In Berlin hat ein Anschlag auf eine Kabelbrücke verheerende Folgen: Tausende Haushalte bleiben über Tage im Dunkeln und Kalten. In Hessen halten Politik, Netzbetreiber und Experten ein ähnliches Szenario für unwahrscheinlich – doch nicht für ausgeschlossen.

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03:03 Min.|05.01.26, 19:30 Uhr|hr

Wie gut ist Hessen vor einem Blackout geschützt? | Das Thema vom 05.01.2025

hs 05.01.2026

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Bild © hessenschau.de

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Draußen Minusgrade und Schnee, drinnen kein Licht: Kaum zwei Stunden dauerte der Stromausfall am frühen Dienstagmorgen in Teilen von Königstein (Hochtaunus) und Bad Soden (Main-Taunus).

Bei denen, die den Stromausfall nicht verschliefen, dürfte er zumindest kurz Gedanken an den verheerenden Stromausfall in Berlin wachgerüttelt haben. Im Südwesten der Bundeshauptstadt sind nach einem Anschlag auf eine Kabelbrücke tausende Haushalte den vierten Tag in Folge ohne Strom.

Unterdessen war der Stromausfall im Taunus schnell wieder behoben: Gegen 6 Uhr waren die rund 6.200 Haushalte nach Angaben des Netzbetreibers Syna wieder versorgt.

Ein mächtiger Strommast aus der Froschperspektive und im Gegenlicht fotografiert.

Hessische Netzbetreiber prüfen Sicherheitslage

Die Ursache sei ein defektes Mittelspannungsnetz-Kabel im Erdreich gewesen, hieß es wenig später vom Sprecher des Unternehmens, Hans Reimann. Der Ablauf sei für das geschulte Personal vor Ort in solchen Fällen Routine. Mit dem Brandanschlag in Berlin, bei dem mehrere, besonders dicke, oberirdische Hochspannungskabel zerstört wurden, also kaum vergleichbar.

Der Vorfall in Berlin beschäftigt die Syna nach Reimanns Angaben aktuell dennoch: „Wir beobachten die veränderte Sicherheitslage genau“, teilte er mit. Trotz laufender Überprüfungen und Optimierungen könne es „gegen extreme kriminelle Energie keinen hundertprozentigen Schutz“ geben.

Ministerium: „Immer einer gewissen Gefährdung ausgesetzt“

Ähnlich äußerten sich auf hr-Anfrage auch andere hessische Netzbetreiber, etwa die Mainova in Frankfurt oder die EAM aus Kassel. Auch das hessische Wirtschaftsministerium stellte auf Anfrage klar: „Die öffentliche Infrastruktur ist immer einer gewissen Gefährdung ausgesetzt.“ Fortlaufend führe man deshalb Maßnahmen durch, um diese zu schützen.

Zum Schutz der Infrastruktur zählt für die Behörden und Unternehmen zum Teil auch, wenig darüber preiszugeben, was genau sie unternehmen und wie gut sie sich auf etwaige Angriffe ihrer Netze vorbereitet sehen.

Etwas konkreter wurde Philip Krämer, Unternehmenssprecher des Darmstädter Unternehmens Entega und der dazugehörigen e-netz Südhessen: „Nach einer ersten Auswertung der Informationen, die uns bis heute zum Sabotageakt auf das Berliner Stromnetz vorliegen, weist unser Stromverteilnetz keinen vergleichbaren Angriffspunkt mit ähnlich schwerwiegenden Folgen auf.“

Zudem sei der überwiegende Teil der Leitungen mit 97,4 Prozent im Mittelspannungsbereich und mit 99,5 Prozent im Niederspannungsbereich unterirdisch verlegt und damit schlechter zugänglich. Allerdings betreibt das Unternehmen kein eigenes Hochspannungsnetz.

Anteil oberirdischer Leitungen schwankt

Anders ist das beim Unternehmen Syna mit Sitz in Frankfurt: Im Hochspannungsbereich überwiege der Anteil von oberirdischen Freileitungen, also Stromleitungen, die beispielsweise über Masten verlegt sind, teilte Sprecher Reimann mit.

Zwar gebe es einen Trend hin zu immer mehr Erdverkabelung, doch Teile der Infrastruktur zur Energieversorgung müssten oberirdisch verlaufen, das sei „technische Realität und nicht vermeidbar“, so Reimann. Überirdisch handle es sich allerdings meist um sogenannte Freileitungen, die mit Sicherheitsabstand zur Erde über Masten geführt werden.

Isolierte Kabel ohne diesen Sicherheitsabstand, wie im Fall des mutmaßlichen Angriffs in Berlin, gebe es im Einzugsgebiet des Unternehmens allerdings kaum noch.

Redundanzen sollen Versorgung sichern

Egal wie groß der Sicherheitsabstand oder wie hoch die Zäune: Das Stromnetz lasse sich nicht hundertprozentig absichern, das sieht auch Michèle Knodt vom Zentrum für Digitale Resilienz der TU Darmstadt so. „Dafür haben wir zu viele Kilometer an Stromkabeln, Handymasten, Masten des Stromes – das ist unmöglich zu schützen“, sagte die Wissenschaftlerin.

Neben den Schutzmaßnahmen sei deshalb wichtig, für den Ernstfall so vorzusorgen, dass betroffene Haushalte wieder schnell mit Strom versorgt werden könnten.

Porträt Michèle Knodt, vor Bücherregal

Michèle Knodt forscht an der TU Darmstadt zu digitaler Resilienz.
Bild © hr

Darauf verweist auch das hessische Wirtschaftsministerium: In Hessen gelte für das Stromnetz – wie in ganz Deutschland – das sogenannte N-1-Prinzip. Unter Fachleuten spreche man auch von Redundanzen, erklärte Michèle Knodt, Professorin am Zentrum Digitale Resilienz der TU Darmstadt. „Das heißt, zusätzliche Möglichkeiten zu haben: Wenn der eine Weg blockiert ist, kann ich den Strom andersherum leiten.“

Genau diese Form der Vorsorge scheint es im Fall der Kabelbrücke in Berlin aber nicht gegeben zu haben. Dort soll nun erst nachträglich eine solche Redundanz aufgebaut werden. Laut Stromnetz Berlin müssen die betroffenen Haushalte dann nicht auf die Reparatur der beschädigten Kabelbrücke warten, die noch mehrere Wochen dauern könnte.

Expertin sieht Hessen gut vorbereitet

Auch wenn das Wirtschaftsministerium mit dem N-1-Prinzip also auf einen Grundsatz verweist, der eigentlich in ganz Deutschland gelten sollte – und in Berlin offenbar nicht zum Tragen kam: Wissenschaftlerin Knodt geht davon aus, dass Hessen vor einem Blackout besser geschützt ist.

„Ich weiß, dass in Hessen sehr viel darüber nachgedacht wird, was genau passiert, wenn der Fall eintritt, und dass hier sehr viel Vorsorge betrieben wird“, so die Expertin.

Dass Redundanzen im Netz gesichert seien, schreiben etwa die Wiesbadener Stadtwerke, Syna, EAM und die Fuldaer Rhön-Energie-Gruppe mit ihrer Netzgesellschaft Osthessen Netz.

Regelmäßige Übungen für den Ernstfall

Die nordhessische EAM sowie die Frankfurter Mainova betonten zudem, dass es regelmäßige Übungen von Krisenszenarien gebe. Zudem habe man Reparaturmaterial und unterschiedlich große Notstromaggregate vorrätig, erklärte die Sprecherin der EAM.

Die Syna gab an, dass die Ersatzanlagen für einen so „großflächigen Netzausfall wie in Berlin“ durch einen einzigen Betreiber aber kaum zu gewährleisten seien. In so einem Fall komme es auf die Zusammenarbeit mit weiteren Netzbetreibern und auch auf Hilfsorganisationen an.

Mehrere Rettungssanitäter und Ärzte stehen vor großen weißen Zelten.

Laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) Hessen werden für Krisenfälle unterschiedliche Notstromaggregate vorgehalten: von Großaggregaten, die ein ganzes Krankenhaus versorgen könnten, bis zu kleinen Geräten, mit denen etwa Beatmungsgeräte von zuhause lebenden Pflegebedürftigen betrieben werden könnten.

Vor allem durch die regelmäßigen Katastrophenschutzübungen fühle man sich beim DRK „sehr gut“ auf den Ernstfall vorbereitet, so Michael Rückert, stellvertretender DRK-Landesgeschäftsführer im Gespräch mit der hessenschau. Dabei gehe es nicht nur um großflächige Stromausfälle, sondern auch um Extremwetterereignisse, welche ähnlich verheerende Auswirkungen haben könnten.

Weitere Informationen Was jeder tun kann

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt für Notfälle, einen Vorrat anzulegen, der Folgendes beinhalten sollte:

  • Trinkwasser für mehrere Tage
  • haltbare Lebensmittel für mehrere Tage sowie Camping-Kocher
  • Informations- und Kommunikationsmittel (z. B. Solar-Radio, aufgeladene Powerbank, installierte Warn-Apps)
  • Licht und Wärme (z. B. Taschenlampe, Kerzen, warme Decken, Schlafsäcke)
  • Hausapotheke

Mit einer Checkliste des BBK können Sie überprüfen, was Ihnen für den Vorrat fehlt.

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