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Überraschende Entdeckung: Alzheimer beginnt möglicherweise im Schlaf. Störungen der REM-Phase können Jahrzehnte vor den ersten Symptomen auftreten.
Montreal – Rund 1,84 Millionen Menschen leben in Deutschland derzeit mit einer Demenzerkrankung, wobei Alzheimer die häufigste Form darstellt, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Bis 2050 könnte die Zahl der Betroffenen auf bis zu 2,7 Millionen anwachsen. Während Forscher weltweit nach besseren Behandlungsmöglichkeiten suchen, rückt eine überraschende Entdeckung immer mehr in den Fokus der Wissenschaft.
Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und macht etwa 60 bis 70 Prozent aller Demenzerkrankungen aus. (Symbolbild) © Dmitrii Marchenko/IMAGO
Die Anzeichen für Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen könnten sich bereits Jahre vor den ersten Gedächtnisproblemen zeigen. Während wir träumen, durchläuft unser Gehirn komplexe Prozesse, die entscheidend für unsere geistige Gesundheit sind. Forschungsergebnisse zeigen, dass Veränderungen in bestimmten Schlafphasen ein frühes Warnsignal für kommende Demenzerkrankungen darstellen können.
Frühes Warnzeichen: REM-Schlaf-Verhaltensstörung als Vorbote von Alzheimer
Eine besonders auffällige Schlafstörung, die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD), hat sich als Warnzeichen für die Entwicklung von Alzheimer und Parkinson erwiesen. Bei dieser Störung verlieren Betroffene die normale Muskellähmung, die während der REM-Phase (Rapid Eye Movement) des Schlafs auftritt. Normalerweise sorgt diese natürliche Lähmung dafür, dass wir unsere Träume nicht körperlich ausleben.
Menschen mit RBD hingegen schlagen, treten und schreien während des Träumens, da ihre Muskeln nicht wie gewöhnlich entspannt bleiben. Eine Studie aus Montreal verfolgte 2009 93 Patienten mit RBD über einen Zeitraum von bis zu zwölf Jahren. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Neurology, waren beeindruckend: 26 der 93 Patienten entwickelten eine neurodegenerative Erkrankung.
Das 5-Jahres-Risiko lag bei 17,7 Prozent, das 10-Jahres-Risiko bei 40,6 Prozent und das 12-Jahres-Risiko erreichte sogar 52,4 Prozent. Von den erkrankten Patienten entwickelten 14 Parkinson, 7 Lewy-Körper-Demenz, 4 Alzheimer-Demenz und einer eine Multisystematrophie. Frauen erkranken häufiger an Alzheimer als Männer.
Subtile Veränderungen mit dramatischen Folgen: Störungen im Traumschlaf erhöhen das Demenzrisiko
Auch weniger auffällige Veränderungen im Schlaf spielen eine Rolle. Die berühmte Framingham-Studie untersuchte über 300 Menschen über 60 Jahre. Die Teilnehmer schliefen eine Nacht lang mit speziellen Geräten, die jeden Aspekt ihres Schlafs aufzeichneten. Dann verfolgten die Forscher sie bis zu 19 Jahre lang.
Ein Team der Boston University nutzte die Daten 2017 für seine Demenz-Studie und veröffentlichte die Ergebnisse ebenfalls in der Fachzeitschrift Neurology. Menschen, die weniger REM-Schlaf hatten oder bei denen diese wichtige Traumphase später in der Nacht begann, erkrankten häufiger an Demenz. Jedes Prozent weniger REM-Schlaf erhöhte das Demenzrisiko um etwa neun Prozent. Von den 32 Menschen, die später an Demenz erkrankten, hatten 24 Alzheimer.
Das nächtliche Reinigungssystem: Warum der Traumschlaf so wichtig für unser Gehirn ist
Die Verbindung zwischen Schlafproblemen und Demenz ist kein Zufall. Unser Gehirn hat ein eigenes „Reinigungssystem“, das besonders nachts aktiv wird. Während wir schlafen, spült das Gehirn schädliche Abfallstoffe weg – darunter auch die Eiweißklumpen, die bei Alzheimer die Nervenzellen zerstören.
Der REM-Schlaf wird von bestimmten Bereichen im Hirnstamm gesteuert. Genau diese Regionen sind besonders anfällig für die Ablagerung schädlicher Proteine. Wenn der REM-Schlaf gestört ist, funktioniert möglicherweise auch die nächtliche „Gehirnwäsche“ nicht mehr richtig. Die Folge: Schädliche Stoffe sammeln sich an und können Jahre später zu Demenz oder Parkinson führen.
Allerdings: Nicht jede Schlafstörung führt automatisch zu Demenz. Trotzdem können diese Forschungsergebnisse bei der Früherkennung helfen. Menschen mit der REM-Schlaf-Verhaltensstörung sollten regelmäßig zum Neurologen gehen, um mögliche Anzeichen von Gehirnerkrankungen früh zu entdecken. Eine frühe Diagnose kann zwar noch nicht heilen, aber sie ermöglicht eine bessere Planung und den rechtzeitigen Beginn von Therapien, die den Krankheitsverlauf verlangsamen können. (Quellen: Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Neurology) (jaka)
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