Für die stille Zeit, wenn die Natur und das Jahr noch nicht wieder Fahrt aufgenommen haben, hätte man kein besseres Thema wählen können. Die kommende Ballettpremiere der Rheinoper ist mit dem Titel „Grey Area“ überschrieben. Drei Tanzkoryphäen haben zu dem Gefühl des Sich-Dazwischen-Befindens philosophiert und choreografiert. Premiere ist am 16. Januar im Theater Duisburg.

„Der Titel ,Grey Area’ führt etwas in die Irre“, sagt Julia Schinke, Dramaturgin der Rheinoper. „Oft versteht man unter Grauzonen etwas Halb-Legales. Aber hier geht es um Übergänge, um Unsicherheit, aber auch das Schöne und Besondere an solchen Situationen, die wir alle erleben. Es sind lebenswichtige Phasen, die nichts Graues und Depressives an sich haben.“ Es werde ein spiritueller Abend, der sich dem Thema in drei Ansätzen nähert, erklärt Ballettdirektor Raphael Coumes-Marquet. „Es geht um Ungewissheiten, das Dazwischen-Sein zwischen zwei Plätzen, zwischen Leben und Tod, ja auch im physischen Sinne zwischen zwei Punkten. So wie Tänzer auch einen Übergang finden müssen von einem Schritt zum nächsten. Ich kann versprechen, dass es ein emotionaler Abend wird.“

Der Titel des Ballettabends lehnt sich an ein Schlüsselwerk des britischen Starchoreografen David Dawson an: „The Grey Area“, 2002 in Amsterdam uraufgeführt, mit dem Prix Benois de la Danse ausgezeichnet. Es gilt als Schlüsselwerk des modernen Balletts: abstrakt, lyrisch, physisch herausfordernd. Die Tänzerinnen und Tänzer scheinen der Schwerkraft dabei geradezu zu trotzen. Für Dawson bedeutete „The Grey Area“ den Durchbruch. „Es hat Türen geöffnet, wie man mit modernem Ballett Gefühle ausdrückt“, erzählt Coumes-Marquet, der das Stück seinerzeit mit Dawson entwickelt und es als Ballettmeister weltweit einstudiert hat.

„Wir haben uns als Tänzer in Amsterdam kennengelernt. Ich bin sehr glücklich, in der ersten Gruppe von Tänzern gewesen zu sein, die ihn unterstützt haben. Unsere Art zu denken, tanzen und arbeiten passte einfach gut zusammen. Es fühlte sich natürlich an“, sagt Coumes-Marquet, den Dawson einmal als seine „Muse“ bezeichnet haben soll. „Wir haben ‚The Grey Area‘ gemeinsam entwickelt. David war damals gerade selbst in einer Übergangsphase zwischen Tänzer-Sein und Choreograf-Werden“, erzählt der Ballettdirektor der Rheinoper. „Wir probierten damals neue Wege aus. David akzeptierte einfach kein Nein, wenn wir sagten ,Das geht nicht‘. Es machte unglaublich viel Spaß. Wir hatten keine Ahnung, wie erfolgreich das Stück werden würde.“

Dawson ist bekannt für seine extremen Bewegungslinien und Position, bei denen die Tänzer aus dem Gleichgewicht zu fallen scheinen (Off-Balance). „Von der Technik her ist das sehr herausfordernd“, sagt Coumes-Marquet. „David hat das Ballett über die Grenzen des Machbaren hinaus verschoben. Aber wie drückt man Glück, Weinen und Freiheit aus? Indem man sich selbst aus der Balance herausschiebt.“

Der Starchoreograf wird Anfang Januar für zwei Wochen nach Düsseldorf und Duisburg kommen, um seiner berühmten Arbeit den letzten Schliff zu geben. „David konzentriert sich immer sehr auf die Menschen vor ihm. Meistens passt er noch einige Kleinigkeiten an. Die Schritte stehen fest, aber die Ausführung ist bei jedem etwas anders. Jeder Tänzer füllt es anders mit Leben. Bei dem einen ist eine Bewegung, schneller oder langsamer, die Hände sind etwas offener oder geschlossener. Keine Vorstellung ist wie die andere“, sagt Coumes-Marquet.

„Shards“ – „Scherben“ – hat Bridget Breiner ihr Stück genannt. „Es geht um das Gefühl, etwas sein Leben lang mit sich zu tragen. Etwas, das sich entwickelt, das man aber niemals abschließt, das man immer in seinem Kopf und seinem Herz mitträgt. Das kann eine Beziehung sein oder Trauer. Schlussendlich geht es dabei auch um die Frage: Wie definieren wir Liebe“, erklärt Coumes-Marquet, der mit Breiner als Doppelspitze das Ballett am Rhein leitet.

In der Choreografie der Kanadierin „Threshold of a Fall“ geht es darum, dass Menschen immer weiter suchen nach etwas, ohne das Ziel zu erreichen. „Man befindet sich in einem Zustand des Niemals-Fertig-Seins“, erklärt Coumes-Marquet. Dieses unermüdliche Streben hat einen negativen Beigeschmack. Es geht um die Natur des Menschen, die bis zum Maximum alles ausreizen will. Ein Streben, das sich verselbstständigt, bis der Mensch die Kontrolle verliert und alles kollabiert. „Es geht vor allem um diesen Moment des Kollabierens“, sagt Dramaturgin Schinke.

Zu Bridget Breiners „Shards“ gibt es Musik von Jeff Buckley. Bei „The Grey Area“ kommt die Musik von Niels Lanz. Lesley Telford bedient sich bei „Threshold of a Fall“ bei Hauschka, György Ligetin, Hildur Gudnatottir.

Der dreiteilige Ballettabend dauert zwei Stunden und 15 Minuten. Premiere ist am Freitag, 16. Januar, 19.30 Uhr, im Theater Duisburg. Vorab gibt es am Dienstag, 13. Januar, 18 Uhr, eine Ballettwerkstatt. Weitere Vorstellungstermine: 24. und 29. Januar, 14., 21. und 25. Februar. In der kommenden Spielzeit wird „Grey Area“ voraussichtlich in der Oper Düsseldorf zu sehen sein. Karten gibt es ab 19 Euro. Infos unter www.operamrhein.de.