In der glitzernden Welt des zeitgenössischen HipHop ist die Grenze zwischen Realität und Inszenierung längst fließend geworden. Doch was sich derzeit vor einem US-Zivilgericht zusammenbraut, könnte das Bild des „Certified Lover Boy“ Drake nachhaltig erschüttern. Es geht um den Vorwurf, dass der Erfolg des kanadischen Rappers nicht allein auf dem authentischen Enthusiasmus seiner Fans fußt, sondern auf einem technologisch versierten Zirkelschluss aus Krypto-Glücksspiel und manipulierten Streaming-Zahlen.

Zwei Frauen aus dem US-Bundesstaat Virginia haben eine Sammelklage eingereicht, die weit über herkömmliche Fan-Enttäuschung hinausgeht. Sie fordern fünf Millionen US-Dollar und werfen Drake, dem Promi-Streamer Adin Ross sowie der Online-Casino-Plattform Stake.com vor, gegen den sogenannten Rico Act verstoßen zu haben – ein Gesetz, das zur Bekämpfung Organisierter Kriminalität geschaffen wurde. Das US-Musikmagazin Rolling Stone und die britische Tageszeitung The Guardian haben über die Anschuldigungen berichtet.

Der Kern des Vorwurfs demzufolge: Drake soll Gelder aus seiner Kooperation mit dem E-Casino Stake.com genutzt haben, um sogenannte Bot-Farmen zu finanzieren. Diese automatisierten Programme spielen Songs in Dauerschleife ab, um Popularität und Tantiemen auf Plattformen wie Spotify künstlich aufzublähen. Dabei soll ein ausgeklügeltes System zur Verschleierung zum Einsatz gekommen sein.

E-Casino Stake.com weist die Vorwürfe zurück: „Unsinn“

Die Klageschrift behauptet, Drake und Ross hätten Spielgewinne über ein anonymisiertes Trinkgeldsystem an einen Mittelsmann namens George Nguyen transferiert. Dieser habe die Gelder in Kryptowährungen und Bargeld umgewandelt, um die Bot-Anbieter im Namen der Stars zu bezahlen. Während Stake.com die Vorwürfe als „Unsinn“ zurückweist und betont, ein solches Trinkgeldsystem für diese Zwecke gar nicht zu besitzen, führen die Klägerinnen Chat-Protokolle und geleakte Kommunikationen an, die Nguyens Rolle belegen sollen.

Es ist ein Blick in den Maschinenraum des modernen Starkults, der nicht nur für Laien dystopisch wirkt. Drake fungiert seit 2022 als Gesicht von Stake.com, einer Plattform, die in den USA, Großbritannien und Australien offiziell verboten ist. Der Deal soll ihm laut Klage jährlich 100 Millionen Dollar einbringen, zusätzlich zu kostenlosem Spielguthaben.

Die Klägerinnen Hines und Ridley argumentieren, dass Drake sie durch seine exzessive Bewerbung des Glücksspiels in die Spielsucht und den finanziellen Ruin getrieben habe. Angesichts dieser Vorwürfe muss jedoch die journalistische Sorgfalt gewahrt bleiben: Es gilt uneingeschränkt die Unschuldsvermutung. Bisher wurde in diesem Zusammenhang niemand strafrechtlich angeklagt. Die Betreiber von Stake.com geben sich gelassen und kündigten an, sich energisch gegen die „haltlosen“ Behauptungen zu wehren.

Hits als Ergebnis einer geschmierten Algorithmus-Maschine?

Auch Adin Ross, mutmaßlich eine weitere Zentralfigur in diesem Geflecht, tat ähnliche Vorwürfe in der Vergangenheit als „Bullshit“ ab. Dennoch rührt der Fall an eine fundamentale Frage der digitalen Popkultur: Was ist ein „Hit“ noch wert, wenn er womöglich nicht mehr das Echo einer kollektiven Begeisterung ist, sondern das Ergebnis einer geschmierten Algorithmus-Maschine?

Sogar Herbert Grönemeyer hat sich kurz vor Weihnachten bei einem „Streaminggipfel“ im Bundeskanzleramt mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zu dem Thema schon geäußert – wenn auch ohne direkten Bezug zu Drake: Er, Grönemeyer, halte das Streaming-System, wie es gerade funktioniere für ein „System für Doofe“. Wer die meisten Klicks erlange, habe gewonnen. „Diese Klicks lassen sich im Darknet kaufen. Diese Klicks ermöglichen enorme Geldwäsche im System. Ich nehme mein Schwarzgeld, meinem Künstler kaufe ich die Klicks im Darknet. Der wird zum Star, der wird angeklickt – und ich kriege offiziell das Geld wieder zurück.“

Sollten die Klägerinnen recht behalten, wäre Drake nicht mehr nur ein charismatischer Grenzgänger zwischen R’n’B und Emo-Rap, sondern Architekt einer digitalen Fake-Kulisse. Die Integrität der Charts, einst der Goldstandard der Popkultur, stünde damit wohl endgültig zur Disposition. Denn Drake spielt aktuell im Streaming-Game sehr weit oben. Und gemeinhin gelten Streaming-Klicks seit Jahren als Indikator für Relevanz im Pop. Sowieso eine fragwürdige Praxis, aber dennoch gängige Realität im Musikbetrieb.

Zum Vergleich: Man stelle sich ein Theater vor, in dem der Applaus nicht von den Menschen im Saal kommt, sondern von Hunderten von versteckten Lautsprechern, die so programmiert sind, dass sie bei jedem Song frenetisch jubeln. Claqueure in Zeiten der Follower. Das Publikum im Saal beginnt irgendwann mitzuklatschen, weil es glaubt, Teil von etwas ganz Großem zu sein – ohne zu ahnen, dass der Beifall womöglich schon bezahlt wurde, bevor der erste Vorhang fiel.