Es hat eine Weile gedauert, bis man sich an die Arbeitsweisen und kulturelle Gepflogenheiten in Frankreich gewöhnt hat.

Es hat eine Weile gedauert, bis man sich an die Arbeitsweisen und kulturelle Gepflogenheiten in Frankreich gewöhnt hat.

Courtesy of Jodie Hughes

  • Das Erlernen der französischen Etikette war ein herausfordernder und manchmal peinlicher Teil meiner Eingewöhnung in das neue Arbeitsleben.
  • Die französische Kultur rund um Mahlzeiten und den großzügigen Umgang mit Alkohol im Büro überraschte mich.
  • Aus England kommend konnte ich kaum glauben, wie viel Urlaub ich nun hatte und wie entspannt man hier mit Freizeitregelungen umgeht.

2017 kündigte ich meinen Job als juristische Fachangestellte, packte mein Leben in England zusammen und kaufte mir ein One-Way-Ticket nach Paris.

Das neue Kapitel war voller Überraschungen. Die meisten davon waren positiv, doch in den ersten Monaten warteten auch einige unerwartete Herausforderungen auf mich – von der berüchtigt komplizierten französischen Bürokratie und wenig hilfreichen Beamten bis hin zur eigenwilligen Welt der Pariser Soirées.

Die größten Kulturschocks erlebte ich allerdings im Arbeitsalltag. Und selbst nach acht Jahren in Frankreich finde ich bestimmte Aspekte der französischen Bürokultur noch immer überraschend.

An französische Sozialnormen gewöhnen

Viele Traditionen in Frankreich unterscheiden sich von dem, was ich aus England gewohnt bin

Viele Traditionen in Frankreich unterscheiden sich von dem, was ich aus England gewohnt bin

Courtesy of Jodie Hughes

Mit der Büroetikette zurechtzukommen, war meine erste große – und dringendste – Herausforderung. Ich begann eine komplett neue Rolle in einem völlig neuen Unternehmen, gerade einmal drei Tage nach meiner Ankunft in Frankreich.

Zwar lautete mein Jobtitel weiterhin juristische Fachangestellte, doch mein Aufgabenbereich hätte kaum unterschiedlicher sein können. Zu sagen, dass eine steile Lernkurve vor mir gelegen hatte, wäre eine massive Untertreibung.

Ich hatte zwar damit gerechnet, dass die korrekte Anrede schwierig werden würde. Das machte meine häufigen Fehltritte aber nicht weniger peinlich. Im Französischen gibt es verschiedene Formen für „du“ und „Sie“ sowie unterschiedliche Verbformen, je nach Höflichkeits- und Distanzgrad. Die Regeln dafür, wen man duzt und wen man siezt, wirken bestenfalls vage – und für eine neue Mitarbeiterin aus dem Ausland wie ein Minenfeld.

Dazu kamen soziale Normen, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Man begrüßt jede Person, die mit einem in den Aufzug steigt, und wünscht ihr beim Aussteigen einen schönen Tag oder Abend. Das gilt hier sogar in Wartezimmern von Arztpraxen. Daran habe ich mich bis heute nicht wirklich gewöhnt.

In England vermeidet man in solchen Situationen vor allem Blickkontakt. Und falls man doch versehentlich die Existenz einer anderen Person anerkennt, gibt es höchstens ein verkrampftes, ebenso peinliches Lächeln. Reden kommt unter keinen Umständen infrage.

Die Essenszeiten in Frankreich sind heilig

In Frankreich habe ich festgestellt, dass es nicht ungewöhnlich ist, im Büro ein Glas Sekt zu trinken.

In Frankreich habe ich festgestellt, dass es nicht ungewöhnlich ist, im Büro ein Glas Sekt zu trinken.

Courtesy of Jodie Hughes

Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, wie ernst die Französinnen und Franzosen das Genießen von Mahlzeiten nehmen.

Selbst unsere Kantine fühlte sich wie ein Paradies für Foodies an: wechselnde Menüs mit Ente, Lachs oder Paella, Desserts von einer professionellen Pâtissière, frisches Brot aus der Bäckerei um die Ecke und ganze Berge von Käse.

Meine Mittagessen wurden so stark vom Arbeitgeber subventioniert, dass sie fast immer kostenlos waren – es sei denn, ich gönnte mir ein Drei-Gänge-Menü oder ein Glas Wein.

Ja, es ist in Frankreich offenbar völlig akzeptabel, mittags Alkohol zu trinken.

Ich lernte außerdem schnell: Essenszeiten sind hier, genau wie Baguettes, unantastbar. Es gilt als unhöflich, am Schreibtisch hastig ein Sandwich zu essen. Stattdessen setzt man sich gemeinsam an einen Tisch und nimmt sich Zeit.

Entsprechend sind zweistündige Mittagspausen keine Seltenheit. Viele Französinnen und Franzosen sind regelrecht verwirrt darüber, was man mit „nur“ einer Stunde anfangen soll.

Meine Kolleginnen und Kollegen nutzten die Pause für Sport, Kurse oder ein ausgedehntes Restaurantessen – Dinge, die mit den 30 bis 60 Minuten, die ich aus England kannte, undenkbar gewesen wären. Und weil Alkohol zum Mittagessen akzeptabel ist, gilt das offenbar auch davor, danach und eigentlich immer dann, wenn es den kleinsten Anlass zum Feiern gibt.

In meinen ersten zwei Monaten im Büro trank ich mehr Champagner als in meinem gesamten bisherigen Leben zusammen. Einmal wurden mehrere Flaschen zu einem Abschiedsfrühstück um 11:30 Uhr geöffnet. Es war nicht leicht, aber an diesen Kulturschock habe ich mich erstaunlich klaglos angepasst.

Mein Urlaubsanspruch hat mein Leben verändert

In Frankreich hatte ich mehr bezahlten Urlaub als je zuvor.

In Frankreich hatte ich mehr bezahlten Urlaub als je zuvor.

Courtesy of Jodie Hughes

Eine weitere frühe Erkenntnis war, dass Work-Life-Balance in Frankreich extrem wichtig ist. Die Wettbewerbskultur aus England – wer kommt am frühesten und geht am spätesten, also wer brennt am schnellsten aus – existiert hier praktisch nicht.

Freizeit wird entschlossen geschützt. Beschäftigte haben sogar ein gesetzlich verankertes Recht auf Nichterreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit, und die Französinnen und Franzosen setzen dieses Recht auch durch.

Als ich von meinem Urlaubsanspruch erfuhr, war ich zunächst überzeugt, mich verhört zu haben: über fünf Wochen Urlaub im ersten Jahr – zusätzlich zu elf Feiertagen.

In Frankreich müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Regel mindestens zwei Wochen am Stück Urlaub nehmen. Diese Zeit fällt oft in den Juli oder August, wenn ganze Abteilungen für einen Monat verschwinden.

Das war ein starker Kontrast zu England, wo zwei Wochen am Stück als Luxus galten und ich insgesamt nie mehr als vier Wochen Urlaub hatte. Im Sommer kommt dadurch vieles zum Stillstand – ziemlich unpraktisch, wenn ein Projekt läuft und alle bis September abwesend sind.

Gleichzeitig hat mir diese Haltung die Augen dafür geöffnet, wie lebensverändernd echte Balance sein kann. Sie gehört zu den besten Erfahrungen meines Umzugs nach Frankreich. Sich an so andere Arbeitsnormen anzupassen, fühlte sich wie eine Achterbahnfahrt an – doch es gab deutlich mehr Höhen als Tiefen.

Am Ende war die Erfahrung genauso bereichernd wie überraschend. Noch ein Glas Champagner?

Lest den Original-Artikel auf Business Insider US.