Lucas Dawgiert weiß aus eigenem Erleben, wie es ist, wenn der Weg in den Beruf kurvenreich verläuft. Besuch bei einem, der Migranten hilft, die Zukunft ein wenig planbar zu machen.
Erster Kontakt zur deutschen Sprache
Besuch vor Ort bei Lukas Dawgiert. Er ist einer dieser Quereinsteiger, hat obendrein selbst eine Migrationsgeschichte. Sein Name ist litauisch, seine Herkunft polnisch, sein Deutsch, als hätte er nie eine andere Sprache gesprochen. Er war vier Jahre alt, als seine Eltern 1989 mit ihm und seiner Schwester nach Deutschland ausreisten. Bei null haben sie angefangen „in einer Art Gemeinschaftsunterkunft“. Die Eltern besuchten Sprachkurse, die Kinder den Kindergarten. „Wir hatten hier den ersten Kontakt mit der deutschen Sprache.“ Gewöhnlich erzählt der 40-Jährige nicht aus seinem Leben. Aber es zu kennen, ist hilfreich, wenn man ihm bei seiner Arbeit über die Schulter schaut. Es ist das Koordinatensystem, in dem er arbeitet, wenn er Menschen gegenübertritt.
Es ist kurz vor zehn, als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelt. Die Pforte meldet, die Dolmetscherin sei da. Und wenig später klingelt es noch mal. Jetzt sei auch die Kundin eingetroffen. Lukas Dawgiert, Jeans, weißes Oberhemd unter dunkelblauem Wollpulli, verlässt sein Zimmer im ersten Stock, geht die Stufen nach unten. Zwischen 150 bis 200 Frauen und Männer, von 15 bis zum Rentenalter betreut er. Er holt seine Besucher immer persönlich am Eingang ab. Mit einem Handschlag begrüßt er die junge Mutter aus der Ukraine. Die Dolmetscherin übersetzt seine Worte. Ein wolkenverhangener Vormittag im Jobcenter Stuttgart in Cannstatt, Abteilung Migration und Teilhabe, Sachgebiet Eingliederung in Arbeit. Das klingt ein bisschen sperrig. Aber es ist der Ort, an dem die Zukunft geplant wird. Zumindest, die die über Hilfsangebote und Unterstützung beeinflussbar ist und im Idealfall in den Arbeitsmarkt führt. Dawgiert ist einer dieser Zukunftsplaner.
Hilfe durch Dolmetscherin
Die Frau mit den kinnlangen schwarzen Haaren und er treffen einander zum ersten Mal. Wenig später sitzt er an seinem Schreibtisch, sie am Besuchertisch. „Vielleicht fangen wir damit an, dass Sie mir erzählen, wie lange Sie schon in Deutschland sind“, sagt er, um das Eis zu brechen. Er erfährt von den beiden Kindern, von denen eines in der Ukraine schon mehrmals operiert worden ist. Dawgiert hat im vorab von der Frau ausgefüllten Fragebogen studiert und sich überlegt, was er der alleinerziehenden Mutter vorschlagen kann. Neben dem obligatorischen Integrationskurs, in dem sie Deutsch lernen soll. „Ich will Deutsch lernen“, sagt sie und erzählt, dass sie das in der Unterkunft mittels Youtube bereits tue. „Das ist gut“, sagt Dawgiert anerkennend. Er hat der Frau auch erklärt, dass das Bamf diesen Kurs nur einmal zahlt und dass „wir davon ausgehen, dass Sie das in einem Jahr schaffen“. Sie bekommt auch die Adresse einer Beratungsstelle, an die sie sich wegen Hilfen für ihren Sohn wenden kann.
Lucas Dawgiert begleitet seine Kundin zum Ausgang. Foto: Max Kavalenko/Lichtgut
Dawgiert ist nun der Persönliche Ansprechpartner der Ukrainerin, so seine offizielle Bezeichnung. „Ich bin so was wie ein Stuttgart-Lotse“, sagt er. „Wenn Sie Stuttgart verlassen wollen für mehrer Tage, melden Sie das bitte an.“ Ein Besuch in Albstadt am Wochenende? „Nein, das ist überhaupt kein Problem.“Er gibt Adressen für Sprachkurse weiter, erklärt, wie teuer eine Wohnung sein darf, damit das Jobcenter die Miete zahlt. 788 Euro nämlich für drei Personen. Dawgiert prüft die Mietverträge. Und er wird Arbeitsvorschläge machen, wenn nach einiger Zeit die Sprachkenntnisse ausreichend sind. „Ich habe auch nichts dagegen zu putzen“, sagt die Frau. Vielleicht wird Dawgiert auch mit potenziellen Arbeitgebern telefonieren und ein Probearbeiten arrangieren. Das sind dann die guten Tage, die sinnstiftenden.
Langer Weg zum jetzigen Job
Keine seiner Kundinnen oder Kunden weiß, dass auch er eine ziemliche Wegstrecke an Erfahrungen und Abzweigungen in seinem Lebenslauf hinter sich hat. Aber vielleicht spüren sie ja, dass er sich vorstellen kann, was sie beschäftigt. Sein Auftrag endet erst, wenn seine Kundin eine sozialversicherungspflichtige Arbeit beginnt. Noch weiß niemand, was für ein Job das für die gelernte Näherin sein wird. Aber als Dawgiert sein Abi machte, hatte er in eigener Sache auch keine Idee. Der Traum, Förster zu werden, hatte sich erledigt, als die Familie von Enzklösterle im Kreis Calw nach Herrenberg umgezogen ist.
Auf Realschule folgt Gymnasium und Abitur. „Mit der Berufsfindung habe ich mir ein bisschen länger Zeit gelassen“, sagt Dawgiert. Er jobbte, machte Praktika, um auszuprobieren, ob das, was ihm gefällt, auch wirklich ein Beruf für ihn sein kann. Kochen zum Beispiel, er jobbte als Küchenhelfer, arbeitete auch mal eine Zeit als Küchenchef, machte ein Praktikum als Zimmermann, arbeitet bei der Post in der Paketannahmestelle. Eine wilde Phase der Berufsfindung, ohne dass er es damals so genannt hätte. Unterbrochen auch noch von Reisen.
Migration bleibt sein Thema
An gesellschaftlichen Zusammenhängen interessiert, entschied er sich für ein Studium der Soziologie in Tübingen. Eine Vorstellung, was er mit einem Bachelor-Soziologie-Abschluss werden könne, hatte er nicht. Schon gar nicht, dass sein Weg ins Jobcenter führen könnte. Er machte erstmal weiter im neu eingerichteten Studiengang Soziologie mit Schwerpunkt empirische Sozialforschung. Er hofft auf Erdung nach einer langen Zeit der Theorie, „rutscht aber erstmal in den Garten- und Landschaftsbau“, wie er die Abzweige in noch mal ein anderes Leben parallel zum Studium umschreibt.
Doch Migration blieb sein Thema. Ehrenamtlich versuchte er, seinen Interviewpartnern bei der Jobsuche zu helfen, in dem er unter anderem erklärte, wie Deutschland, sein Gesundheits- und Behördensystem funktionieren. Er war erfolgreich: sein Gegenüber fand eine Ausbildungsstelle und arbeitet dort heute noch. Seine Masterarbeit machte er zum Arzt-Patientenverhältnis bei Geflüchteten. Er erlebte, wie wichtig – trotz Dolmetscher – Mimik und Körpersprache sind, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt.
Verständnis für die Situation
Als er die Ausschreibung für die Stelle im Jobcenter sieht, hat er die Hoffnung, sich dort den Wunsch nach Praxisnähe zu erfüllen und gleichzeitig sein theoretisches Wissen einsetzen zu können. Seit drei Jahren arbeitet er nun im Jobcenter. „Mit all den Erfahrungen, die ich von klein auf gemacht habe, kann ich mit den Menschen hier ganz anders sprechen“. Angefangen bei der Migrationsgeschichte oder „der Verlorenheit der Jugend“. Seine jüngsten Klienten sind 15 und wissen nach der Schule oft nicht, „was sie jetzt tun sollen“. Genauso sei es ihm ja auch gegangen. Es gefalle ihm, Wege aufzuzeigen. „Das hat für mich einen hohen Sinn“, sagt er nüchtern.
Händeschütteln beim Abschied
Noch aber muss sein heutiges Gegenüber Deutsch lernen. Dawgiert weiß, dass das das A und O für die Vermittlung ist. Es ist jetzt 10.50 Uhr. „Wenn Sie Probleme haben, von denen Sie denken, ich könnte Ihnen helfen, dann melden Sie sich“, sagt er zum Abschied. Das Erstgespräch ist um. „Ich werde Sie in sechs Monaten wieder zu einem Gespräche einladen“, übersetzt die Dolmetscherin. Sie geht ein paar Zimmer weiter zu ihrem nächsten Termin. Lukas Dawgiert steht auf und begleitet seine Kundin zum Ausgang. Zum Abschied schüttelt er ihr wieder die Hand.