Frische Farbe hat der stark rostige Riesentanker „Marinera“ doch immer mal wieder gesehen. Zuletzt, als die Mannschaft eine große russische Flagge an die Bordwand malte. Ansonsten immer wieder an den Stellen, wo der Name des 333 Meter langen und 60 Meter breiten Öltankers der Schiffsklasse „Very Large Crude Carrier (VLCC)“ steht.

Vor fast 24 Jahren als „Overseas Mulan“ vom Stapel gelaufen, mussten die Namen Backbord und Steuerbord am Bug und am Heck seit 2017 schon siebenmal überpinselt werden: „Seaways Mulan“, „Xiao Zhu Shan“, „Yannis“, „Neofit“, „Timius“, „Bella 1“ und eben zuletzt, im Dezember vorigen Jahres auf hoher See, „Marinera“. Gleich blieb nur immer die Nummer im internationalen Schiffsregister: IMO 9230880.

Das von der US-Küstenwache mithilfe der britischen Navy am Mittwoch zwischen Schottland und Island geenterte Schiff kreuzte früher nicht nur unter anderen Namen, sondern auch unter den Flaggen Panamas, Palaus, Liberias, der Marshallinseln und Guyanas durch die Weltmeere. Ein bisschen war es wie bei „Jagd auf Roter Oktober“, dem 1990 mit Sean Connery in der Hauptrolle verfilmten Tom-Clancy-Thriller. Nur dass der Kapitän im Film zu den Amerikanern überlaufen will und der Tanker jetzt in der Realität zu den Russen.

Mit aufgemalter russischer Flagge und Eintragung in das russische Schiffsregister unter der Nummer RS 010977 mit Heimathafen Sotschi, Lieblingsrückzugsort des russischen Machthabers Wladimir Putin, sollte der Tanker vor dem Zugriff der Amerikaner geschützt werden. „Am 24. Dezember 2025 wurde dem Schiff ‚Marinera‘ eine befristete Genehmigung zum Fahren unter der Staatsflagge der Russischen Föderation erteilt“, teilte das Außenministerium in Moskau am Mittwoch auf Telegram mit.

Die USA unter Trump

Im November 2024 gewann Donald J. Trump zum zweiten Mal eine Präsidentschaftswahl in den USA und amtiert seit Januar 2025 als 47. Präsident. Er treibt den Umbau öffentlicher Einrichtungen und einen Kurswechsel in der Außenpolitik voran.

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Mitte Dezember erstmals bemerkt

Das Amt von Außenminister Sergei Lawrow fügte hinzu: „Gemäß den Bestimmungen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen von 1982 gilt auf hoher See der Grundsatz der Freiheit der Schifffahrt, und kein Staat hat das Recht, Gewalt gegen Schiffe anzuwenden, die ordnungsgemäß unter der Gerichtsbarkeit anderer Staaten registriert sind.“

Das Schiff – da noch „Bella 1“ und unter der Flagge Guyanas – wurde von US-Militärs am 18. Dezember vor Barbados bemerkt. Daraufhin schaltete die Besatzung den Transponder aus, das Automatic Identification System (AIS), das normalerweise Navigations- und andere Schiffsdaten funkt.

Die US-Küstenwache versuchte erstmals am 21. Dezember in der Karibik, den Tanker zu entern, der im Juni 2024 unter US-Sanktionen gestellt wurde. Zur Begründung für die Sanktionen hieß es vom US-Finanzministerium, der Tanker soll iranisches Rohöl für die libanesische Hisbollah, die Huthis in Jemen und die iranische Revolutionsgarde transportiert haben.

Nun wollte die US-Küstenwache das Schiff stoppen, um es am Anlanden von venezolanischem Öl zu hindern. Doch die „Bella 1“ betrieb gezielt sogenanntes AIS-Spoofing: Die zum Teil russische Besatzung sendete bewusst falsche Positionskoordinaten mittels manipuliertem Transponder und entkam zunächst den US-Verfolgern.

An Heiligabend umgeflaggt

An Heiligabend wurde russisch umgeflaggt, wieder einmal umgetauft und in Richtung Murmansk gesteuert. Im Nordatlantik endete die Fahrt nun zunächst, obwohl es von russischen Kriegsschiffen und einem U-Boot der Moskauer Marine begleitet worden sein soll.

„Die Blockade gegen sanktioniertes und illegales venezolanisches Öl bleibt in voller Wirkung – überall auf der Welt“, tönte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth auf X. Vizepräsident J. D. Vance nannte „Bella 1“ beziehungsweise „Marinera“ einen „gefälschten russischen Öltanker“. Und weiter: „Sie haben im Grunde genommen versucht, sich als russischer Öltanker auszugeben, um die Sanktionen zu umgehen.“

Doch warum der ganze Aufwand für einen leeren Tanker? Denn nach bisherigen Erkenntnissen wurde in Venezuela, das Schulden bei Russland teilweise mit Rohöl begleicht, kein Öl in den Tanker gepumpt, der offiziell ebenfalls seit 2024 der unter US-Sanktionen stehenden türkischen Firma Louis Marine Shipholding Enterprise gehört.

Die Beschlagnahmung der „Marinera“ sei ein grober Verstoß gegen das Völkerrecht seitens der USA, Moskau würde jetzt entsprechend reagieren, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Juri Schwytskin. Andrej Klimow, Mitglied des Rats für Außen- und Verteidigungspolitik, sprach von einem „Akt der Piraterie“ gegen ein unter russischer Flagge fahrendes Seeschiff, was einen „Kriegsfall“ darstelle.

Trump will Russland-Sanktionen verschärfen

Allerdings, sagen Experten, sei die Entscheidung Russlands „unüblich“, ja „unstatthaft“, dem Schiff ohne Inspektion eine Flagge zu gewähren. Und seit Verhängung westlicher Sanktionen als Reaktion auf die Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022 ist Moskaus Schattenflotte auf mehr als 1.000 Schiffe mit undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen angewachsen.

Unterdessen hat US-Präsident Donald Trump wohl einer Verschärfung der Sanktionen gegen Russland zugestimmt, insbesondere in Bezug auf dessen Öleinnahmen. Das zumindest teilte der republikanische Senator Lindsey Graham nach einem Treffen mit Trump am frühen Donnerstagmorgen mit.

Russischer Besitzer ist Unternehmer von der Krim

Der beschlagnahmte Öltanker „Marinera“ gehört seit Ende Dezember dem russischen Unternehmen Burevestmarin. Der Direktor und alleinige Eigentümer der Organisation ist der Unternehmer Ilja Bugaj von der annektierten Krim. Dies geht aus Daten des Global Integrated Shipping Information System der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) und des russischen Unternehmensregisters hervor, die der Zeitung Nowaja Gaseta Europa vorliegen. Burevestmarin wurde erst vor einem halben Jahr – im Juli 2025 – im zentralrussischen Rjasan registriert, als Unternehmen für Seetransport.

Seit 2018 ist Bugaj auch Geschäftsführer des Unternehmens Rusneftechimtorg, das mit Erdölprodukten handelt. Im Jahr 2024 (letzte verfügbare Daten) verzeichnete das Unternehmen einen Verlust. Laut Informationen aus sozialen Netzwerken lebt Bugaj, der 2008 sein Studium auf der Krim abschloss, derzeit in Moskau.

Rusneftehimtorg soll einem Geschäftsmann aus Sewastopol, dem russischen Staatsbürger Andrej Swiripa, der auch die ukrainische Staatsbürgerschaft besaß. Die Firma soll in Verbindung mit dem ehemaligen Abgeordneten des Stadtrats von Odessa, Viktor Baranskij, und Strukturen, die dem moldauischen Milliardär Ilan Șor nahestehen. Letzterer steht unter US-Sanktionen, da er versucht hat, die Wahlen in Moldau pro-russisch zu manipulieren. Er ist aus Moldau geflohen.

Dieser Artikel wurde am 8.1. 2026 um 17:10 Uhr aktualisiert