zweck ist es, Angst und Unsicherheit in den europäischen Ländern zu verbreiten und sie von der weiteren Unterstützung für die Ukraine abzubringen.

Und dann sind da ja auch noch Putins freiwillige Mitstreiter wie Viktor Orbán und Robert Fico oder auch die AFD und FPÖ, die anstandslos die Kremlpropaganda nachplappern und so dem Kreml bei der Zersetzung der europäischen Gesellschaften eifrig assistieren.

Der Autor

Der Autor:
Burkhard Bischof war viele Jahre Außenpolitikexperte der „Presse“ und langjähriger Leiter des Debattenressorts.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen: