Moskau hat einen regen Austausch mit dem Regime in Venezuela gepflegt und fühlt sich diesem verbunden. Auf den amerikanischen Militärschlag reagiert Russland aber vorsichtig, um Trump nicht zu verärgern.
Am 9. Mai 2025 begrüsste Präsident Putin den venezolanischen Machthaber Maduro zur Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau.
Alexei Nikolsky / RIA Novosti / Reuters
Fünf Pressemitteilungen zu einem Thema am selben Tag veröffentlicht das russische Aussenministerium sehr selten. Bei Venezuela hielten es die Diplomaten offenbar für nötig, und das trotz Neujahrsferien in Russland. Der Ton schwankte zwischen Empörung und Besorgnis. Viel mehr als Worte der Unterstützung für das venezolanische Volk und die Regierung sowie die scharfe Verurteilung des amerikanischen Vorgehens blieben Aussenminister Sergei Lawrow und seinen Mitarbeitern aber nicht.
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Besonders empörte sie die Festsetzung des Machthabers Nicolás Maduro. Sie sei ein Angriff auf die Souveränität des Landes und der militärische Eingriff ein Verstoss gegen das Völkerrecht. Für Russland ist Maduro der legitime Präsident. Er müsse sofort freigelassen werden. Die vielen Worte konnten kaum davon ablenken, dass Russland der Demontage eines vermeintlichen Schützlings ohnmächtig zusehen musste. Präsident Wladimir Putin äusserte sich gar nicht.
Rückschlag für Russland
Venezuela ist neben Kuba Russlands wichtigster Verbündeter in Lateinamerika. Jahrelang hatte Moskau erst das Regime von Hugo Chávez, dann jenes von Maduro finanziell unterstützt und mit Militärtechnik beliefert. Chávez, Maduro und ihre Entourage waren regelmässige Gäste in Moskau. Noch im vergangenen Jahr weilte Maduro zu den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des sowjetischen Sieges über Nazideutschland am 9. Mai in Moskau. Damals beschlossen Putin und er einen neuen Vertrag über eine strategische Partnerschaft, der im Herbst in Kraft trat, aber nie die gegenseitige militärische Unterstützung vorsah.
Mitte Dezember, als die amerikanische Drohkulisse immer mächtiger wurde, telefonierten Maduro und Putin miteinander. Schon damals war klar, dass es der Kreml bei aufmunternden Worten belassen würde. Putin sicherte dem bedrängten Machthaber seine Unterstützung zu und sprach über wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit. Berichte in russischen Medien, wonach Russland zusätzliche Rüstungsgüter nach Venezuela geschickt habe, wurden offiziell nie bestätigt. Nur ein wenig glaubwürdiger Parlamentarier sprach öffentlich darüber.
Der Kreml hätte sich ganz gewiss eine andere Entwicklung gewünscht. Wie schon im Frühsommer, als die USA Iran bombardierten, und vor einem Jahr beim Sturz des syrischen Diktators Bashar al-Asad sah sich die russische Führung nicht in der Lage, ihre Verbündeten vor dem Zugriff der Amerikaner zu schützen.
Strategisch ist das ein doppelter Rückschlag für Russland: Zum einen droht es Einfluss in wichtigen Weltgegenden zu verlieren. Zum andern erweist es sich in den Augen vieler, auch potenzieller Partner, als unfähig, Wort zu halten und Schutz zu gewähren. Allein die Bilder des gefangen genommenen Maduro dürften im Kreml Abscheu und Sorge ausgelöst haben. Bereits die Blossstellung der gestürzten Diktatoren Ghadhafi und Saddam Hussein hatte auf Putin starken Eindruck gemacht.
Russland sieht sich überdies selbst als einer der letzten Verfechter des Völkerrechts und der Uno-Charta. Auch mit Blick auf den Ukraine-Krieg fühlt es sich im Recht, weil es sich selbst verteidige, so paradox das aus westlicher Warte erscheint. Aber auch in Russland mehren sich die realpolitischen Stimmen, die die Abkehr von diesen Normen konstatieren und festhalten, es sei eine Zeit angebrochen, in der jeder tue, was er wolle. Sie hätten jahrelang die regelbasierte Ordnung des Westens lächerlich gemacht. Jetzt stehe der Welt aber eine Ordnung bevor, die auf roher Gewalt beruhe, schrieb ein dem Kreml durchaus wohlgesinnter Kommentator skeptisch.
Werben um die Gunst Trumps
Amerikas Machtdemonstration und Russlands Ohnmacht kommen zu einem Zeitpunkt, in dem die beiden Präsidenten die gegenseitige Annäherung suchen und Russland sich von den USA wieder als ebenbürtig behandelt glaubte. Der Wunsch, Donald Trump nicht unnötig zu verärgern, ist seit Monaten spürbar, auch im Umgang mit Venezuela. Putin denkt selbst in Einflusssphären. Venezuela zählt eindeutig nicht dazu. Russland hätte beim besten Willen dem amerikanischen Aufmarsch in der Karibik nichts entgegenzusetzen. Trumps skrupelloses Vorgehen macht aber auch russischen Trump-Euphorikern klar, dass es eine Illusion war zu denken, die USA führten sich nun nicht mehr als Hegemon auf.
Dieser Spagat zwischen eigenen russischen Interessen und dem Werben um die Gunst Trumps definiert auch Putins Verhalten, wenn es um die Ukraine geht. Putin gelang es während des ganzen vergangenen Jahres, Trump immer wieder hinzuhalten, dessen Wunsch nach einem Waffenstillstand in der Ukraine und einer möglichst schnellen Beendigung des Krieges zu hintertreiben und trotzdem das Ohr des amerikanischen Präsidenten zu behalten. Offensichtlich war es nun aber Putins Unwille gewesen, Ende Dezember auf eine Friedensvereinbarung auf Basis der ukrainisch-amerikanisch-europäischen Vorschläge einzugehen.
Der Vorwurf an den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski, er habe einen gezielten Drohnenangriff auf Putins Residenz in Waldai befohlen, sollte wohl den Druck auf Kiew erhöhen. Er lief allerdings bei Trump ins Leere. Die nachgelieferten Belege überzeugten die Amerikaner nicht, obwohl diesbezüglich sehr viel Aufwand betrieben worden war. Putin habe sich damit in den Augen Trumps als Opfer inszeniert, wo doch Trump nur Stärke bewundere, schrieben Kommentatoren. Die angekündigte Rache für den angeblichen Angriff hat ebenfalls noch nicht stattgefunden.
Vergleiche mit dem Ukraine-Krieg
Der Militärschlag gegen Maduro löste dennoch auch bei Kreml-loyalen Beobachtern Bewunderung aus. Einige stellten sofort die Frage, weshalb denn Russland nicht dasselbe in Kiew getan habe. Die kriegsbegeisterten Propagandisten fordern seit langem mehr Unbarmherzigkeit gegenüber Selenski und der ukrainischen Führung.
Allerdings war die russische Armee am ersten Kriegstag 2022 mit dem Versuch, auf dem Kiewer Militärflughafen Hostomel zu landen und in einer Kommandoaktion ins Machtzentrum vorzudringen, gescheitert. Der erfolgreiche amerikanische Schlag in Caracas legte auch die Unzulänglichkeit der Russen offen. Selenski lobte den Vorgang aus einem anderen Grund: Die Festsetzung Maduros könne doch auch auf andere Diktatoren angewandt werden, meinte er – und hatte sicherlich Putin im Sinn.