Im Kreis der großen Staaten der Europäischen Währungsunion wird Deutschland in diesem Jahr erstmals seit 2019 wirtschaftlich wieder Anschluss finden. Mit einem erwarteten Wirtschaftswachstum von rund ein Prozent zöge Deutschland mit Frankreich gleich und läge nur noch knapp unter dem erwarteten Wachstum im Euroraum von 1,2 Prozent. Das erwarten Volkswirte von Finanzinstituten in der regulären Umfrage des Nachrichtendiensts Bloomberg. Italien übernähme im Wachstumsvergleich der großen Eurostaaten wieder die rote Laterne, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten.

Im Euroraum selbst wird das Wachstum sich in diesem Jahr gemäß den Erwartungen leicht von 1,4 auf 1,2 Prozent abschwächen. Dazu trägt maßgeblich bei, dass Spanien und die Niederlande – gemessen an ihrer Wirtschaftskraft Rang vier und fünf im Euroraum – deutlich an wirtschaftlichem Schwung verlieren werden. In Spanien soll das Wachstum nach den Prognosen von 2,9 auf 2,2 Prozent sinken, in den Niederlanden von 1,6 auf 1,3 Prozent.

Deutschland wird nach den Prognosen erstmals seit Langem die Euro-Wirtschaft nicht mehr belasten, sondern einen positiven Beitrag leisten. Der schuldenfinanzierte fiskalische Stimulus für Verteidigung und Infrastruktur wird demnach nicht nur die deutsche Wirtschaft zeitweise aus dem Sumpf ziehen. Er wird auch die Euro-Wirtschaft stützen. Berechnungen der Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) zeigen, wie sehr Deutschland zuletzt den Euroraum belastete und wie sehr dieses Bild sich in diesem Jahr drehen dürfte. Die Wirtschaft in der Währungsunion wäre danach im vergangenen Jahr ohne Deutschland um 1,9 Prozent und nicht nur um 1,5 Prozent gewachsen. In diesem Jahr wächst nach der IfW-Prognose die Euro-Wirtschaft ohne Deutschland um 1,4 Prozent und mit Deutschland um 1,2 Prozent.

Das Gelingen des fiskalischen Anschubs in Deutschland ist so auch entscheidend für die Konjunktur im Euroraum. Weitere fiskalische Impulse werden erwartet durch weitere Aus­schüttungen an Eurostaaten aus dem „Next Generation“-Programm der Europäischen Union. Die Höhe dieser schuldenfinanzierten Stimuli ist indes ungewiss. Insgesamt erwarten Ökonomen für den Euroraum eher eine die Konjunktur dämpfende Fiskalpolitik, nicht zuletzt weil die wirtschaftlichen Schwergewichte Frankreich und Italien der Tendenz nach auf Konsolidierungskurs gehen.

Für die EZB wird es einfacher

Außenwirtschaftlich steht dem Euroraum ein schwieriges Jahr bevor. Der Euro hat in den vergangenen zwölf Monaten um gut 13 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet. Zugleich wird prognostiziert, dass die Zollerhöhungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump erst in diesem Jahr voll ihre Wirkung zeigen werden. Das IfW in Kiel erwartet einen Zuwachs des Exports des Euroraums von 0,6 Prozent, nach 1,9 Prozent im vergangenen Jahr. Auf Drittmärkten drückt zugleich die zunehmende Konkurrenz chinesischer Unternehmen. Über alldem schwebt als Risiko die Entwicklung im Ukrainekrieg, der mit einem Waffenstillstand belebend auf den Welthandel und die allgemeine Wirtschaftsstimmung, mit einer Eskalation aber belastend wirken würde.

Mit der Angleichung der Wachstumsraten zwischen den größten Eurostaaten wird die Geldpolitik für die Europäische Zentralbank (EZB) einfacher, weil sie einheitlicher auf die nationalen Volkswirtschaften wirkt. Allgemein erwartet wird, dass die EZB ihre Leitzinsen in diesem Jahr unverändert hält. Derzeit beträgt der Einlagezinssatz nach einer Reihe von Zinssenkungen zwei Prozent. Das finanzielle Umfeld regt die Konjunktur an. Volkswirte führen das als einen Grund dafür an, dass die Euro-Wirtschaft im vergangenen und in diesem Jahr die moderaten Wachstumsraten hält. Hoffnungen auf eine Belebung der privaten Investitionen ruhen auch auf dem niedrigeren Zinsniveau. Die Ausleihungen von Banken an Unternehmen zeigen im Euroraum aufwärts; auch steigt die Nachfrage nach Immobilienkrediten.

Die Inflationsrate lag zuletzt mit 2,1 Prozent leicht über der von der Zentralbank für den gesamten Euroraum auf mittlere Sicht angestrebten Inflationsrate von zwei Prozent. In diesem Jahr könnte die Teuerungsrate nach den Prognosen der EZB-Volkswirte auf 1,9 Prozent leicht darunter sinken. Eigentlich sollte das den privaten Verbrauch an den Konsum erleichtern, weil die real verfügbaren Einkommen entsprechend stärker steigen. Der private Konsum wächst nach den Prognosen in diesem wie im vergangenen Jahr indes verhalten, und die Sparquote bleibt hoch. Untersuchungen der EZB zeigen, dass die Verbraucher den realen Anstieg ihrer Einkommen unterschätzen und davon ausgehen, dass ihr wahrgenommenes Einkommen seit 2024 konstant geblieben sei. Ein anderer Grund für die verhaltene Kauflust und die hohe Sparquote dürfte sein, dass die Verbraucher den Inflationsschock der vergangenen Jahre noch nicht überwunden haben und ihre – inflationär deutlich entwerteten – finanziellen Reserven weiterhin aufstocken.