Desaster, Desaster, Desaster: Putin hintertreibt mit seiner eigenen Politik selbst ein Ziel, das er seit 25 Jahren verfolgt.

05.01.2026, 21:4405.01.2026, 21:44

Niklaus Vontobel / ch media

Wladimir Putin scheitert gerade krachend mit einem Ziel, das er seit einem Vierteljahrhundert verfolgt. Dem russischen Präsidenten gelingt es nicht, den Bevölkerungsschwund seines Landes zu stoppen. Dabei hat er dies zur Überlebensfrage erklärt. In seiner ersten Rede zur Lage der Nation warnte Putin: «Wenn sich die gegenwärtige Tendenz fortsetzt, ist das Überleben der Nation bedroht. Wir laufen Gefahr, zu einer schwachen Nation zu werden.»

Russian President Vladimir Putin listens to Russian Deputy Defense Minister and chairwoman of the Defenders of the Fatherland Foundation Anna Tsivileva during their meeting at the Kremlin in Moscow, R ...

In einer mythologisierten Vergangenheit verhaftet: Russlands Präsident Wladimir PutinBild: keystone

25 Jahre, zig Reden und zig Versuche später ist die Bevölkerungszahl für Putin nach wie vor eine Priorität und ein Problem. In einer Rede im Dezember sagte er: «Es ist unser wichtigstes historisches Ziel, unser Volk zu erhalten und zu vermehren.» Doch seien, so Putin, alle bisherigen Massnahmen «ungenügend» gewesen. «Leider setzt sich der negative Trend fort, und die Geburtenrate sinkt weiter.»

Experten geben ihm recht, doch sehen manche in Russland nicht bloss einen «negativen Trend» bei der Geburtenrate. Einen solchen erleben gerade viele Länder. Sie sprechen von «Katastrophe» und «zunehmenden Anzeichen eines demografischen Kollaps». Und was Putin dagegen tue, sei gar dermassen widersprüchlich und unsinnig, dass «Putins Politik den Niedergang beschleunigt.»

Lediglich 90’500 Geburten im Februar 2025

Der demografische Niedergang zeigte sich im Frühjahr 2025 sehr deutlich. Die russische Statistikbehörde Rosstat hatte schlechte Nachrichten überbringen müssen. Im Februar gab es bloss 90‘500 Geburten – gemäss dem unabhängigen russischen Demografen Alexey Raksha dürfte dies wahrscheinlich die tiefste monatliche Geburtenzahl seit mehr als zwei Jahrhunderten gewesen sein.

Russian President Vladimir Putin speaks during a recording of his annual televised New Year's message on New Year's eve in the Kremlin in Moscow, on Wednesday, Dec. 31, 2025. (Mikhail Metzel ...

Putin während seiner jährlichen Rede zum Beginn des neuen Jahres.Bild: keystone

Putin tat daraufhin, was Autokraten gerne mit unliebsamen Statistiken tun: Er liess deren Veröffentlichung einstellen. Wie die «Moscow Times» berichtet, publiziert Rosstat seit dem Sommer keine Daten mehr zu Geburten, Todesfällen, Zuwanderung und zur gesamten Einwohnerzahl. Offenbar kann der Staat die Probleme nicht lösen, also versteckt er sie lieber.

«Wenn Autokraten beginnen, Bevölkerungsdaten zu verheimlichen, erachten sie diese nicht nur als peinlich, sondern als ernsthaft besorgniserregend», schreibt dazu die US-Professorin Monica Duffy Toft in einem Beitrag für die Plattform «Russia Matters». Dass Putin dies nun tue, sei nur das jüngste Kapitel in einer langen Geschichte russischer Leugnung der Bevölkerungsentwicklung. «Dies lässt gefährliche Folgen für die regionale Stabilität befürchten.»

Zugewanderte ohne Stiefel an die Front geschickt

Wenn weniger Junge hinzukommen, sollten wenigstens die Älteren länger leben. Dafür bräuchte es ein gutes Gesundheitssystem. Doch das russische sei ein «Desaster», sagt Harley Balzer, altgedienter Russlandspezialist und emeritierter Professor der Georgetown Universität. Das habe sich beispielsweise in der Corona-Pandemie gezeigt. Russland hatte gemessen an der Bevölkerung weltweit die meisten oder zweitmeisten Toten.

A man holds his child at the Memorial Wall of Fallen Defenders of Ukraine in Russian-Ukrainian War and shows photos of his killed fellow soldiers in Kyiv, Ukraine, Thursday, Dec. 25, 2025. (AP Photo/E ...

Eine Wand mit Bildern von gefallenen russischen Soldaten.Bild: keystone

Migranten könnten helfen. In den letzten drei Jahrzehnten glichen sie den Rückgang der einheimischen Bevölkerung aus. Aber heute wohl nicht mehr. Laut dem Experten Balzer war Putins Politik den Migranten gegenüber ein weiteres «Desaster». Am schlimmsten seien die Zwangsrekrutierungen von Menschen gewesen, die zum Arbeiten nach Russland kamen.

«Man hat massenhaft Zentralasiaten zusammengetrieben und an die Front geschickt, teilweise ohne Ausrüstung und nicht einmal mit Stiefeln», sagt Balzer. Arbeiter aus Indien, Nepal, Pakistan und Bangladesch seien unter dem Vorwand angelockt worden, in Russland arbeiten zu können. «Man nahm ihnen die Pässe weg und schickte sie an die Front.»

Der Krieg verschlimmert die demografische Krise auch sonst. Rund 1’120’000 Russen sind laut britischem Verteidigungsministerium seit Kriegsbeginn getötet oder verletzt worden. Ungefähr 800’000 junger, gutausgebildeter Russen sind vor der Rekrutierung ins Ausland geflohen.

Die Folge von alledem war für das Jahr 2024 noch in den offiziellen Statistiken ablesbar. Laut Expertin Toft ist es ein «verheerendes Bild».

An employee of the Museum of Urban Sculpture cleans a city landmark, the equestrian statue of Peter the Great known as the Bronze Horseman by French sculptor Etienne Maurice Falconet during preparatio ...

Durch den Krieg und die Todesfälle fehlen auch Arbeitskräfte. (Symbolbild)Bild: keystone

Die Todesfälle überstiegen laut Rosstat im Jahr 2024 die Geburten um etwa 600’000 Personen. Dies ist laut Toft der stärkste natürliche Rückgang seit der Corona-Pandemie. Arbeitskräfte fehlten den russischen Unternehmen schon Ende 2024 rund 2,2 Millionen, heisst es in einer Studie der US-Denkfabrik Carnegie. Fast 70 Prozent der Betriebe fehlte es an Arbeitskräften.

Schon 2024 arbeitete die Rüstungsindustrie deshalb im Dreischichtbetrieb und verlangte von den Beschäftigten 60 bis 70 Stunden pro Woche, schreibt Experte Balzer in einer Studie über «Putins desaströse Demografie».

Zusammenbruch des Rentensystems eine reale Gefahr

Die Bevölkerung Russlands wird bereits seit einigen Jahrzehnten kleiner. 1994 lag sie bei 149 Millionen Menschen, heute sind es etwa 145 Millionen. Bis zum Jahr 2100 könnten es rasch weniger werden: Laut dem Magazin «The Economist» nur noch 120 Millionen Menschen, was einem «Albtraum» gleichkomme. Oder die Bevölkerung könnte sich gar auf 74 Millionen halbieren. Das wäre die pessimistischste Prognose der UNO und laut dem Experten Balzer durchaus möglich.

epa12483433 An injured elderly woman on a mobile phone near the site of a Russian strike in Kyiv, Ukraine, 26 October 2025, amid the Russian invasion. At least three people were killed and more than 3 ...

Über 18 Prozent der Bevölkerung sind über 65 jährig.Bild: keystone

Die verbleibende Bevölkerung altert rasch. Menschen ab 65 Jahren machen bereits über 18 Prozent der Bevölkerung aus, was ein historischer Höchststand ist. Die Belastung für das Renten- und Gesundheitssystem ist laut Carnegie-Stiftung enorm. «Ein Zusammenbruch ist eine sehr reale Gefahr.»

Russlands demografische Katastrophe sei an sich vorhersehbar gewesen, sagt Balzer der US-Denkfabrik CSIS. Denn schon in den frühen 1990er-Jahren, als Putin sich noch als stellvertretende Bürgermeister von St. Petersburg mit US-Beratern traf, habe er sich nicht für wirtschaftliche Entwicklung interessiert. «Er wollte über seine Mission sprechen, die Sowjetunion und das Russische Imperium zurückzubringen.»

Und dafür braucht Putin eine grosse Bevölkerung. «Für ihn rührt Russlands Stärke aus einem Überfluss an jungen Soldaten», schreibt Professorin Toft. «Putin setzt demografische Masse mit geopolitischer Macht gleich.»

In der Todeszone braucht es keine Masse an Soldaten

Wobei Putin damit einen Denkfehler begeht, sagt der ehemalige ukrainische General Volodymyr Haverlov. Der heutige Militärberater hat in einem Interview mit dem Historiker Philipps O’Brien die ukrainische Kriegsführung erklärt. Entscheidend sei die Zivilgesellschaft, darunter kleine und grosse Tech-Firmen. Von ihnen sei die Idee gekommen, auf Drohnen zu setzen. Und sie seien es nun auch, welche ständig Neuerungen hervorbrächten und so den technologischen Vorsprung der Ukraine wahren würden.

A man rides by electric scooter in front of the apartment building damaged after a Russian strike on Kyiv, Ukraine, on Saturday, Dec. 27, 2025. (AP Photo/Evgeniy Maloletka)
Russia Ukraine War

Die US-Regierung glaubt noch immer das Zerrbild der russischen Propaganda.Bild: keystone

2025 sei die Front zu einer «grauen Zone» von etwa 10 Kilometer geworden, in der ein Soldat bis zu 100 Drohnen über sich schwirren habe. Ohne zu wissen, ob sie Freund oder Feind seien. Und von denen er sofort entdeckt und zum Ziel gemacht werde. In dieser grauen Zone brauche man keine Masse an Soldaten, sondern wenige hochmotivierte, gut ausgerüstete und ausgebildete Leute. «Und diese geringe Anzahl wird wirksamer sein als jede grosse Streitmacht.»

Die US-Regierung von Donald Trump habe das nicht verstanden, sagt Haverlov. Sie glaubt noch immer das Zerrbild der russischen Propaganda, wonach Russland eine grössere Macht sei und kleinere Länder keine Chance hätten. Haverlov sagt dazu nur: «Reine Desinformation, reine Desinformation.» (aargauerzeitung.ch)

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