Während das Leben des Gründungskanzlers der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg gut bekannt ist, weiß man jenseits von Köln wenig über den Oberbürgermeister während der Weimarer Republik. Wer kennt etwa das Porträt, das Konrad Adenauer 1932/33 anfertigen ließ?
Rente mit 67? Darüber hätte Konrad Adenauer wohl nur müde lächeln können. Immerhin war er schon 73 Jahre und 254 Tage alt, als der entscheidende Teil seiner Karriere begann: Am 15. September 1949 wurde der Vorsitzende der CDU in Nordrhein-Westfalen (eine Bundes-CDU gab es noch nicht) zum ersten Bundeskanzler gewählt, mit 202 Ja- und 142 Nein-Stimmen bei 44 Enthaltungen und einer ungültigen Stimme.
Damit begann die Ära Adenauer, die mit Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Westbindung zur Erfolgsgeschichte wurde, trotz altersbedingten Nachlassens ab 1959. Aber was war eigentlich vor der Kanzlerschaft? Recht genau erforscht ist die Zeit des erzwungenen Vorruhestandes von 1933 bis 1945, ebenso die Übergangszeit bis zum Parlamentarischen Rat. Aber was Adenauer vor Hitler angeht, herrscht überraschend viel Unwissen. Die 150. Wiederkehr seiner Geburt am 5. Januar 1876 gibt Anlass, weniger bekannte Aspekte dieses Jahrhundertlebens zu beleuchten.
Wer kennt zum Beispiel das Porträt, das der Oberbürgermeister Kölns, damals viertgrößte Stadt Deutschlands, 1932/33 anfertigen ließ? Johannes Greferath schuf es offenbar in offiziellem Auftrag, denn als Aufbewahrungsort ist im Werkverzeichnis „Köln Rathaus“ angegeben.
Als es Mitte Februar 1933 fertiggestellt war, feierte der Kölner „Lokalanzeiger für Stadt und Land“ es in einem Artikel des Lokalchefs Heinz Stephan als „treffsicher“ und lobte: „Forschend blickt das Auge, nicht kalt und feindlich, sondern erfüllt von gütiger Anteilnahme. Und wer in diesem Gesicht zu lesen versteht, der weiß: Da herrscht klare Überlegung; in diesem Kopf wohnt ein fester Wille, der als richtig Erkanntes energisch angreift und durchführt.“
Vier Wochen später war das eben noch so gelobte Stadtoberhaupt auf der Flucht, aus dem Kölner Rathaus in der Altstadt vertrieben von SA-Schlägern und bald darauf (übrigens rechtswidrig) suspendiert. Dieses jähe Ende seiner Amtszeit als Oberbürgermeister überschattete die vorherige Tätigkeit als Kommunalpolitiker. Außer in Köln selbst dürfte über diese gut 15 Jahre heute wenig bis nichts bekannt sein.
Am 18. September 1917 war der bisherige Erste Beigeordnete zum Stadtoberhaupt gewählt worden – typisch für die Zeit des Kaiserreichs im Krieg ohne Gegenstimmen. Als Mitglied der ersten Volkspartei Deutschlands, des katholischen Zentrums, stand er für eine pragmatische, möglichst ideologiefreie konservative Politik, die gleichwohl offen für Modernisierung war. Weil seine Amtszeit zwölf Jahre betrug, konnte er auch langfristige Projekte angehen, ohne auf wahltaktische Manöver angewiesen zu sein.
Das zeigte er an einer Reihe wichtiger, bis heute am Rhein spürbarer Entscheidungen. Zu den größten Aufgaben gehörte der Umbau der Stadt, der durch die Niederlegung der beiden bisherigen Festungsringe möglich und nötig wurde. Geschickt setzte Adenauer durch, dass die frei werdenden Flächen zu zwei Grüngürteln umgestaltet statt geschlossen bebaut wurden; das verbesserte das Klima in der Innenstadt deutlich.
In Köln-Niehl nördlich der Innenstadt entstand auf Adenauers Initiative ein Rheinhafen, etwas weiter stadtauswärts siedelte der US-Konzern Ford sein europäisches Werk an. Der erste Kölner Flughafen entstand, ebenso die erste kreuzungsfreie Schnellstraße in Deutschland Richtung Bonn. Zugleich orientierte sich Adenauer an der Idee der sozialen Marktwirtschaft, bevor es den Begriff überhaupt gab: Die Stadtverwaltung modernisierte den Wohnungsbau, weil ohne akzeptable Unterbringung qualifizierte Arbeitskräfte nicht zu gewinnen und zu halten waren.
Erfolge und Misserfolge
Ein Projekt, das vergleichsweise schnell Erfolg brachte, war die Neugründung der Universität zu Köln. Die traditionsreiche Bildungsstätte war nach mehr als vier Jahrhunderten Existenz 1798 von der französischen Besatzungsmacht geschlossen worden. Nach dem Sieg der Koalition in den napoleonischen Kriegen richtete Preußen, dem nun das vormals erzbischöfliche Rheinland zugeschlagen war, zwar eine neue Universität ein – allerdings in Bonn, dem vormaligen Sitz der Kölner Kirchenfürsten, ja sogar in deren Stadtschloss. Alle Bemühungen, in der deutlich größeren Nachbarstadt ebenfalls wieder eine vollwertige Hochschule zu etablieren, blieben erfolglos. Erst 1919 gelang das, wesentlich mit Adenauers Unterstützung – und schon 1926 war Köln die deutsche Stadt mit den zweitmeisten Studenten nach Berlin.
Einen „Masterplan“, um Köln zu modernisieren, gab es gleichwohl nicht. Vielmehr orientierte sich der Oberbürgermeister an den jeweiligen Möglich- wie Notwendigkeiten: Er setzte so viel durch wie erreichbar, solange die ungefähre Richtung stimmte.
Eher ambivalent war die Gründung der Kölner Messe, deren erste Schau 1924 startete; das hochmoderne Ausstellungsgelände am rechten Rheinufer wurde vier Jahre später fertiggestellt. Adenauers Ziel entsprach der äußeren Form: Als „Zentralmarkt des westdeutschen Wirtschaftsgebiets“ solle sie „Wirtschaftsfäden mit den übrigen westeuropäischen Ländern fest und dauerhaft knüpfen“, erklärte er zur Eröffnung, verbunden mit einem klaren Bekenntnis, das nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus immer noch seine Überzeugung war: „Es muss in Europa wieder eine Atmosphäre des Friedens geschaffen werden, und es scheint, dass dabei die Wirtschaft der Politik Wegbereiterin sein muss.“
Allerdings liefen für dieses Vorhaben enorm hohe Kosten auf, die vornehmlich mittels oft kurzfristiger Kredite amerikanischer Banken finanziert wurden – den Haushalt der Stadt setzte dieses Projekt seit Beginn der Wirtschaftskrise in den USA Ende 1929 daher stark unter Druck. Ein Jahr später drohte Köln der „Kassenkollaps“. Nur durch starke Erhöhung kommunaler Abgaben wie der Grund- und der Gewerbesteuer konnte Adenauer den Bankrott der Stadt abwenden und einen Haushalt für 1931 aufstellen. Jedoch würgte diese Steuererhöhung die lokale Konjunktur ab. Aus dieser Episode lernte der Oberbürgermeister, auf kurzfristige Kredite zu verzichten und auf echtes Wachstum statt auf subventionierte Strohfeuer zu setzen. In seiner zweiten Karriere beachtete er diese Lehre.
Manch andere Vorhaben für Köln scheiterten, doch sie belasten die Erinnerung an den Oberbürgermeister Adenauer nicht, weil diese Misserfolge vergessen sind. So gab es bereits in den 1920er-Jahren Pläne für ein teilweise unterirdisches Bahnsystem in Köln – die ersten Strecken der Unterpflasterbahn gingen erst ein knappes halbes Jahrhundert später in Betrieb, und das Netz ist noch immer nicht annähernd fertig: Sowohl der Lückenschluss der unterirdischen Nord-Süd-Trasse wie jener der Ost-West-Verbindung unter dem Rhein hindurch fehlen noch. Ebenfalls unverwirklicht blieb die Erweiterung (oder alternativ: Verlegung) des wilhelminischen Hauptbahnhofs neben dem Dom und ein Krematorium, das am Stadtrat scheiterte. Beides kam erst nach 1945.
In seiner Oberbürgermeisterzeit, die 1929 durch Wiederwahl bis 1941 verlängert wurde, also bis zum 65. Geburtstag des Amtsinhabers, galt Adenauer wiederholt als Kandidat für höhere Aufgaben. Sein Selbstbewusstsein trug ihm Beschreibungen wie „Kanzler des Westens“ oder „König des Rheinlandes“ ein. Erstmals 1921, erneut 1926 und 1928 wurde diskutiert, ob er die Reichskanzlerschaft übernehmen solle.
Kein Wechsel an die Spree
Der 1923 für rund hundert (genau: 103) Tage amtierende Reichskanzler und spätere Außenminister Gustav Stresemann notierte im Mai 1925: „Die Oberbürgermeister des heutigen Deutschlands sind in Wirklichkeit neben den Großindustriellen die Könige der Gegenwart. Auf längere Zeit gewählt, viele unabsetzbar, sind sie mächtiger als die Minister.“ Kein Wunder, dass Adenauer der Versuchung widerstand, vom Rhein an die Spree zu wechseln – und auch nach 1945 immer ein gespaltenes Verhältnis zur nun ehemaligen und inzwischen geteilten Reichshauptstadt behielt.
Mit dem Weg als Kölner Stadtoberhaupt bis zur Pension wurde es nichts. Denn der Vernunftrepublikaner Adenauer verteidigte die Demokratie seit 1930 vehement gegen die Hitler-Bewegung, machte sich dadurch viele Feinde. „Adenauer an die Mauer“ skandierten SA-Leute und forderten damit seine Erschießung. Furchtlos verweigerte er beim ersten Besuch des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler in Köln am 17. Februar 1933 den Empfang am Flughafen und ließ zwei große Hakenkreuzfahnen an der Deutzer Brücke abhängen, weil es sich nicht um staatliche Symbole handelte. Das war eine unmissverständliche Ansage, die direkt zu seiner Entlassung vier Wochen später führte.
Wie genau das Porträt von Johannes Greferath in Adenauers Privatbesitz kam, ist übrigens nicht geklärt. Anhand von Familienfotos aus den 1940er-Jahren kann man sagen, dass es zu dieser Zeit im Haus in Rhöndorf hing, allerdings im Wohnzimmer und nicht wie heute über dem Sofa im Arbeitszimmer. In den 1950er-Jahren, so die Erinnerung eines Kanzler-Enkels, befand es sich nicht mehr im Wohnhaus, sondern war von anderer Kunst gewissermaßen „verdrängt“ worden. Wann es seinen heutigen Platz fand, ist nicht dokumentiert.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.