Berlin – Unser Hund ist einer der ersten, der den Stromausfall im Berliner Südwesten bemerkt.
Um 6.04 Uhr am Samstag bellt er kurz, weil die Feuerschutztüren im Hausflur alle zufallen. Da denke ich noch nicht an einen Stromausfall, sondern mit der Crans-Montana-Katastrophe im Kopf an ein mögliches Feuer. Im Flur geht die Notbeleuchtung an, aus dem Keller tönt ein Dauer-Piepsen.
Dann fällt mir auf: Es ist alles dunkel, sogar der nahe S-Bahnhof. Das muss ein heftiger Stromausfall sein. Wir sind einer von mehr als 45.000 Haushalten.
Der Morgen – Hoffnung auf schnelle Lösung
Um 6:09 Uhr geht der Strom ganz kurz wieder. Handys laden weiter, der Kühlschrank springt an. Für ein paar Minuten. Ich schaue um 6.40 Uhr auf der Internetseite „Stromnetz Berlin“: Ausfall im Berliner Südwesten. Die Störung soll bis voraussichtlich 8 Uhr behoben sein. Ich lege mich beruhigt wieder schlafen.

Am frühen Morgen hieß es noch, die Störung dauere nicht lange.
Foto: Stromnetz-Berlin
Als meine Frau und ich aufwachen, ist der Strom weiter aus. Die Gasheizung damit leider auch. Aber noch kein Problem. Die Zimmer haben ausreichend Restwärme. Es ist hell genug. Das Wasser im Bad ist schon kalt, immerhin nicht eiskalt. Meine Frau will Tee machen. Schlecht ohne Wasserkocher. Wir überlegen, Wasser auf dem Gasgrill auf dem Balkon zu erhitzen, lassen es aber.
Seltsam, denke ich, 50 Jahre meines Lebens habe ich keinen längeren Stromausfall erlebt, nur mal nach Gewittern kleine Wackler. Jetzt schon den zweiten innerhalb kurzer Zeit. Im Juli 2025 waren es in Berlin-Zehlendorf schon mal einige Stunden.
Ich will Brötchen kaufen. Mein Elektroauto ist zum Glück fast vollgeladen, steht an der Straße und nicht in einer Garage mit elektrischem Tor. An der Spinnerbrücke komme ich an dunklen Ladesäulen vorbei, auch die Tankstelle hat zu. Alle Ampeln sind aus. Zum Glück ist kein Berufsverkehr.
Supermarkt, Bäcker und Friseur haben auch geschlossen. Hätte ich mir denken können. Ohne Strom kein Kassensystem, kein Föhn, kein Backofen – kein Alles. Ich fahre weiter Richtung Stadtmitte. Hier ist kein Stromausfall. Licht in den Fenstern, ein geöffneter Supermarkt. Wie einfach man zu begeistern ist, wenn man etwas Selbstverständliches nicht mehr hat. Ich kaufe Brötchen.
Der Mittag – es wird kälter
Zurück in der Wohnung. Langsam wird es kalt. Dabei zeigt der Thermostat an der Wand 21 Grad an. Er ist morgens stehen geblieben. Wir ziehen Jacken und Mützen an. Wie lange halten die Sachen im Kühlschrank eigentlich? ChatGPT verrät uns vier bis sechs Stunden, das geschlossene Gefrierfach sogar 24 bis 48 Stunden.

Patrick Markowski (52) mit Mütze und Jacke vor seinem stromlosen Kühlschrank in Berlin-Zehlendorf
Foto: Patrick Markowski
Draußen beginnt es zu schneien, dadurch wird es zu dunkel zum Lesen in der Wohnung. Wir machen kleine USB-Lampen vom Balkon an. Handy-Akkus sehen gut aus. Wir sitzen unter Decken auf dem Sofa und suchen Informationen auf dem Smartphone. Aber auch Mobilfunk geht nicht. Wir kommunizieren mit unseren Kindern per SMS, ausgerechnet auf die älteste Technik ist Verlass.
Der Nachmittag – der Schock
Ohne Licht, Heizung, Internet, Telefon, TV und Warmwasser fühlt man sich wie im Mittelalter. Buch lesen oder ein Brettspiel? Wir entscheiden uns fürs Museum, da ist es wenigstens warm. Abends könnte der Strom ja wieder gehen.
Auf dem Weg zum Museum in Berlin-Tiergarten springt der Mobilfunk wieder an, diverse Messenger-Meldungen besorgter Freunde trudeln alle auf einmal ein. Und die bittere Meldung: Für einen Großteil der betroffenen 45.500 Haushalte wird es frühestens kommenden Donnerstag wieder Strom geben. Jetzt ist es kein temporärer Ausfall, jetzt ist es eine Krise. Auf den Schreck holen wir uns beim Asiaten Essen und überlegen, was jetzt zu tun ist. Bleibt man in der Wohnung? Wie wärmt man wenigstens ein bisschen? Sollte man einen Gaskocher leihen? Bei minus einem Grad draußen, entscheiden wir uns für einen Umzug in die Ein-Zimmerwohnung unserer Tochter (21) in Schöneberg. Aber was packt man jetzt alles ein?
Der Abend – wir ziehen um
Als wir am frühen Abend in unsere Straße einbiegen, ist es gespenstisch. Alle Häuser sind dunkel, bis auf die letzte batteriebetriebene Weihnachtsdeko und die uralten Gaslaternen. Ein Traum für Einbrecher. Über SMS kommt eine Warnmeldung, dass man nicht unnötig Strom verbrauchen soll, im Notfall 110 und 112 probieren soll. Die Polizei verspricht, zu patrouillieren. Von neun Parteien in unserem Haus ist nur ein Ehepaar da geblieben. Sie wollen es versuchen, ich wünsche viel Glück – in einer WhatsApp-Gruppe tauschen wir uns mit allen aus. Ein Nachbar fragt, wie man elektrische Jalousien öffnen könne.

Alles ist dunkel, nur die alten Gaslaternen leuchten im Berliner Südwesten
Foto: Til Biermann
Ich packe alles ein, was man aufladen kann: Handy-Akkus, Taschenlampe, USB-Lampen. Eine große Powerstation wie diese wäre jetzt gut, denn im Keller habe ich noch eine Elektroheizung. Den Inhalt des Kühlschranks stellen wir abgedeckt auf den eiskalten Balkon und schließen die Wohnung ab – ein seltsames Gefühl.
Die Nacht – positiv bleiben
Wir melden innerfamiliären Eigenbedarf an, und unsere Tochter muss bei ihrem Freund übernachten. Mit Sorge lesen wir die Meldungen, wie schwierig die Reparatur der Stromleitung wird. Jetzt kommt auch die Wut auf die Täter.
Während es für uns nur nervig ist, hat es andere viel schlimmer erwischt: Krankenhäuser, Altenheime, nicht mobile Menschen. Auch Betriebe, die Waren wegschmeißen müssen. Immerhin: Krisen können auch lehrreich sein, wie man mit größeren Problemen umgeht. Vor allem erlebt man großartige Hilfsbereitschaft. Von Nachbarn und Freunden. Gleich mehrere bieten uns ein Gästezimmer an.
In jedem Fall werden wir die stromlose Zeit irgendwie überbrücken (wie auch hoffentlich die Strom-Techniker) und wahrscheinlich nie vergessen.