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Rüstungssektor Moskaus zeigt Schwäche trotz Rekordbudgets. Produktionswachstum verlangsamt. Fachkräftemangel verschärft sich.

Moskau – Die Zahlen wirken auf den ersten Blick beeindruckend: 13,5 Billionen Rubel (rund 147 Milliarden Euro) hat Russland für 2025 in seinen Militärapparat investiert – fast 300 Prozent mehr als im Vorkriegsjahr 2021. Doch hinter der Fassade der Rekordausgaben zeichnet sich eine Trendwende ab. Die Rüstungsindustrie, Motor der russischen Kriegswirtschaft, zeigt deutliche Schwächezeichen.

Das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung rechnet für 2025 mit einem Wachstum der Industrieproduktion von nur noch einem Prozent. Im Vorjahr waren es 5,6 Prozent. Besonders alarmierend: Gerade jene Sektoren, die für die Kriegsführung zentral sind, verlieren massiv an Schwung.

Ministerium senkt Prognosen für Russlands Wirtschaft – China liefert weniger: Dual-Use-Importe sinken deutlich

Die Herstellung von Computern, Elektronik und Optik – unverzichtbar für Waffensysteme wie Feuerleitsysteme für Panzer oder Recheneinheiten für Raketen – wuchs zwischen Januar und Oktober 2025 lediglich um 13,6 Prozent. Zum Vergleich: 2024 lag das Wachstum bei 27,9 Prozent, 2023 sogar bei 39,4 Prozent. Bei Metallprodukten für Artillerie und Munition zeigt sich ein ähnliches Bild: 15,9 Prozent Zuwachs statt 31,6 Prozent im Vorjahr.

Auch die Versorgung mit kriegswichtigen Gütern aus dem Ausland stockt. Die Importe sogenannter Dual-Use-Güter aus China, die trotz westlicher Sanktionen für militärische Zwecke nach Russland geliefert werden, gingen laut chinesischer Zollstatistik zwischen Januar und November 2025 um 3,7 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar zurück. Verglichen mit dem gleichen Zeitraum 2023 entspricht dies einem Minus von 14,4 Prozent.

A Russian serviceman of the Wolves 1st reconnaissance and assault battalion of the Yug (South) Group of Forces volunteer corps takes part in combat coordination trainingTrotz Rekordausgaben von umgerechnet 147 Milliarden US-Dollar verliert Russlands Rüstungssektor an Schwung. Die Wachstumsraten bei kriegswichtiger Ausrüstung sind 2025 deutlich gesunken. © IMAGO / SNA
Stellenmarkt signalisiert Abschwung für die russische Wirtschaft – Rekrutierung bricht ein

Der Arbeitsmarkt gilt als sensibler Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung. Hier zeigt sich die Abkühlung besonders deutlich. Laut einer Analyse des im Exil erscheinenden Mediums Novaya Gazeta Europe vom September ist die Rekrutierung im Verteidigungssektor auf das Niveau der frühen Kriegsmonate zurückgefallen. Im Sommer 2025 waren etwa 34.500 Stellen bei Verteidigungs- und Militärunternehmen ausgeschrieben – rund ein Drittel weniger als die 52.000 Vakanzen ein Jahr zuvor.

Dabei hatte der Sektor zwischen 2023 und 2024 einen beispiellosen Boom erlebt. Schätzungsweise 600.000 bis 700.000 Menschen wechselten in den militärisch-industriellen Komplex, angelockt durch Monatsgehälter von bis zu 150.000 Rubel (1.870 Dollar) – nahezu das Doppelte des landesweiten Medianeinkommens. Mittlerweile beschäftigt die Branche etwa 3,8 Millionen Menschen, rund fünf Prozent aller Arbeitskräfte.

Schatten aus Stahl an der Front: Panzer gestern, heute und morgenEin US-Kampfpanzer M1 Abrams fährt während eines Trainingstages bei der Übung Africa Lion 2012 einen Feldweg hinunter. (Archivbild)Fotostrecke ansehenExperten warnen vor Überschätzung der russischen Kapazität – Korruptionsskandale erschüttern Rüstungsbetriebe

Neben den wirtschaftlichen Kennzahlen werfen sporadische Berichte ein Schlaglicht auf strukturelle Schwächen. Korruption und Lücken in der staatlichen Beschaffung belasten den Sektor. Jüngstes Beispiel: Staatsanwälte haben die Verstaatlichung von KIMP eingeleitet, einem Unternehmen, das Lager an Rüstungsbetriebe liefert. Den Eigentümern wird vorgeworfen, sich „auf Kosten der vitalen Interessen der Gesellschaft und des Staates“ bereichert zu haben.

Mathieu Boulegue, Spezialist für das russische Militär beim Thinktank Chatham House, ordnete die Entwicklung gegenüber The Moscow Times ein: „Dies läuft wirklich auf einen neuen Gesellschaftsvertrag und ein Wirtschaftsmodell hinaus, in dem das Wachstum durch militärbezogene Produktion angetrieben wird.“ Er bezeichnete das System als „eine Form des Verteidigungs-Keynesianismus“, die voraussichtlich die gesamte Wirtschaft weiterhin prägen werde.

Kreml gibt sich selbstbewusst – Putin droht Europa

Während dieses Modell 2023 und 2024 noch für Wachstumsimpulse sorgte, stellt sich nun die Frage nach der Nachhaltigkeit. Wie lange kann Moskau unter dem Druck internationaler Sanktionen und steigender finanzieller Belastungen das gegenwärtige Produktionsniveau halten?

Trotz der Schwächezeichen gibt sich die russische Führung kämpferisch. Präsident Wladimir Putin erklärte im Dezember, sein Land sei bereit, Europa in einem direkten militärischen Konflikt entgegenzutreten. Sergei Chemezov, langjähriger Putin-Vertrauter und Chef des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, warnte den Westen vor Unterschätzung: „Ich sage es mal so“, sagte er. „Unsere Gegner könnten nicht einmal von solchen Mengen träumen.“ Solche Aussagen sind jedoch angesichts der rückläufigen Produktionszahlen und der fehlenden Transparenz über die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Sektors mit Vorsicht zu genießen. (ls)