Plötzlich laufe ich gegen einen Baum. Er ist zwar nicht echt, aber seine Äste piksen mir trotzdem wie kleine Nadeln ins Gesicht. „Du musst weiter links gehen“, sagt eine Stimme neben mir. Oder vor mir? Oder dahinter? In der absoluten Dunkelheit verliere ich das Gefühl für den Raum. Ich reiße meine Augen so weit wie möglich auf, halte mir die Hände direkt vor das Gesicht – doch das Einzige, was ich sehe, ist: schwarz.

Die navigierende Stimme aus der Dunkelheit gehört Jenny Dabelstein. Sie arbeitet als Guide im Dialoghaus Hamburg und führt regelmäßig Besuchergruppen durch den nachgebauten Park im Inneren des Gebäudes in der Hamburger Speicherstadt. Nach unserer kurzen Tour brauchen meine Augen einen Moment, um sich wieder an die Helligkeit zu gewöhnen. Langsam, aber sicher taut die Welt vor meinen Augen wieder auf, ich erkenne Farben, Konturen und Kontraste. Jenny Dabelstein kann das nicht.

Inklusion: Was würden Paralympische Spiele für Hamburg bedeuten?

Ihr Sehvermögen liegt bei 20 bis 30 Prozent, ohne Brille sogar nur bei zehn. Auf dem linken Auge sieht sie fast gar nichts, genauso wie bei Dunkelheit. In einer Stadt, in der die Sonne im Winter schon um 16 Uhr verschwindet, wiegt diese Beeinträchtigung umso schwerer.

„Ich habe eine Gesichtsfeldeinschränkung“, erklärt Dabelstein. „Geradeaus sehe ich komplett scharf, aber unten, oben, links und rechts gar nichts. Es ist, als würde man durch eine Papierrolle gucken.“ Vor der Tour durch den dunklen Raum sitzt sie mit ihren Kollegen Daniel Grodzki, Tobias Schauenburg, Geschäftsführerin Svenja Weber sowie Gebärdendolmetscher Andreas Pargen in einem hellen Büro im ersten Stock des Dialoghauses.

Hamburger Olympia-Bewerbung soll mehr Sichtbarkeit für Beeinträchtigte schaffen

Die Runde hat sich zusammengefunden, um über die Perspektiven von beeinträchtigten Menschen im Rahmen der Hamburger Olympia-Bewerbung zu sprechen. Denn diese, so die Meinung der Anwesenden, komme bislang zu kurz. „Wir freuen uns über jeden Anruf“, sagt Grodzki, der sich im Dialoghaus unter anderem um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert und ein Sehvermögen von lediglich fünf Prozent hat.

„Wir unterstützen die Bewerbung, wenn auch die Paralympischen Spiele angemessene Beachtung finden“, sagt er. Die Wettkämpfe könnten, so hofft es Grodzki, dabei helfen, die Gesellschaft auch im Alltag noch stärker für das Leben von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren.

Olympia: Barrierefreier Ausbau der Stadt hilft allen Menschen

Der barrierefreie Ausbau der Infrastruktur käme den Menschen im Alltag sicherlich zugute, sagt Grodzki. Er würde aber allen Hamburgern helfen: „Eine Barriere ist eine Barriere. Sie ist unterschiedlich hoch für verschiedene Leute. Aber wenn man eine Barriere abbaut, dann baut man sie für alle ab.“ Ein neuer Fahrstuhl in einer U-Bahn-Station würde nicht nur Rollstuhlfahrern, sondern beispielsweise auch Menschen mit Kinderwagen helfen.

Das finde ich diskriminierend.

Blindenfußballerin Jenny Dabelstein, über die ungleiche Behandlung zwischen Männern und Frauen

Ihm sind auch andere Aspekte wichtig: „Es geht auch darum, Barrieren im Kopf abzubauen. Es gibt Situationen, da fühle ich mich einsam und ausgegrenzt, weil Leute mich meiden oder sich nicht trauen, auf mich zuzugehen. Paralympische Spiele schaffen Sichtbarkeit und Orte, an denen sich Menschen begegnen. So entstehen neue Verbindungen.“ Einen solchen Effekt würde er sich auch in Hamburg wünschen.

„Das finde ich diskriminierend“: Ungleiche Behandlung im Blindenfußball

Doch auch für die Spiele selbst hat die Gruppe Ideen, mit denen Hamburg sich „von anderen Bewerbern abheben“ könne: „Warum laufen die olympischen und paralympischen Sportler nicht gemeinsam ins Stadion ein? Warum lassen wir sie in ausgewählten Wettkämpfen als Pilotprojekt nicht gemeinsam starten?“, fragt Geschäftsführerin Weber. „Wir brauchen Projekte, die Symbolkraft haben, positive Narrative schaffen und alte Denkmuster aufbrechen.“

Jenny Dabelstein nickt zustimmend. Wenn es um die Paralympischen Spiele geht, brennt ihr ein Thema ganz besonders auf dem Herzen. Denn so sicher, wie sie die Besucher durch den Park im Dialoghaus navigiert, bewegt sie sich auch auf dem Fußballplatz. Dabelstein spielt Blindenfußball beim FC St. Pauli und in der deutschen Nationalmannschaft.

Blindenfußball-Nationalmannschaft ist auf Spenden für die EM angewiesen

Im Gegensatz zu den Männern ist der Sport bei den Frauen aber bei den Spielen nicht als Sportart anerkannt. Das führt unter anderem dazu, dass das Team keinerlei Unterstützung vom Deutschen Fußball-Bund erhält und für Kosten für Turniere, Trikots und andere Utensilien selbst aufkommen muss.

„Die Männer erhalten jährlich etwa 60.000 bis 70.000 Euro vom DFB – wir hingegen konnten es uns nicht leisten, zur WM zu fahren“, klagt Dabelstein. „Das finde ich diskriminierend.“ In diesem Jahr findet die Europameisterschaft in der Türkei statt, auch dafür ist das Team wieder auf Spenden angewiesen, um die Kosten stemmen zu können.

Dabelstein weiß, dass die Hamburger Olympia-Bewerbung an der ungleichen Behandlung nicht wirklich etwas ändert. „Aber vielleicht hilft es ja, wenn das Abendblatt darüber berichtet.“ Es geht schließlich um Sichtbarkeit – und darum, andere Perspektiven einzunehmen. Auch wenn dabei manchmal Bäume im Weg stehen.