An Selbstbewusstsein mangelt es Nik Storonsky nicht, obwohl er bei öffentlichen Auftritten manchmal etwas zurückhaltend wirkt. Die althergebrachten Banken hätten keine Chance gegen Revolut, sagt Storonsky. „Unser Produkt ist so viel besser. Es ist unmöglich, gegen uns im Wettbewerb zu bestehen“, behauptete der erst 41 Jahre alte Gründer und Vorstandschef der Digitalbank, als er vor Kurzem das neue Hauptquartier im Herzen des Londoner Finanzdistrikts einweihte. Die Revolut-App sei „das erfolgreichste digitale Bankenmodell der Welt“, schwärmt die neue Westeuropa-Chefin Béatrice Cossa-Dumurgier.
Mit Blick auf die Zahlen kann man nur schwer widersprechen. Seit der Gründung 2015 hat das Fintech-Unternehmen die Bankenwelt aufgemischt. Jedes Jahr kommen derzeit mehr als fünfzehn Millionen Nutzer hinzu. Inzwischen sind es mehr als 65 Millionen Kunden in vierzig Ländern. Storonskys Ziel: Bis Mitte 2027 will er 100 Millionen Kunden in 100 Ländern. „Wir wollen die erste wirklich globale Bank werden“, sagt er. Die Mission sei „simpel“. Dabei arbeitet wohl kaum ein anderes Unternehmen in der Finanzbranche so hart an der Ausbreitung und der Internationalisierung.
Fokus auf Westeuropa
Bei den traditionellen Banken und den Fintech-Wettbewerbern verbreitet der aggressiv wachsende Konkurrent Angst und Schrecken. Keine andere Digitalbank wächst so schnell. Es sind vor allem junge, preisbewusste Kunden, die sich für die Finanz-App von Revolut entscheiden. In Deutschland hat die Neobank ihre Kundenzahl auf 2,5 Millionen gesteigert, jedes Jahr wachse man um 60 Prozent. Bis 2027 sollen es fünf Millionen Kunden sein. „Wir haben sehr große Ambitionen für Deutschland, das ist einer der wichtigsten und spannendsten Märkte in Europa“, sagt Cossa-Dumurgier im Gespräch mit der F.A.S. Sie leitet seit Sommer das neue Europa-Hauptquartier in Paris.
Westeuropa ist der Schwerpunkt der Bank, doch wächst sie inzwischen weit darüber hinaus. In Großbritannien nutzen zwölf Millionen Kunden die Revolut-App, in Frankreich, Irland, Spanien und Italien sind es jeweils mehrere Millionen. Aber auch in Australien und Brasilien ist Revolut aktiv. Vor Kurzem startete die Bank in Mexiko, als Nächstes steht der Markteintritt in Indien bevor. So aggressiv wie Revolut expandiert keine andere Bank.
Schon 2019, vier Jahre nach der Gründung, hatte Revolut zehn Millionen Kunden gewonnen. 2022 waren es insgesamt 20 Millionen. Die traditionellen Banken auch in Deutschland, die mit ihrer „Legacy“ kämpfen – den teuren Filialnetzen, teils veralteten IT-Strukturen und dem hohen Personalstamm – kommen mit der agilen Finanz-App kaum mit. „Da wächst ein sehr ernstzunehmender Konkurrent heran“, sagt ein Frankfurter Bankenkenner. Cossa-Dumurgier glaubt, dass sie besonders die Kunden von Sparkassen und Direktbanken abwerben könne. Postbank und Sparda-Bank müssen sich ebenfalls wappnen.
Konkurrenz für N26 und Trade Republic
Auch für die deutschen Onlinebanken N26 und Trade Republic ist Revolut ein bedrohlicher Konkurrent geworden. Die Berliner Neobank N26 besitzt nach jüngsten eigenen Angaben 4,8 Millionen aktive Kunden in 24 Ländern Europas, doch wegen Mängeln im Risikomanagement hat die Finanzaufsicht Bafin wiederholt das Wachstum eingeschränkt. Trade Republic bedient gut zehn Millionen Kunden. Aber das Wachstum ist deutlich langsamer als bei Revolut.
Der Senkrechtstart des Londoner Fintechs zeigt sich auch an seiner außergewöhnlich hohen Bewertung. Mit 75 Milliarden Dollar (rund 65 Milliarden Euro) wurde die nicht an der Börse notierte Bank in der jüngsten Finanzierungsrunde bewertet. Damit ist Revolut mit weitem Abstand das wertvollste Fintech-Unternehmen Europas. Zum Vergleich: Trade Republic wurde jüngst mit 12,5 Milliarden Euro bewertet. Im Sommer 2024 lag die Revolut-Bewertung erst bei 45 Milliarden Dollar. Der neue Meilenstein spiegele „die enorme Entwicklung der letzten zwölf Monate wider“, sagt Storonsky.
Investoren haben großes Interesse
75 Milliarden Dollar – das ist mehr als der Börsenwert von Bankenriesen wie Nat West und Lloyds in Großbanken oder der Deutschen Bank. Revolut war kurzzeitig sogar wertvoller als die Barclays-Bank. Und das, obwohl – oder gerade: weil – das Fintech personell so schlank aufgestellt ist. Revolut beschäftigt nur etwas mehr als 10.000 Mitarbeiter, Barclays kommt weltweit auf etwa 85.000, die Deutsche Bank auf knapp 90.000. Eine geringe Beschäftigtenzahl bedeutet eine enorme Kostenersparnis.
Das Interesse von Investoren ist groß. An der jüngsten Finanzierungsrunde beteiligten sich der US-Vermögensverwalter Fidelity und der Chipkonzern Nvidia, der einen guten Riecher für Tech-Entwicklungen besitzt. Zu den frühen Investoren zählt die japanische Softbank. Falls es Storonsky gelingt, die Bewertung auf 150 Milliarden Dollar zu treiben, soll er einen Bonus in vielfacher Milliardenhöhe erhalten, heißt es, wobei die Details nicht öffentlich sind. Ihm könnte ein Geldregen winken wie Elon Musk bei Tesla.
Der in Russland geborene Storonsky und sein ukrainischer Ko-Gründer Vlad Yatsenko sind schon jetzt zu Multimilliardären geworden. Kein anderer Start-up-Gründer hat einen so kometenhaften Aufstieg geschafft wie der Revolut-Chef. 1984 kam er in einer Kleinstadt bei Moskau zur Welt, war als Jugendlicher Landesmeister im Schwimmen. Nach einem Physik-Studium und einem Wirtschaftsmasterabschluss an einer Hochschule in Moskau zog es Storonsky 2004 nach London. Ein paar Jahre lang arbeitete er in der City als Wertpapierhändler für Lehman Brothers, nach der Finanzkrise ging er zu Credit Suisse. Als 30-Jähriger machte er sich selbständig und entwickelte mit Yatsenko die Idee für Revolut.
Früher Barista, heute Banker
Die ersten sechs Monate habe er praktisch nonstop in einem Starbucks-Coffeeshop gearbeitet, „bis ich den Geruch in meiner Kleidung nicht mehr ertragen konnte“, erzählte er, als er vor wenigen Wochen im Londoner Finanzviertel Canary Wharf das neue Hauptquartier in einem schicken Hochhaus eröffnete. Der neue Sitz ist auch eine Machtdemonstration. Repräsentativer geht es kaum. Wenn jeden Morgen Tausende Banker aus der U-Bahn-Station Canary Wharf steigen, blicken sie direkt auf das Revolut-Logo. In dasselbe Gebäude wird auch die Deutsche Bank einziehen. Das erscheint symbolträchtig: Die traditionsreichen Deutschbanker sitzen künftig unterhalb von Revolut.
Seit mehr als vier Jahren ist die Neobank profitabel. Im vergangenen Geschäftsjahr erreichte die Bank 1,4 Milliarden Dollar Gewinn vor Steuern. Das war ein Anstieg um 149 Prozent zum Vorjahr, getrieben vom boomenden Kryptohandelsgeschäft. Anfangs hatte die Finanzplattform vor allem mit Geldtransfers und günstigem Währungstausch Kunden gewonnen. Ein billiges Girokonto und eine Bankkarte zogen Nutzer an. Schon seit 2017 ist über die Revolut-App auch der Handel mit Kryptowerten möglich, 2024 kamen Aktien und ETF hinzu.
Die Produktpalette wächst rasant. „Wir waren Vorreiter bei Tagesgeldkonten, Lifestyle-Produkten, Gemeinschaftskonten, Elite-Angeboten wie Revolut Ultra, eSIM und vielem mehr. In den letzten zehn Jahren haben wir mehr Innovationen auf den Markt gebracht als jede andere europäische Bank“, behauptet ein Revolut-Sprecher.
Schlanke Strukturen
Béatrice Cossa-Dumurgier, die zuvor viele Jahre Managerin bei BNP Paribas war, baut nun den neuen Westeuropa-Hauptsitz in Paris auf. Revolut spricht von einer Investition von mehr als einer Milliarde Euro. Etwas mehr als 400 Mitarbeiter sollen im Westeuropa-Hauptquartier arbeiten. In Deutschland sitzt in Berlin nur ein kleines Team der Bank, etwa fünfzig neue Mitarbeiter werden derzeit eingestellt. So viel hat jede kleine Sparkasse.
Die Strukturen von Revolut sind extrem schlank, damit kann die Bank auch die Kosten gering halten. Im Grunde besteht das ganze Unternehmen primär aus einer IT-Plattform, auf der immer neue Produkte aufgesetzt werden. Neu gewonnene Kunden bedeuten nur ein paar Bits und Bytes zusätzlich, sie verursachen nur geringe Kosten, etwa für aufwendige Werbekampagnen, vor allem in Social Media. Im deutschen Markt will Revolut auch spezifische Produkte einführen. „Überziehungskredit zum Beispiel, das ist eine sehr deutsche Spezialität“, sagt Cossa-Dumurgier.
Nach und nach will Revolut auch in ganz Europa klassische Hypothekenbankkredite anbieten, sagte Marketingvorstand Antoine Le Nel. In einigen Ländern wie Irland teste man dafür schon KI-Assistenten, die den Kreditantragsprozess vollständig digitalisieren. Der Marktstart in Irland hat sich aber verzögert und wird nun erst 2026 beginnen. Bislang bietet Revolut Häuserkredite nur in Litauen an, wo die Regulierung die Refinanzierung besonders günstig macht.
Für die EU besitzt Revolut schon seit Jahren eine Banklizenz, ausgestellt durch die litauische Notenbank. Die Digitalbank wird von der litauischen Notenbank und von der Europäischen Zentralbank (EZB) beaufsichtigt. Nur ausgerechnet im Heimatmarkt Großbritannien hat es lange mit einer Bankenlizenz nicht geklappt. Revoluts Antrag hing fast vier Jahre fest. Erst diesen Sommer erteilte die Aufsichtsbehörde eine – bislang noch eingeschränkte – Lizenz. Die Aufsicht hat laut Medienberichten deshalb so lange gezögert, weil sie Bedenken hatte, dass die Risikokontrollen der Bank mit dem rasanten internationalen Wachstum des Geschäfts nicht Schritt halten könnten. Jetzt hat Revolut eine „Lizenz in Mobilisierung“, darf bislang nur Einlagen in begrenzter Höhe annehmen.
Ein harter, fordernder Chef
Barclays-Vorstandschef C. S. Venkatakrishnan sagte jüngst auf einem Finanzkongress, dass Revolut sogar davon profitiert habe, dass sie keine volle Banklizenz besäßen. Damit habe die Bank weniger Aufsichtspflichten erfüllen müssen. Doch Revolut und andere Neobanken haben das empört zurückgewiesen. Sie müssten genau dieselben Standards wie andere erfüllen.
Nik Storonsky wird im Unternehmen als harter, fordernder Chef bezeichnet. Der noch immer jugendlich wirkende Bankgründer mit halb langer blonder Frisur ist selbst ein absoluter Workaholic. Sein Leben bestehe zu 99,5 Prozent aus Arbeit, sagte der Vater von vier Kindern einmal. Fast nie nehme er Urlaub. Zu seinen Hobbys zählt Kitesurfen.
Nach Medienschätzungen gehört ihm etwa ein Fünftel der Revolut-Aktien. Bei einer Bewertung von 75 Milliarden Dollar ist das ein unglaublich großes Vermögen. Der Revolut-Gründer war auf bestem Wege, einer der zehn reichsten Männer Großbritanniens zu werden. Allerdings hat er, wie jüngst bekannt wurde, seinen Wohnsitz in die Vereinigten Arabischen Emirate, eine Steueroase, verlegt. Die Londoner Finanzaufsicht reagierte nicht erfreut, als sie dies aus der Zeitung erfuhr.