Venezuela, Grönland und die USA: Bei „Maischberger“ rechnet Sigmar Gabriel mit der wertegeleiteten Außenpolitik ab, ein ARD-Journalist kritisiert den Kanzler. Und ein ehemaliger Trump-Berater warnt vor einem besonders düsteren Szenario.

Ist die Welt nach der Gefangennahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch die USA eine andere? Das wollte Moderatorin Sandra Maischberger am Dienstagabend von ihren Gästen wissen.

Schon in der ersten Gesprächsrunde unter Journalisten prallten zwei Sichtweisen aufeinander, die sich durch den Abend ziehen sollten. Einerseits Kriegsreporterin Sophia Maier und ARD-Journalist Markus Preiß, andererseits Verleger Gabor Steingart („The Pioneer Briefing“).

Maier ordnete die Gefangennahme als Bruch internationaler Normen ein und sprach von einem völkerrechtswidrigen Vorgehen, bei dem „die internationale Ordnung (…) mit Füßen getreten“ werde. Preiß sagte, ihn habe weniger der Angriff selbst überrascht als die Offenheit, mit der Politik inzwischen betrieben werde. „Wer nicht spurt, wird aus dem Bett geholt“, sagte der ARD-Journalist.

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Steingart hielt dagegen. Der Präsident Venezuelas sei ein „Gauner, Verbrecher, Drogenbaron“, sagte der Journalist. „Er hat das Land runtergewirtschaftet.“ Der ehemalige US-Korrespondent erinnerte an Barack Obama, der Osama bin Laden töten ließ, und an den westlichen Militäreinsatz im Kosovo, der ebenfalls ohne UN-Mandat erfolgte. Macht, so sein Argument, setze sich archaisch durch; dass Moral stattfinden könne, habe oft damit zu tun, dass Macht ihr vorausgehe.

Das ließ Maier nicht stehen. „In keiner Welt rechtfertigt es einen Angriff“, entgegnete sie. „Darf jetzt China in Taiwan einmarschieren? Wo ist die Grenze?“, fragte Maier – unterschlug dabei aber, dass Taiwan demokratisch regiert wird, während Maduro auch nach Ansicht internationaler Beobachter nur aufgrund von Wahlfälschung ins Amt gekommen ist.

ARD-Journalist kritisiert Merz: „Es ist nicht komplex“

Moderatorin Maischberger lenkte den Blick wieder auf mögliche Motive der US-Intervention: Drogenterrorismus – und dass auffällig oft von Öl und Geld die Rede sei. Moral spiele in der öffentlichen Begründung kaum eine Rolle. Steingart argumentierte, dass eine amerikanische wirtschaftliche Dominanz dem Land sogar helfen könne. Früher hätten US-Regierungen ihre eigentlichen Gründe verschleiert, sagte er, heute trete Donald Trump offener auf.

Die Debatte spitzte sich zu, als es um die Reaktion Deutschlands ging. Maischberger zitierte Bundeskanzler Friedrich Merz, der erklärt hatte, die völkerrechtliche Lage sei „komplex“. Markus Preiß widersprach deutlich: „Es ist nicht komplex. Es ist ein Völkerrechtsbruch. Es zeigt, wie schwach wir gerade sind.“ Steingart wiederum verteidigte Merz’ Zurückhaltung als strategisch klug. Es gehe darum, europäische Interessen im Blick zu behalten, nicht um moralische Selbstvergewisserung.

Maier kritisierte genau diese Haltung. Von Merz und der Bundesregierung erwarte sie, einen solchen Angriff klar zu verurteilen. Deutschland setze damit eine Politik der doppelten Standards fort und mache sich international lächerlich. Die Sendung zeigte hier einen zentralen Konflikt deutscher Außenpolitik: den Spagat zwischen normativem Anspruch und realpolitischer Vorsicht.

Gabriel für mehr Realismus in der Außenpolitik

Mit dem Auftritt des CDU-Außenpolitikers Armin Laschet und des ehemaligen SPD-Vizekanzlers Sigmar Gabriel verlagerte sich die Diskussion. Laschet erinnerte daran, dass Militäreinsätze auch in der Vergangenheit ohne Beschluss des UN-Sicherheitsrates erfolgt seien – etwa in Jugoslawien, im Irak oder im Iran.

Gabriel stellte die Grundsatzfrage, ob es überhaupt noch eine durchsetzbare globale Ordnung gebe. „Es gibt keine Instanz, die bereit ist, das (Völkerrecht, Anm.) durchzusetzen.“ Die USA seien lange ein berechenbarer Bündnispartner gewesen, heute jedoch unberechenbar. Dennoch sei Amerika unverzichtbar, wenn es darum gehe, den Ukraine-Krieg zu beenden. Deutschland müsse lernen, eigene Interessen klarer zu formulieren, sagte Gabriel.

Gabriel verwies auf den Globalen Süden, wo westliche Doppelstandards besonders bitter aufstoßen würden. Wertebasierte oder gar feministische Außenpolitik, so seine Einschätzung, nehme Europa dort kaum noch jemand ab: „Wie weit sind wir gekommen mit der wertebewussten Außenpolitik, mit der feministischen Außenpolitik? Es nimmt uns keiner für voll.“

Sicherheitsberater Bolton rechnet mit politischer Krise nach US-Intervention auf Grönland

Maischberger trieb die geopolitischen Szenarien weiter. Donald Trumps Äußerungen zu Grönland, Kuba und Mexiko führten zur Frage, wo die von ihm beanspruchte westliche Hemisphäre ende. Das Wort „Imperialismus“ ist oft gefallen. Was, so ihre zugespitzte Frage, wäre, wenn die USA nach einem Nato-Partner griffen?

Laschet antwortete unmissverständlich: Sollte es nicht gelingen, die USA davon abzuhalten, wäre die Nato tot. John Bolton, ehemaliger Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, der ebenfalls in der Sendung zu Gast war, sah es genau so. „Das wäre wohl das Ende der Nato“, sagte Bolton.

Er zeichnete ein besonders düsteres Szenario. Es gebe Stimmen im Umfeld des Präsidenten, die eine Invasion Grönlands und eine Zerstörung der Nato als „mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen“ bezeichnen würden. Sollte Trump sich zu einem Militärschlag in Grönland entschließen, fürchtet Bolton „eine vulkanartige Explosion in den Vereinigten Staaten. Es wäre eine politische Krise in der Regierung, wie wir sie vielleicht seit dem Bürgerkrieg nicht mehr erlebt haben.“

In Gegensatz zu einer möglichen Intervention in Grönland befürwortet Bolton ein ähnliches Vorgehen wie in Venezuela auch in Kuba und Nicaragua. Er glaube, „dass auch das Post-Castro-Regime in Kuba fallen könnte. Und ebenso das Ortega-Regime in Nicaragua. Und ich hoffe, dass alle drei fallen“, sagte Bolton.

Militärexpertin Claudia Major ordnete die Gefangennahme Maduros abschließend als geopolitisches Machtsignal ein, vor allem an Russland und China. Venezuela arbeite eng mit beiden zusammen, verkaufe Öl billig nach China. Auch Russland und der Iran hätten dort Interessen. Für den Krieg in der Ukraine sei das kein gutes Zeichen. „Momentan lohnt es sich für Russland mehr, weiterzumachen“, sagte Major. Europa fehlten die Instrumente, um ausreichend Druck aufzubauen.

Dennoch hielt sie einen militärischen Zugriff der USA auf Grönland für unwahrscheinlich. Eine Einschätzung, die kaum ausgesprochen war, da holte sie die Realität ein: Noch während der Sendung sagte Trumps Sprecherin Karoline Leavitt, dass das Weiße Haus „eine Vielzahl von Optionen“ diskutiere, um sich Grönland anzueignen: ausdrücklich auch militärische. Es war einer dieser Momente, in denen politische Theorie und aktuelle Machtpolitik kollidieren.