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Was ein flüchtender Öltanker auf dem Weg nach Venezuela mit Russland zu tun hat: Der Fall „Bella 1“ zeigt die Bruchlinien der Weltpolitik.
Caracas – Die USA haben in der Nacht zum Samstag, 3. Januar, Venezuela angegriffen und Staatschef Nicolás Maduro entführt. Nach Ansicht der meisten Beobachter verstießen die Bombardierungen gegen das Völkerrecht. Die Regierung in Caracas sieht darin nichts anderes als den Versuch, „sich Venezuelas strategischer Ressourcen zu bemächtigen, insbesondere seines Erdöls und seiner Mineralien“.
Während die USA einen mutmaßlich staatenlosen Tanker auf dem Weg nach Venezuela verfolgen, fordert Russland plötzlich ein Ende der Jagd (Symbolbild). ©
IMAGO / Westend61
Das lateinamerikanische Land verfügt schließlich über die größten Erdöl-Vorkommen der Welt. Vor rund zwei Wochen hatte US-Präsident Donald Trump eine Blockade von sanktionierten Öltankern verkündet, die Venezuela ansteuern oder verlassen. Offenbar war auch Russlands Schattenflotte davon betroffen.
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Das russische Regime forderte die US-Regierung auf, die Verfolgung eines flüchtenden Öltankers im Atlantik einzustellen. Das hatte die New York Times (NYT) am Donnerstag, 1. Januar, unter Berufung auf zwei mit der Angelegenheit vertrauten Quellen berichtet. Russlands Anfrage sei spät am Silvesterabend an das US-Außenministerium übermittelt worden, sagten die mit der diplomatischen Nachricht vertrauten Personen der NYT unter der Bedingung der Anonymität. Das Schiff unter dem Namen „Bella 1“ war demnach im Iran gestartet und auf dem Weg nach Venezuela, um Öl zu laden, als US-Streitkräfte in der Karibik versuchten es zu stoppen und zu entern.
Die Besatzung der „Bella 1“ widersetzte sich und drehte ab. Die USA hatten das Schiff zuvor rund zwei Wochen lang verfolgt und erklärte, es sei nach internationalem Recht staatenlos. In den Tagen nach dem Enter-Versuch gab die Crew plötzlich an, unter russischer Flagge zu fahren. Sie malte die russische Fahne an das Schiff und informierte die Küstenwache. Der Öltanker war inzwischen unter dem Namen „Marinera“ ins russische Schiffsregister eingetragen – mit Heimathafen Sotschi. Laut Daten von Marine Traffic befindet sich das Schiff noch immer im Atlantik.
Venezuelas Verbündete: Russland, China, Iran
Russland zählt neben China und Iran zu Venezuelas wichtigsten Verbündeten. Noch vergangene Woche bekräftigte das russische Außenministerium in einem Telefonat „seine uneingeschränkte Unterstützung und Solidarität mit den Führern und dem Volk Venezuelas“. Nach dem US-Staatscoup in Venezuela übernahm nun die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodriguez die Interimregierung. Sie befindet sich derzeit offenbar in Russland, wie vier mit ihren Bewegungen vertraute Quellen der Nachrichtenagentur Reuters am Samstag mitteilten.
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Laut Reuters-Zahlen gingen zuletzt mehr als 80 Prozent der venezolanischen Ölausfuhren nach China. Die Ausfuhren sanken im Dezember allerdings stark, „was zum Teil auf anhaltende Ausfälle automatisierter Systeme und die Unsicherheit über die US-Militärpräsenz in der Karibik zurückzuführen ist“, sagte ein anonymer Beamter laut dem Finanzanalysten S&P Global. Venezuela hat zwar die weltweit größten Öl-Vorkommen, doch die Produktion brach bereits in den vergangenen Jahren ein. Aktuell fördert das Land rund eine Million Barrel Öl pro Tag – weniger als halb so viel wie vor zehn Jahren.
Die USA sind mit 13 Millionen Barrel täglich laut US-Energiebehörde EIA hingegen der weltweit größte Produzent. Einige Beobachter vermuten, dass Donald Trump deshalb ein Interesse an den großen Ölreserven Venezuelas haben könnte. Bei einer Pressekonferenz nach der Entführung Maduros hatte der US-Präsident erklärt, „sehr viel Öl an viele Länder“ verkaufen zu wollen. „Wir werden sehr viel Geld aus dem Land herausholen.“ (Quellen: New York Times, Reuters, dpa, AFP, CNN, Marine Traffic, S&P Global, EIA) (bme)