Eine beginnende Demenz zeigt sich häufig zuerst im Kurzzeitgedächtnis: Verabredungen werden doppelt notiert, Namen fallen nicht ein, Gesagtes ist nach wenigen Minuten wieder weg. Später kann auch das Langzeitgedächtnis Lücken bekommen. Dann gehen nicht nur Erinnerungen verloren, sondern auch die Fähigkeiten, die ein Leben lang zuverlässig waren: Routinen, Handgriffe, Orientierung.
Das Problem: Viele dieser frühen Hinweise sind schwer zu greifen. Sie passen genauso gut zu Stress, Schlafmangel oder einer depressiven Phase. Manches lässt sich auch mit „ganz normalem Älterwerden“ erklären. Deshalb suchen Forschende nach Anzeichen, die früher auftreten und sich besser erfassen lassen. Ein Bereich, der dabei lange unterschätzt wurde, ist der Schlaf. Eine Studie legt nun nahe, dass ausgerechnet unsere Träume mehr verraten könnten, als wir morgens ahnen.
Albträume und Demenzrisiko: Träume als Frühwarnzeichen?
In der Studie von Abidemi Otaiku von der University of Birmingham aus dem Jahr 2022, veröffentlicht in „The Lancet“, ging es um eine einfache Frage: Haben Menschen, die häufig schlecht träumen, später häufiger Probleme mit Denken und Gedächtnis? Otaiku wertete dazu Daten aus drei umfangreichen US-Studien zu Gesundheit und Altern aus. Er betrachtete über 600 Personen zwischen 35 und 64 Jahren sowie rund 2.600 Menschen ab 79 Jahren. Alle waren zu Beginn demenzfrei.
Zu Start der Beobachtung füllten die Teilnehmenden Fragebögen aus, darunter auch einen zur Häufigkeit von schlechten Träumen. Als Albträume zählte die Studie jene Träume, die einen so aufwühlen, dass man davon aufwacht. Danach wurde über Jahre hinweg verfolgt, ob sich die geistige Leistungsfähigkeit verschlechterte oder eine Demenz diagnostiziert wurde.

Wöchentliche Albträume: Viermal mehr Risiko für geistigen Abbau
Das Ergebnis fiel deutlich aus. In der Studie heißt es, dass Menschen im mittleren Alter zwischen 35 und 64 Jahren, die mindestens einmal pro Woche Albträume hatten, in den folgenden zehn Jahren mit etwa viermal höherer Wahrscheinlichkeit einen spürbaren geistigen Abbau erlebten. In der Gruppe der über 79-Jährigen zeigte sich ein ähnliches Muster: Bei ihnen wurde Demenz ungefähr doppelt so häufig diagnostiziert, wenn sie regelmäßig von Albträumen berichteten, als bei Menschen, die selten oder nie schlecht träumten.
Otaiku ordnet das als möglichen frühen Hinweis ein. „Es gibt bislang nur sehr wenige Risikoindikatoren für Demenz, die bereits im mittleren Alter identifiziert werden können“, sagt er. Albträume könnten helfen, Personen mit erhöhtem Risiko früher zu erkennen – und damit auch früher gegenzusteuern.
Demenz-Risiko bei Männern: Warum Albträume bei ihnen stärker ins Gewicht fallen
Auffällig war außerdem der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Der Zusammenhang zwischen Albträumen und späterer Demenz war bei Männern deutlich ausgeprägter als bei Frauen. Ältere Männer, die wöchentlich Albträume angaben, erkrankten laut Studie etwa fünfmal häufiger als Männer, die selten oder nie schlecht träumten. Bei Frauen zeigte sich zwar ebenfalls ein Anstieg – aber deutlich geringer: Dort lag die Risikoerhöhung bei 41 Prozent.
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Warum das so ist, lässt sich aus den Daten nicht eindeutig ableiten. Die Studie kann nur zeigen, dass es diesen Unterschied gibt, nicht wodurch er entsteht. Denkbar sind laut Otaiku, mehrere Erklärungen: biologische Unterschiede, etwa hormonelle Einflüsse; Unterschiede in der Schlafphysiologie; oder auch die Frage, ob Männer und Frauen Albträume unterschiedlich wahrnehmen und berichten.

Ursache oder Symptom: Können Albträume Demenz auslösen?
Was diese Albträume genau bedeuten, bleibt allerdings die Schlüsselfrage. Studienleiter Otaiku nennt zwei mögliche Erklärungen: Entweder sind häufige Albträume ein sehr frühes Warnzeichen, das Gedächtnis- und Denkproblemen „um mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte vorausgehen“ kann, oder sie wirken als Verstärker, vielleicht sogar als Mit-Auslöser von krankhaften Prozessen im Gehirn. „Angesichts der Art dieser Studie ist es nicht möglich, sicher zu sein, welche dieser Theorien korrekt ist“, sagt Otaiku. Er neige zwar eher zur Erklärung „Frühzeichen“ – beweisen lasse sich das mit diesen Daten aber nicht.
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Albträume behandeln: Eine Chance für frühe Demenz-Prävention?
Die gute Nachricht: Wiederkehrende Albträume sind behandelbar. Otaiku verweist darauf, dass man bei der gängigen Standardtherapie, die Ärztinnen und Ärzte in der Regel als erstes empfehlen, bereits Effekte beobachtet hat: Sie könne die Ansammlung bestimmter Eiweiße verringern, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Außerdem gebe es Fallberichte, in denen sich nach einer Behandlung nicht nur der Schlaf beruhigte, sondern auch Gedächtnis und Denken wieder stabiler wirkten.
Ob daraus einmal echte Strategie zur Demenz-Prävention wird, ist offen. Aber die Richtung ist klar: Wenn der Schlaf tatsächlich frühe Warnzeichen liefert – und wenn man diese Zeichen beeinflussen kann –, dann liegt hier womöglich ein Ansatz, der früher ansetzt als das, was heute üblich ist.