„Ja, auch ‚I Feel Love‘ ist dabei. Was man ja nicht vergessen darf: Dieses ‚I Feel Love‘ ist irgendwie der Ursprung von Techno und von diesem ganzen Zeug, das war wirklich ein großer Wave, jeder kennt den Song und er funktioniert immer noch. Das ist ein sehr, sehr kristallines Stück“, so der Münchner Choreograph Micha Purucker über Donna Sommers Disco-Hit vom Mai 1977: „Sie singt wunderbar. Natürlich haben wir das in unserem Tanzabend.“

Wie viele Menschen seiner Generation hat Micha Purucker Heimweh, Heimweh nach der Disco-Ära in München, also den 1970er Jahren. Damals, so der 67-jährige Choreograph, war die bayerische Landeshauptstadt noch von Zuversicht geprägt, von Aufbruchsstimmung und Optimismus: „Dieses Klima, das damals in der Stadt geherrscht hat, Mitte der 70er Jahre und in den frühen 80er Jahren, das war schon eine große Offenheit, und es betraf nicht nur die Musik, wo München vorne dran war und für einen Moment in der Stadtgeschichte in der Musik so wichtig war wie New York oder San Francisco.“

„München war damals nicht die Malocherstadt“

Auch geistesgeschichtlich sei München damals „einfach zugewandt und positiv“ gewesen: „In dieser Stadt wurde ausprobiert, was anders war als im Rest der Republik.“ Genug Grund, dieser damaligen Stimmung zwischen Ausgelassenheit und kritischen Fragen an die Gesellschaft mit einem Tanzabend nachzuspüren. Micha Purucker will seine Zuschauer in eine „habermas disco“ einladen, benannt also nach dem bekanntesten deutschen Philosophen Jürgen Habermas.

Der Denker glaubt an einen herrschaftsfreien Diskurs, also daran, dass die Gesellschaft vorankommt, wenn sich alle ihre Mitglieder möglichst demokratisch, frei und gleichberechtigt austauschen. Eine Idee, die ziemlich aus der Mode gekommen zu sein scheint, nicht nur in München, so Micha Purucker: „Es war damals nicht die Malocherstadt, sondern man hat es sich gut gehen lassen und man hat irgendwie die BRD durchgelüftet. Das hat mit Olympia 1972 angefangen und hatte dann noch längere Wellen.“

„Leute müssen sich schlau machen“

Jürgen Habermas legte seine wegweisenden Gedanken vor, als München mit der Disco-Musik von Giorgio Moroder weltweit buchstäblich tonangebend war. Donna Summer begeisterte die Clubs. Ihre Songs sind immer noch mitreißend. Aber gilt das auch für die Philosophie von Jürgen Habermas? Micha Purucker ist skeptisch: „Was natürlich auch eine Kritik an Habermas war oder ist: dass man sich diesen herrschaftsfreien Diskurs halt auch erst mal leisten können muss. Also, dass er von einer Grundvoraussetzung ausgeht, die einfach nicht für alle Leute gegeben ist. Dazu gehört entsprechender Zugang zu Bildung, Informationsmöglichkeiten. Die Leute müssen sich schlau machen, bevor sie diskutieren, was denn überhaupt der Sachverhalt ist.“

Im Kulturzentrum „Schwere Reiter“ in München wird Micha Purucker jeweils 80 Zuschauer zur „habermas disco“ einladen, wo die Zuversicht der 1970er Jahre, aber auch die spätere Enttäuschung tänzerisch dargestellt werden soll. So bleiben von den Porträts großer Denker am Ende nur noch Spiegel, in denen sich eitle Menschen von heute selbst bewundern können. Hat der Narzissmus etwa den Glauben an die Demokratie abgelöst?

„Da gähnt mich was an“

Micha Purucker: „Ich kann nur feststellen, wie es mir im Moment geht. Und es ist nicht Sehnsucht nach irgendetwas, was war, sondern Ratlosigkeit über die Situation, in der wir heute sind. Da gähnt mich was an, wo ich nicht weiß, vor, zurück oder sonst was. Wenn ich sentimental wäre, möchte ich ja wenigstens zurück. Es geht irgendwie allen, die ein bisschen älter sind, so, dass sie ratlos sind im Moment.“

Die Disco-Generation ist in die Jahre gekommen und vielleicht schon deshalb pessimistischer geworden. Dass jüngere Menschen mit dem Denken des inzwischen 96-jährigen Jürgen Habermas wenig anfangen können, muss auch nicht unbedingt ein Grund für Bitterkeit sein. Aber an Optimismus mangelt es in der heutigen Welt wohl tatsächlich ganz entschieden. Mit Tanz und ohne erst recht.

„habermas disco“, in der Schweren Reiter in München, 9., 10. und 11. Januar.