Sie sind Tochter und Enkelin der Familie Reizes, einer jüdischen Familie, die 1933 aus ihrem Urlaub nicht mehr in ihr Zuhause nach Dresden zurückkehren konnte. Eine Schwester Ihres Großvaters, Paula Gutmann, warnte die Familie – sie selbst wurde später im Konzentrationslager ermordet. Frau Weiss, wie ging es für die Familie nach der Warnung weiter?
Meine Großeltern waren mit ihren zwei Kindern damals auf Urlaub in Marienbad. Da kam eine Nachricht von der Sekretärin meines Opas, dass sein Büro beschlagnahmt wurde von den Nazis. Also mussten sie von einer Minute zur anderen entscheiden, was sie machen.
In Dresden, wo sie sich wohlfühlten, mussten sie auf einmal alles verlassen.
Künstlerin Mónica Laura Weiss über ihre Großeltern
Sie mussten alles verlassen, total neu anfangen. Zuerst sind sie nach Wien geflohen, wo meine Großmutter ihre Familie hatte. Meine Mutter und Onkel wurden dort eingeschult, aber sie waren im Schock. In Dresden, wo sie sich wohlfühlten, mussten sie auf einmal alles verlassen.
Als auch Österreich für die Familie gefährlich wird, flieht die Familie weiter nach Meran in Italien, wo Ihre Mutter und Ihr Onkel erneut eingeschult werden …
Meine Mutter lebt noch – sie ist 99 Jahre alt. Faschistische Lieder, die man damals in der Schule lehrte, kann sie heute noch singen. 1935 ergab sich die Möglichkeit, nach Palästina zu emigrieren. Aber als mein Opa in Tel Aviv ankam, war er von Anfang an im Schock. Es gab in Tel Aviv damals sehr wenig im Vergleich mit Dresden, wo sie ein kulturelles Leben geführt hatten.
Sie waren, wie man sagt, assimilierte Deutsche – also Juden, aber nicht religiös – und sie fühlten sich als Deutsche. Da war es in Palästina dann sehr schwer. Sie blieben fünf Jahre – meine Mutter sagt aber, das war ihre glücklichste Zeit in ihrer Kindheit. Als dann 1940 deutsche Truppen auch nach Afrika kamen, nicht so weit von Palästina, sind sie nach Argentinien ausgewandert.
In den Gemälden, die Sie im Rahmen der Ausstellung „Transit – Bilder aus dem Exil“ in Dresden zeigen, haben Sie Dokumente verarbeitet, die Ihnen ihre Mutter in einer kleinen Schachtel ausgehändigt hat. In dieser Schachtel befand sich auch ein Tagebuch, das Ihre damals 14-jährige Mutter auf der Schiffsüberfahrt nach Argentinien geführt hat …
Ja, genau. Da hat sie mit Bleistift, mit Schwarzstift, ihre Impressionen, ihre Gefühle dieser Reise festgehalten. Ich habe Fotokopien dieser Blätter gemacht sowie Faksimiles. Und ich habe diese Texte auch auf einigen meiner Bilder benutzt. Auf mehreren Tafeln.
Sie verarbeiten die Geschichte ihrer Familie in Ihrer Kunst, aber es geht ja auch um Sie und die Erfahrung, im Exil zu sein. Wie kam das?
In Argentinien haben unsere Eltern nie über das Thema Exil gesprochen. Wir haben das Thema auch nie in der Schule behandelt. Das habe ich erst viel später gemerkt. Erst durch meine Bilder, als meine Mutter mir diese Papiere und Dokumente übergab, kam ich auf das Thema Exil – da war ich schon fast 47 Jahre alt.
Ihre Ausstellung wird im Zentralwerk gezeigt – historisch gesehen ein mit NS‑Zwangsarbeit verbundener Ort. Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Ihre Kunst jetzt in Dresden ausgestellt wird?
Das ist wirklich wichtig, denn meine Mutter ist in Dresden geboren – 1926. Sie wird 100, im November diesen Jahres. Das macht mir Gänsehaut. Meine Mutter erinnert sich immer noch, obwohl sie sechs Jahre alt war, als sie weg ging und nur einmal für einen Besuch zurück kam. Dort auszustellen ist ein komisches Gefühl und schönes Gefühl.
Die Idee ist auch, dass die Bilder dann dort bleiben. Sie waren jetzt in vielen Ausstellungen. Nach all der langen Zeit, in der die Bilder keinen Ort hatten, kommt es hoffentlich dazu, dass sie sesshaft werden.