Nur mit dem Mund hält der 49-jährige Artist Dmitriy seine 19-jährige Kollegin Daria in luftiger Höhe fest, die sich mehrmals um die eigene Achse dreht. Die Nummer „Flight of Passion“ ist, so steht es im Programm des Weltweihnachtscircus, „eine Hommage an die Schönheit der Bewegung, an die Kraft der Liebe und an den Traum vom Fliegen“.

„Es war ein technischer Defekt der Requisite“, sagt Zirkuschef Dalien Cohen unserer Redaktion, „an den beiden Artisten lag es jedenfalls nicht.“ Das Duo zeigt die Luftnummer seit Jahren. Der Unfall ereignete sich im ersten Drittel der Show beim Tanz an Bändern hoch über der Manege. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen, was für ein technischer Defekt es genau war.

Die Artisten kamen in zwei verschiedene Krankenhäuser

Der Zirkus reagierte rasch: Der Blick auf die Manege wurde mit Stoffbahnen abgeschirmt, das Publikum gebeten, ins Vorzelt, das sogenannte Gastrozelt, zu gehen. Rettungskräfte übernahmen die Versorgung der beiden Verunglückten. „Wir konnten mit ihnen reden, sie waren ansprechbar“, so Cohen. Die Artisten wurden anschließend in zwei verschiedene Stuttgarter Krankenhäuser gebracht.

Trotz des Schocks wurde die Vorstellung nach einer etwa halbstündigen Pause fortgesetzt – auf Wunsch der Betroffenen. „Wir haben sie gefragt, ob wir die Show ganz abbrechen sollen“, berichtet der Zirkuschef, „auf keinen Fall, haben sie gesagt.“ Deshalb habe man sich entschieden, weiterzuspielen.

Warum ist das ukrainische Duo nicht an Seilen gesichert?

Auffällig ist, dass das ukrainische Duo ohne zusätzliche Sicherung auftritt. Während etwa chinesische Artisten bei ihren Luftnummern mit Seilen gesichert sind, ist dies bei „Flight of Passion“ nicht der Fall. Cohen erklärt: „Das geht bei dieser Nummer nicht, da sie hin und her, nach links und rechts fliegen.“ Zudem sei es die bewusste Entscheidung der Artisten, ohne Sicherung aufzutreten.

Die Stimmung hinter den Kulissen ist gedrückt. Die große Zirkusfamilie steht unter Schock, auch wenn alle wissen, dass bei Live-Auftritten immer etwas passieren kann. Die Akrobaten sind außer Lebensgefahr, war zu erfahren, doch über die genauen Verletzungen ist bisher nichts bekannt. Zirkuschef Cohen wartete am Abend auf den Anruf der behandelnden Ärzte und wolle die beiden dann im Krankenhaus besuchen. Auf dem Wasen hoffen alle, dass die beiden Ukrainer bald gesund werden. Später erfuhr Cohen, dass es Daria gut geht und Dmitry am Fuß operiert werden muss.