Es wirkt wie aus einer anderen Zeit: Als Pater Hans-Joachim Winkens im November 2020 nach Friedberg als neuer Wallfahrtsdirektor für Herrgottsruh kam, galten wegen Corona Abstände, Maskenpflicht und andere Einschränkungen. „Das war nicht einfach“, erinnert er sich. Damals seien 80 Plätze in der Kirche zugelassen gewesen. Mit einer Profession, bei der man jeden Tag mit vielen Menschen teilweise sehr vertrauensvoll spricht, ist ein Einstieg während der Pandemie alles andere als leicht gewesen. Und doch fühlt sich der gebürtige Westerwälder, der am 27. Dezember 70 Jahre alt geworden ist, in Friedberg inzwischen mehr als wohl. „Es war ein Tausch, von dem alle profitiert haben“, sagt er. Denn sein Vorgänger, Pater Sascha-Philipp Geißler, übernahm Winkens Pfarrstelle in der Großpfarrei Hamburg-Wandsbek.

Pater Winkens hat in Friedberg-Herrgottsruh viel Zeit für Seelsorge

Allein aus Altersgründen war der Wechsel keine schlechte Idee. „Mit 65 Jahren gehen andere in Rente“, sagt der Pallottiner mit einem Schmunzeln. Dabei gab er mit seinem Umzug ins vergleichsweise beschauliche Friedberg durchaus etwas auf. In Hamburg stand er einer Pfarrei mit tausenden Gemeindemitgliedern, mehreren Orchestern, Chören und einigen Kirchen vor. „Ich war ständig auf irgendeinem Konzert oder einer anderen kulturellen Veranstaltung.“ Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb sich der 70-Jährige auch in Friedberg so für ein hochwertiges Konzertangebot in Herrgottsruh einsetzt: Silvesterkonzert, Abgebrasst, das Colegium Vocale und viele weitere Veranstaltungen finden dort regelmäßig vor einem großen Publikum statt. Für Pater Winkens sind sie eine gute Möglichkeit, Worte auch an die Menschen zu richten, die nicht unbedingt seine Gottesdienste besuchen.

Im Vergleich zu früher hat er in Herrgottsruh deutlich weniger Verwaltungsarbeit zu bewältigen. „Allein, dass ich mich hier nur um eine Kirche und ein Pfarrhaus kümmern darf, macht einen großen Unterschied.“ So konnte der Seelsorger in ihm wieder stärker in den Fokus rücken. Als Beichtkirche kommen viele Menschen zur Aussprache nach Friedberg. Zudem finden häufig Krankensalbungen und Totengedenken statt. Die Trauerbegleitung allgemein nimmt einen nicht unerheblichen Teil seiner Arbeit ein, schließlich ist die Kirche umgeben von einem großen Friedhof. Für Hochzeiten und Taufen ist die schöne Barock-Kirche ebenso beliebt.

Der enge Kontakt mit vielen Leuten macht ihn zu etwas, was man als Menschenkenner bezeichnen könnte. „Die Angst um das Haus, das Kind, das Geld – in der Seelsorge bekommt man das alles mit.“ Tatsächlich nehme er so etwas wie einen Weltschmerz wahr. „Die Menschen haben Kriegsangst.“ Zudem hätten viele das Vertrauen in die Politik oder auch in die Kirche verloren. Ein Grund könnte seiner Meinung nach die rasante Entwicklung – auch technischer Natur – in den vergangenen Jahrzehnten sein. „Wir haben heute ein unglaubliches Wissen über jegliche Veränderung in der Welt, weshalb viele mehr Angst haben als früher.“ Er selbst lässt sich davon aber nicht beirren: „Meine Persönlichkeit ermöglicht es mir, keine negative Weltsicht zu haben. Es gibt immer etwas Positives.“ Die Verwurzelung im Glauben als Basis sei dabei sehr hilfreich. Das wolle er auch anderen mitgeben.

Pater Winkens: „Die Kirche ist ein Denkmal – und das muss man sehen.“

Aber auch die Gottesdienste liegen ihm am Herzen. Jeden Tag wird in der Wallfahrtskirche mindestens eine Messe gefeiert, die gut besucht sei. „Selbst unter der Woche kommen immer mindestens 20 bis 40 Gottesdienstbesucher.“ An den Sonntagen zieht es Menschen aus der ganzen Region nach Friedberg. Das liegt sicher auch daran, dass es sich bei Herrgottsruh um eine „Kunstkirche“ handelt. An den Wänden und Decken gibt es etwa Fresken von Cosmas Damian Asam zu entdecken. Für Pater Winkens ist die Wallfahrtskirche unter anderem deshalb mehr als ein Ort für Gottesdienste: „Die Kirche ist ein Denkmal – und das muss man sehen.“

Ein Denkmal, das er auch für die Zeit nach seiner Abberufung in voraussichtlich fünf Jahren in einem guten Zustand wissen will. In den vergangenen Jahren wurden bereits statische Maßnahmen umgesetzt, damit die Kirche nicht einstürzt. Was noch fehlt, ist die dringend notwendige Dachsanierung. Mindestens zwei Millionen Euro wird diese kosten. Geld, das das Bistum Augsburg derzeit nicht so einfach aufbringen kann, obwohl die Notwendigkeit außer Frage steht. Ursprünglich hatte Pater Winkens gehofft, dass die Bauarbeiten bis 2027 fertig sind. Denn in diesem Jahr werden gleich zwei Jubiläen gefeiert: 300 Jahre Bruderschaft und Bruderschaftshaus. Nun will er es wenigstes bis zu einem weiteren Jubiläum im Jahr darauf erledigt wissen: 275 Jahre Kirchweihe. Denn schließlich ist er ein Mensch, der gerne feiert.

  • Marina Wagenpfeil

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