Zugefrorene Seen: Warum gibt Stuttgart das Eis nicht frei? Der Feuersee im Stuttgarter Westen ist zugefroren – das Eis zu betreten, ist aber nicht erlaubt. Foto: Fotoagentur Stuttgart/Andreas Rosar

Dass Stuttgarts Seen dick zugefroren sind, kommt inzwischen nur noch sehr selten vor. Trotzdem ist es nicht erlaubt, das Eis zu betreten. Warum die Stadt am generellen Verbot festhält.

Das Schlittschuhlaufen lernte Guido Dobbratz einst auf dem Möhringer Riedsee. Dieses Vergnügen, sagt der 84-jährige Stuttgarter, würde er der jüngeren Generation auch wünschen. Deshalb kann Dobbratz nicht verstehen, warum auch bei tagelangem Dauerfrost die Eisflächen auf den Stuttgarter Seen von der Stadt nicht zum Betreten freigegeben werden.

Aber: Auf sämtlichen Seen im Stadtgebiet Stuttgart ist das Betreten der Eisdecke per Polizeiverordnung grundsätzlich untersagt. Und das bleibt auch so, wenn das Eis nach einigen frostigen Tagen und Nächten eine gewisse Dicke entwickelt hat. „Klar ist: In Stuttgart herrscht kein ausreichend kaltes Klima für das längerfristige Zufrieren von Seen“, sagt Sven Matis von der Pressestelle der Stadt. „Schon am Donnerstag gibt es einen Wetterumschwung und es werden Temperaturen über 0 Grad prognostiziert.“

Strömungen, Zuleitungen oder der Einschluss von Ästen oder Laub im Eis mache das Begehen der Eisfläche so gefährlich, erklärt die Stadtverwaltung. „Auch wenn am Ufer eine dicke Schicht zu erkennen ist, heißt das noch lange nicht, dass es überall so sein muss“, so Mattis. Bei Warmlufteinbrüchen verringere sich die Tragfähigkeit des Eises innerhalb von Stunden. „Die Eisdicke wird oft komplett überschätzt“, sagt auch Christian Fritz von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Württemberg. „Wer sicher Eislaufen möchte“, sagt Mattis, „kann das in der Eiswelt auf der Waldau tun.“

Tübingen macht es anders als Stuttgart

Nicht alle Städte gehen so strikt vor wie Stuttgart. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer zum Beispiel informierte am Mittwoch seine Bürger via Facebook, dass die Eisfläche auf dem Anlagensee zwar noch nicht offiziell freigegeben werden könne, aber dass das Eis zumindest für einzelne Personen tragfähig sei. Tübingen misst demnach – anders als die Stadt Stuttgart – also die Eisdicke. „Solche Wintertage sind etwas ganz Besonderes“, schreibt Palmer auf Instagram. „Ich erinnere mich noch sehr gut an ein echtes Riesenvergnügen in den 1990er-Jahren (…), als der Neckar zugefroren war und man darauf spazieren konnte.“

Zwar gibt es Richtwerte, ab wann Eis wirklich trägt, doch auch die bieten keine komplette Sicherheit. Demnach tragen 10 Zentimeter Eis in der Regel eine einzelne, 15 Zentimeter Eis auch mehrere Personen. Sogar für erfahrene Einsatzkräfte, sagt der DLRG-Mann Fritz, sei es schwer, die Tragfähigkeit von Eis richtig einzuschätzen.

Polizei ordert Menschen vom Eis

„Vereinzelt“ war in den ersten Januartagen auch schon die Stuttgarter Polizei im Einsatz, um Menschen von den zugefrorenen Seen zu beordern. Am Pfaffensee beim Bärenschlössle und am Riedsee, sagt ein Polizeisprecher, seien die Beamten im Einsatz gewesen. „Die Leute wurden aufgefordert, das Eis zu verlassen. Dann haben die Kollegen sie auf die Gefahr hingewiesen.“ Alle, sagt der Sprecher, hätten sich daraufhin einsichtig gezeigt.

Der zugefrorene Eckensee zwischen Neuem Schloss, Landtag und Oper. Foto: Fotoagentur Stuttgart

Manchmal rufen besorgte Passanten die Polizei, weil sie fürchten, jemand könnte einbrechen. Manchmal kommen die Beamten auch beim Streifelaufen an den Seen vorbei, so der Polizeisprecher. „Wenn es so frostig ist wie jetzt gerade, haben die Kollegen die Seen besonders im Blick.“ Auch die Mitarbeiter des Städtischen Vollzugsdienstes führen Kontrollen durch. Dabei werde vor allem auf Aufklärung gesetzt, erklärt Sven Mattis. „Nur bei mehrmaligen oder vorsätzlichen Verstößen könnten Bußgelder erlassen werden.“

Die Wetteraussichten für die kommenden Tage sind der Eisdicke übrigens eher abträglich. Zwar wird es in der Nacht zum Donnerstag noch bis zu -5 Grad frostig und es schneit, aber am Donnerstagmorgen komme ein „Warmstoß aus Westen“ in der Landeshauptstadt an, sagt Peter Crouse, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst in Stuttgart. Schon am Morgen klettert das Thermometer auf 3 Grad plus, die Nacht auf Freitag wird mit 6 Grad ungewöhnlich warm und der Freitag bei bis zu 8 Grad schon fast frühlingshaft. Erst am Wochenende, so Crouse, werde es wieder kälter. Dann kann es auch wieder Frost geben.