Zehn Themen, auf die man 2026 schauen muss: dieses Versprechen der aktuellen Jahresprognose des wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments, am Mittwoch veröffentlicht, klang vielversprechend. Die Analysen des EPRS sind mir seit Jahren eine große Hilfe in der journalistischen Arbeit, weil sie ebenso sachlich wie sachkundig durch komplizierte legislative Verfahren führen.

Doch dieses Papier war eine herbe Enttäuschung. Denn die für Europas Zukunft zentrale Frage – wie sollen wir mit dem Frontalangriff Donald Trumps umgehen? – wird komplett übergangen. Genau einmal kommt Trumps Name überhaupt vor, und das nur en passant. Dafür hat man sich der Frage zugewandt, ob 2026 das Jahr des Handelns für die Ozeane wird.

Das soll keine Fundamentalkritik am EPRS sein. Diesem Bericht merkt man schon bei flüchtiger Lektüre an, dass ihm eine politische Stoßrichtung vorgegeben wurde. So geht es im ersten Kapitel, das dem nächsten Haushaltsrahmen der EU für die Jahre 2028 bis 2034 gewidmet ist, fast durchwegs nur darum, ob das Parlament auch künftig die Finger bei der Verteilung der EU-Förderungen im Spiel hat. Roberta Metsola, die Präsidentin des Parlaments, braucht nun einmal argumentative Munition für die bis Jahresende abzuschließenden Verhandlungen um das Zwei-Billionen-Euro-Paket.

Dieses Papier legt vielmehr offen, wie gelähmt die Brüsseler Politikmaschine im Angesicht des Trumpschen Furors ist. Ich habe keine Ahnung, wie die EU es verhindern könnte, dass sich die US-Regierung Grönland unter den Nagel reißt (etwas, wovon ein Kommissionsbeamter, mit dem ich am Mittwoch Neujahrswünsche austauschte, felsenfest überzeugt ist). Ich möchte aber darauf hoffen, dass die schlauen Leute in den politischen Denkstuben der Institutionen sich mit dieser Frage befassen, und Lösungen vorlegen.

Das können sie aber nicht, solange das Führungspersonal der Union einer Art von Stockholm-Syndrom unterliegt. Sie wissen schon: die Beobachtung, dass sich Geiseln bisweilen emotional an ihre Entführer binden (was übrigens keiner empirisch unterfütterten medizinischen Diagnostik unterliegt). Es bedurfte der ziemlich offenen Washingtoner Drohungen im Falle Grönlands, um die Spitzen der sicherheitspolitisch wichtigsten europäischen Staaten zu einer Solidaritätsadresse mit Dänemark zu animieren.

Niemand in Brüssel, und kaum jemand in den Regierungskanzleien in den Hauptstädten, will das Offenkundige beim Namen nennen: die USA sind, solange Trump und seine MAGA-Bewegung am Ruder sind, eine existenzielle Bedrohung für die Union. Natürlich wäre es naiv, zu erwarten, dass ein paar empörte Wortmeldungen Trump zur Einsicht bringen könnten. Doch wie ist, nur um ein anderes aktuelles Beispiel anzuführen, die noch immer äußerst sanfte Umgangsweise mit der pädopornografischen Bilderschöpfungsmaschine von Elon Musks Plattform X anders zu erklären als mit der Hoffnung, Trump und seine Anhänger nur ja nicht zu verärgern?

„Ein autonomeres Europa ist ein sichereres Europa“, heißt es im Programm des seit Jahresbeginn laufenden Ratsvorsitzes Zyperns. „Um unsere Bürger zu schützen, und unsere Interessen zu verteidigen, müssen wir unsere Fähigkeit stärken, unabhängig zu handeln, wenn es notwendig ist – ohne Angst davor, bestehende Abhängigkeiten zu verringern, und mit der Zuversicht und Fähigkeit, sicherzustellen, dass Europa sich selber aufrechterhalten kann.“

Einen Verweis auf Trump, und das destruktive Vorgehen seiner Regierung, findet sich in diesem Dokument allerdings nicht.