Fünf Stufen geht man von der Münchner Leonrodstraße hinauf, betritt den nüchternen Betonbau durch eine gläserne Drehtür und landet an einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen. Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ist die Adresse für die Aufarbeitung der NS-Zeit. Längst geht es aber auch um aktuelle Themen. Hier wird nicht nur Geschichte erforscht und erklärt, hier wird auch Geschichte geschrieben. Mit Isabel Heinemann leitet seit Oktober erstmals eine Frau das renommierte Institut. Wer sie trifft, spürt schnell: Das wird auch inhaltlich manches ändern.

„Zeitgeschichte hat die Aufgabe, Orientierungswissen zu liefern“, sagt die 54-Jährige. So sah auch Andreas Wirsching seine Rolle, der das Institut vierzehn Jahre lang leitete und in dessen Amtszeit große Projekte wie die Gründung des Zentrums für Holocaust-Studien und die kommentierte Edition von Hitlers „Mein Kampf“ fielen. Regelmäßig äußerte er sich meinungsstark in den Medien. Schon 2016 warnte er vor den Gefahren für die Demokratie („Es ist fünf vor zwölf“). Zuletzt kritisierte er in einem Spiegel-Interview die Annäherung einiger Familienunternehmer an die AfD.

Da stimmt Isabel Heinemann ganz mit ihrem Vorgänger überein. Eines ist für sie klar: Das Erstarken der neuen Rechten fordert auch die Historikerzunft. Deshalb will sie die Frage der Resilienz, wie sich also Demokratien wehren können, zu einem international vergleichenden Forschungsschwerpunkt machen.

Das IfZ ist die erste Adresse für die Erforschung der NS-Diktatur und ihrer Folgen.Das IfZ ist die erste Adresse für die Erforschung der NS-Diktatur und ihrer Folgen. (Foto: Institut für Zeitgeschichte)

Aber erstmal hat sie genug zu tun, um die 200 Mitarbeiter ihres Hauses und die verschiedenen Abteilungen kennenzulernen. Gerade erst war sie in Berlin. Zwei Wochen lang wühlte sie sich durch einen Berg Akten des Auswärtigen Amts. Das IfZ ediert die Dokumente unter Einhaltung der Sperrfrist von 30 Jahren. Sie sind eine wichtige Quelle für Forschende, Studierende, Medien. Aktuell ist der Jahrgang 1997 dran, der in zwei Jahren veröffentlicht werden soll.

Tausende Seiten von Berichten, Reden, Korrespondenzen – ist das nicht wahnsinnig kleinteilig und trocken? „Dachte ich auch, aber nein, das ist total interessant“, sagt Heinemann. „Ich hab’ extrem viel über Diplomatie gelernt.“ Wenn Heinemann spricht, unterstreicht sie ihre Sätze mit lebhaften Gesten. 1997 ging es um die Entschädigung von Holocaust-Opfern, um die Umsetzung des Dayton-Abkommens zur Beendigung des Bosnien-Krieges, um die Nato-Osterweiterung und das Bemühen um Ausgleich mit Russland – sofort stellen sich Assoziationen zur Gegenwart ein.

Die Historikerin, die zugleich an den Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität berufen wurde, lehrte zuvor in Münster und Bayreuth. Sie gilt als Expertin für die NS-Vernichtungspolitik und den Holocaust. Ihre Dissertation schrieb sie über das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Die NS-Geschichte und ihre Folgen sowie die Erforschung des Holocaust werden weiterhin das Kerngebiet der Forschung am IfZ bleiben, sagt sie. Sie möchte diese künftig in Richtung einer breit angelegten Gewaltgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts weiterentwickeln.

Aber Heinemann bringt auch noch einen anderen Fokus mit. In ihrer Habilitationsschrift, 2017 veröffentlicht, untersuchte sie das Familienbild in den USA im 20. Jahrhundert. Auch das ein bedrückend aktuelles Thema, seit Trumps Maga-Bewegung.

Es sei bei ihrer Recherche damals „ein Schock“ gewesen, zu erkennen: „Die amerikanische Gesellschaft ist durch und durch von Rassismus geprägt.“ In manchen Bundesstaaten habe es bis in die Siebzigerjahre eugenisch begründete Zwangssterilisationen von Afroamerikanerinnen und Latinas gegeben. Die Bürgerrechtsbewegung habe immer eine gegenläufige Strömung gehabt: die ultrarechten Kreise und den religiösen Fundamentalismus. „Mein letzter Schreckmoment war dann im vergangenen Jahr, als der konservativ besetzte Supreme Court das seit 1973 gültige Recht auf legale Abtreibung aufhob“, sagt Heinemann. „Die Frage der körperlichen Entscheidungsrechte ist ja immer auch ein großes Politikum.“

Demokratieentwicklung und Frauenrechte, diese Forschung will sie fördern. Das ist nicht ganz neu am IfZ. Schon in ihrer Bayreuther Zeit engagierte sie sich für den in München entstandenen Arbeitskreis „Demokratie und Geschlecht“.  „Aber da gibt es noch viele blinde Flecken, das ist ausbaufähig.“

Institut für Zeitgeschichte

Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ist eines der wichtigsten historischen Forschungsinstitute in Deutschland. Gegründet 1949, um die NS-Diktatur aufzuarbeiten, umfasst seine Forschung inzwischen die gesamte deutsche Zeitgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Als Teil der Leibniz-Gemeinschaft wird es von Bund und Ländern finanziert, dazu kommen Projektmittel aus Stiftungen. Seine Ergebnisse und Publikationen werden in der ganzen Welt beachtet. Herausragend sind unter anderem die Edition der Tagebücher von Joseph Goebbels, das internationale Holocaust-Forschungszentrum, die Erforschung der deutsch-deutschen Teilung. Zu den regelmäßigen Publikationen zählen unter anderem die „Vierteljahreshefte zur Zeitgeschichte“ und die „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“.

Derzeit arbeitet sie an einer Geschlechtergeschichte beider deutscher Staaten nach 1945. In beiden Verfassungen stand die Gleichberechtigung. Die Realität sah hüben wie drüben anders aus. Bis 1977 durften westdeutsche Frauen nur berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Erst 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt. „Das war quasi gestern“, sagt Heinemann. In der DDR hingegen waren Frauen berufstätig, „weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde“. Trotz Babyjahr und Kitas sei es aber ein patriarchaler Staat gewesen.

Während man in dem schlichten Betonbau sitzt, das milde Dezemberlicht durchs Fenster fällt und die Historikerin mit sprudelnden Sätzen ihre Sicht auf die Welt erklärt, bleibt die Frage nicht aus: Die Welt da draußen ändert sich gerade massiv. In ganz Europa wächst der Einfluss rechter bis rechtsextremer Parteien. Die üben massiven Druck auf Genderforschung und Erinnerungskultur aus. Wie geht man damit um?

Man habe ja gesehen, wie schnell die Pis-Regierung in Polen den ganzen Kulturbetrieb habe umkrempeln können, sagt Heinemann. Putin habe die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde als Terrororganisation gelistet. Wissenschaftler könnten jetzt nicht mehr nach Russland oder Belarus einreisen, sie seien von ihrem Forschungsgegenstand abgeschnitten. Das IfZ könne nur versuchen, jene kritischen Stimmen in osteuropäischen Ländern, die noch unbehelligt arbeiten können, zu unterstützen.

Das IfZ selbst habe, trotz knapper Kassen, eine „starke Position“. „Wir fühlen uns auf allen Ebenen sehr unterstützt: vom Bund, vom Land Bayern und von unserem Stiftungsrat.“ Zum IfZ gehört die Dokumentation Obersalzberg. Heinemann sitzt zudem im Beirat der Berliner Gedenkstätte Topografie des Terrors am Ort der ehemaligen Gestapo-Zentrale. Und dass sich derzeit drei Länder – Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen – um eine Außenstelle der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als Holocaust-Bildungszentrum bewerben, sei ein positives Signal.

„Doch wir hören von Kolleginnen und Kollegen aus einigen ostdeutschen Einrichtungen, dass ihnen der Wind schon ganz anders ins Gesicht schlägt“, sagt Heinemann. Die erwarteten Wahlerfolge der AfD im Osten machen ihr deshalb „große Sorgen“.

Es hilft nichts, wenn wir unsere Forschung in dicke Bücher packen und hoffen, dass sie irgendjemand liest.

Isabel Heinemann, IfZ-Leiterin

Das Wissen über die NS-Geschichte nimmt ab, belegte im Frühjahr 2025 die Bielefelder Memo-Studie. 64 Prozent der Befragten wussten nicht, was Euthanasie bedeutet. Was tun? „Geschichte ist komplex“, sagt Heinemann, „aber wir müssen uns noch mehr als bisher um Vermittlung bemühen. Es hilft nichts, wenn wir unsere Forschung in dicke Bücher packen und hoffen, dass sie irgendjemand liest.“ Das IfZ werde daher 2027 eine eigene Abteilung für Wissenstransfer einrichten, um Entscheider und Multiplikatorinnen in Politik und Gesellschaft noch gezielter mit zeithistorischem Orientierungswissen zu versorgen.

Noch eine letzte Frage: Wie kriegt man die Rollen als Direktorin eines so renommierten Instituts, als Professorin und Mutter von vier Kindern unter einen Hut? „Ehrlich gesagt, die Frage nervt“, kommt prompt die Antwort. „Mein Mann, der auch Professor ist, der auch eine tolle Position hat, wurde das noch nie gefragt, sondern immer nur nach seinen wissenschaftlichen Erfolgen.“ Nur bei einer Frau komme jedes Mal das Thema der „Reproduktionsfähigkeit“. Der Familienmittelpunkt ist noch Münster, erklärt sie dann doch, drei Kinder studieren schon, der jüngste geht noch zur Schule. Bis er seinen Abschluss hat, pendelt sie, „danach müssen dann die anderen nach München pendeln“. Alles eine Frage der Organisation. Dass sie es geschafft hat, versteht sie auch als Signal an junge Kolleginnen. „Es ist mir wichtig, zu sagen: Traut euch, es ist machbar.“