Um die minus zwei Grad am Tag, bis zu minus fünf Grad Celsius in der Nacht – die ersten Wochen des neuen Jahres haben kein Erbarmen mit Menschen, die einen Großteil ihrer Zeit im Freien verbringen – meist gezwungenermaßen. Viele Obdachlose in Stuttgart haben keinen Zufluchtsort, um vor den eisigen Temperaturen zu flüchten, andere wiederum haben zwar ein Dach über dem Kopf, arbeiten tagsüber jedoch im Freien und sind so zumindest vorübergehend ebenfalls den Minusgraden ausgeliefert. Wie kommen diese Menschen durch den Winter und wo finden Obdachlose Unterstützung?
Das Team des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Stuttgart hat langjährige Erfahrung mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt – seit 2013 versorgen Ehrenamtliche Hilfsbedürftige in den kalten Monaten bei Temperaturen ab null Grad Celsius mithilfe des „Kältebuses“. Von 22 bis 2 Uhr sind Helferinnen und Helfer im Stadtgebiet jede Nacht im Einsatz.
Minusgrade in Stuttgart – Herausforderung für Obdachlose und Helfer
Kühle Temperaturen sind die Einsatzkräfte und auch die obdachlosen Menschen gewohnt, doch Temperaturen, wie sie momentan vorherrschen, treffen auch sie noch einmal heftiger. „Man merkt, dass es für die Leuten bei diesen Temperaturen noch schwieriger ist“, sagt Carolin Götz vom DRK. „Die Nerven der Leute sind gerade strapaziert und sie nehmen unsere Hilfe dankbar an.“
Ehrenamtliche des DRK Stuttgart kümmern sich in Stuttgart um eine obdachlose Person. (Archivbild) Foto: DRK Stuttgart
Bei seinen Stopps verteilt das Team des DRK Decken, Schlafsäcke, Isomatten, Kleidung sowie Suppe, heiße Getränke und Snacks. Zudem weisen die Helferinnen und Helfer gerade bei niedrigen Temperaturen wie momentan, die lebensgefährlich werden können, auf die Angebote der Stadt, wie etwa Notunterkünfte, hin.
Das Team des DRK Stuttgart bei einer nächtlichen Tour mit dem Kältebus. (Archivbild) Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
„Meistens treffen wir aber Leute an, die diese Angebote nicht annehmen möchten“, so Götz. „Momentan geben wir da dann auch mal eine Suppe mehr aus.“
„Die meisten packen dann nochmal eine Decke obendrauf“
Die Menschen suchten sich momentan zudem besser geschützte Orte als an wärmeren Tagen, übernachteten nicht mehr im Freien oder unter Brücken, sondern weichen etwa auf Unterführungen oder Bahnstationen aus und versammelten sich häufig in Gruppen, ergänzt Mitarbeitende des DRK, die erst kürzlich mit dem Kältebus unterwegs war. „Die meisten packen dann nochmal eine Decke obendrauf“, sagt sie. „Viele freuen sich über große Kleidungsstücke, weil viele weitere Schichten darunter passen.“
Gespendete Kleidung wie Schals, Mützen und vor allem Winterjacken sind auch bei der Bahnhofsmission am Stuttgarter Hauptbahnhof aktuell gefragter denn je. Im Winter sei der Andrang generell größer als in anderen Jahreszeiten, sagt Leiter Jürgen Herrmann, doch es sei schon auffällig, dass momentan mehr Menschen kämen. „Bei diesen eisigen Temperaturen merkt man das schon. Die Notübernachtungsplätze sind sehr gefragt.“
Großer Andrang bei der Stuttgarter Bahnhofsmission
Vor allem früh morgens und am Abend, bevor die Bahnhofsmission um 21 Uhr schließt, kämen viele Menschen, um Zuflucht zu suchen. „Auch an den Wochenenden merkt man, dass mehr Leute kommen, wenn andere Orte, wo sie sich normalerweise aufhalten können, geschlossen haben“, so Herrmann.
Doch nicht nur Menschen ohne Obdach leiden unter den niedrigen Temperaturen. Auch Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die beruflich lange Zeit im Freien unterwegs sind, stehen vor Herausforderungen und rüsten sich entsprechend. So auch die Mitarbeitenden, die täglich die Straßenzeitung Trott-war im Raum Stuttgart verkaufen. Am Draußensein führt hier kein Weg vorbei, bei niedrigen Temperaturen sind die landesweit 225 Verkäuferinnen und Verkäufer deshalb auf warme Kleidung angewiesen. Wer diese nicht selbst zur Verfügung hat, kann sich mit der gespendeten Kleidung des Vereins ausstatten, erklärt ein Vertreter von Trott-war in Stuttgart auf Anfrage. Wenn auch das nicht hilft, bleiben heiße Getränke, mit denen sich Mitarbeitende zwischendurch aufwärmen können.
Dicke Kleidung und heiße Getränke – Arbeit im Freien wird zur Herausforderung
Während Baustellen über die Wintermonate zum Teil still liegen und die Arbeiten pausieren, sorgen städtische Mitarbeitende der Abfallwirtschaft (AWS) auch bei eisigen Temperaturen dafür, dass die Stadt weiter funktioniert.
Im Bereich der Straßenreinigung etwa haben sie bei winterlichen Temperaturen mit stärkerem körperlichen Aufwand, eingeschränkter Beweglichkeit und schnellerer Ermüdung zu kämpfen. Gegen die Kälte würden Mitarbeitende durch spezielle, zusätzliche Schutzkleidung geschützt, so eine Sprecherin der Stadt Stuttgart auf Anfrage. Ähnlich sieht es bei der Stuttgarter Müllabfuhr aus. Eine Winterschutzausrüstung ist laut Angaben der Stadt bereits vorhanden, „deshalb müssen keine weiteren besonderen Vorkehrung bezüglich Kälteschutz durch Kleidung getroffen werden“, so die Sprecherin.
Städtische Mitarbeitende sind teils länger im Einsatz
Während andere bei dieser Kälte am liebsten keinen Fuß vor die Tür setzen, ist das Personal im städtischen Winterdienst mit teils längeren Einsatzzeiten und einer angepassten Einsatzplanung konfrontiert, um glatte Fahrbahnen zu streuen, freizuräumen und damit die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.
Mitarbeitende der AWS bei Reinigungsarbeiten nach der Silvesternacht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Auch für die Mitarbeitenden der Müllabfuhr bedeutet die Kälte ein Mehraufwand und Schwierigkeiten bei der Abfallentsorgung: Die Standplätze der Mülltonnen seien häufig nicht, wie vorgegeben, frei von Schnee und Eis und der Abfall in den Behältern gefriere fest. Auch beim Befahren von ebenen Wohnstraßen kann es zu Problemen kommen, da es dort glatt sein kann. „Die Anforderugen an Personal und Fahrzeuge steigen erheblich“, heißt es seitens der AWS.
Reinigungskräfte, die städtische Sanitäranlagen säubern, arbeiten momentan ebenfalls unter erschwerten Bedingungen, denn sie sind dauerhaft im Freien unterwegs und auch die Sanitäranlagen sind laut Angaben der Stadt nur „eingeschränkt temperiert“.
Zusätzliche Schutzkleidung und Schulungen für Mitarbeitende
Diese (Mehr-)Belastung betrifft auf Mitarbeitende auf städtischen Wertstoffhöfen. Was dann helfen soll sind entsprechende, auf die Kälte ausgelegte Schutzkleidung sowie entsprechende Vorsorgemaßnahmen – sprich etwa wärmende Getränke und dergleichen. Mitarbeitende auf den Werstoffhöfen würden regelmäßig für Situationen wie diese geschult und erhalten eine sogenannte „persönliche Schutzausrüstung“ (PSA), erklärt die Sprecherin der Stadt. „Dazu gehören zum Beispiel gefütterte Winterschuhe, Wintermützen, Thermohosen und unterschiedlichste Handschuhe.“
Wenn auch das nicht mehr hilft und die Temperaturen zu eisig werden, heißt es: Pause machen, sofern möglich, in den beheizten Sozialräumen Wärme tanken und auf gemäßigtere Temperaturen hoffen. Zumindest zum Ende der Woche hin soll es laut Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes in Stuttgart dann nämlich wieder etwas milder werden – bevor die Temperaturen zu Beginn der neuen Woche laut Vorhersage wieder bis auf minus sieben Grad sinken könnten.