Blick auf Grönlands Hauptstadt Nuuk.

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Stand: 07.01.2026 20:11 Uhr

Der US-Präsident erhebt Anspruch auf Grönland, auch der Einsatz des Militärs sei eine Option. Dass Europa hinter Grönland steht, schert Trump wenig. Der Streit zeigt: Die Europäer können sich nicht mehr auf die USA verlassen.


Jana Sinram

Sie drohen, sie sticheln und sie verhöhnen das kleine Dänemark: Das Verhalten von US-Präsident Donald Trump und seiner Administration in der Causa Grönland ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Das begann schon mit der Grönland-Karte in den Farben der US-Flagge, die die Frau von Trumps Vize-Stabschef Stephen Miller auf der Plattform X postete – ausgerechnet am Tag nach der US-Militäraktion in Venezuela.

Es setzte sich fort mit Trumps unverhohlener Ansage: „Wir brauchen Grönland.“ Hinzukommt die völlig überspitzte Bemerkung, Dänemark könne die Sicherheit der Insel einfach nicht gewährleisten und habe zu ihrem Schutz gerade mal „einen weiteren Hundeschlitten“ dort stationiert. Und es gipfelte in der Erklärung von Trumps-Sprecherin, dem US-Präsidenten stehe der Einsatz des US-Militärs jederzeit als Option zur Verfügung.

Alle noch so deutlichen Worte verhallen

Auch wenn Außenminister Marco Rubio das laut US-Medien wieder eingeschränkt und erklärt haben soll, dass die Vereinigten Staaten Grönland lieber kaufen würden: Das ist die dreisteste Drohung, die jemals eine Regierung eines NATO-Mitglieds gegen die eines anderen ausgesprochen hat.

Und die Regierungen in Nuuk, Kopenhagen und den europäischen Partnerländern haben dem kaum etwas entgegenzusetzen. Zwar stehen die Europäer geschlossen mit der klaren Ansage, dass allein Grönland und Dänemark über die Zukunft der Insel entscheiden. Bisher verhallen alle noch so deutlichen Worte in Washington aber völlig ungehört.

Denn Trump schert sich offensichtlich nicht ums geltende Völkerrecht. Sein besagter Vize-Stabschef stellt in einem Interview mit CNN sogar gleich ganz in Frage, dass es eine rechtlich verbindliche Grundlage dafür gibt, dass Grönland zum Königreich Dänemark gehört.

Militärischer Einmarsch nicht ausgeschlossen

Mit ihrer Militärbasis in Pituffik im Nordwesten der Insel sind die Amerikaner schon jetzt in Grönland präsent. Dass US-Streitkräfte morgen dort in größerer Zahl einmarschieren, ist unwahrscheinlich. Völlig ausgeschlossen ist es nach der Erfahrung in Venezuela und angesichts der immer neuen Drohungen aber nicht mehr. Militärisch ist Dänemark den Amerikanern haushoch unterlegen und könnte rein gar nichts dagegen tun.

Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen hat Recht, wenn sie sagt: Wenn ein NATO-Land ein anderes angreift, ist alles vorbei – das wäre das Ende des westlichen Militärbündnisses. Angesichts der Tatsache, dass ein solches Szenario überhaupt denkbar erscheint, kann man aber die Frage stellen, ob die NATO nicht schon längst auf dem Weg in den Tod ist.

Der Streit um Grönland zeigt einmal mehr: Die Europäer können sich nicht mehr auf die USA verlassen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre wichtigste Sicherheitsgarantie waren. In dieser neuen Weltordnung stehen sie ziemlich alleine da.

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