Einen wichtigen Termin hatte Agit Kabayel noch: Eine Woche vor seinem großen Kampf gegen Damian Knyba in Oberhausen war Kabayel nochmal zu Gast bei Barbier Iskandar, der seinen Salon direkt am Ruhrstadion hat. Einmal noch die Haare schneiden lassen, ein bisschen quatschen, zu Hause sein, bevor es ernst wird: Die Tage unmittelbar vor seinem Boxkampf gegen Damian Knyba wohnt Kabayel in einem Hotel, schottet sich ab, um voll fokussiert zu sein auf den großen Fight am Samstagabend.

Kabayel geht in Bochum nicht nur zum Friseur – er lebt immer noch in der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Zum Kaffeetrinken geht er am liebsten ins Bermudadreieck. Wenn er abends noch eine Pizza braucht, geht er beim Edeka in Wattenscheid vorbei. Hin und wieder wird er erkannt, für ein Selfie nimmt er sich Zeit.

Kabayel ist als Sohn kurdischer Einwanderer in Leverkusen geboren, in Wattenscheid aufgewachsen, hatte eine harte Kindheit wie er sagt. In den vergangenen Jahren hat sich aber viel geändert: Kabayel verdient mit jedem Boxkampf eine siebenstellige Summe, sein Gesicht ist ständig im Fernsehen zu sehen, die Geldsorgen sind Vergangenheit. Eins aber ist wie früher: Agit Kabayel wohnt in Wattenscheid, in einem Haus mit seinen Eltern, seiner Frau und seiner Tochter, die gerade ein halbes Jahr alt ist. Der Stadtteil hat keinen guten Ruf. Aber an einen Ort ziehen, der schöner, wärmer, glamouröser ist – das will Agit Kabayel nicht, auch wenn er es einfach könnte.

Bochumer Junge will nicht wegziehen: „Ich bin einfach glücklich“

Er sagt: „Ich bin einfach ein Junge von hier, ich hab meine Freunde hier. Der Gedanke kam mir überhaupt noch nie, dass ich von hier wegziehen will. Ich bin einfach glücklich in Bochum und Wattenscheid und fühle mich wohl – da mache ich mir gar keine Gedanken, wegzuziehen.“

Kabayel spielt nicht nur mit dem Titel als Ruhrpottjunge, er verkörpert den Begriff. Er war früher auf dem Bolzplatz, nicht gut in der Schule, hat eine Ausbildung zum Gleisbauer gemacht. Auch dank vieler harter Trainingseinheiten gehört er nun zu den besten Boxern der Welt. Er fährt zwar ein größeres Auto, wirkt aber nie abgehoben.

Agit Kabayel: Aus Wattenscheid an die Weltspitze - wir begleiten den Schwergewichtsboxer auf Stationen seiner Kindheit

Schwergewichtsboxer Agit Kabayel bei einem Filmdreh in Wattenscheid – wenn er erkannt wird, nimmt er sich gern Zeit für ein Selfie.
© FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener

 „Agit begleitet mich schon seit unserer Kindheit“, sagt Ihab Iskandar, der nicht nur Kabayel, sondern auch vielen VfL-Spielern die Haare schneidet. Über den Boxer sagt er: „Was ich an ihm besonders schätze, ist seine Loyalität und seine Bodenständigkeit. Der Erfolg hat ihn nicht verändert – er ist ein echter Familienmensch und ein Freund, auf den man sich immer verlassen kann.“

„Ruhm und Erfolge werden ihn nicht verändern“

Als Jugendlicher und junger Erwachsener hat Agit Kabayel seinen Eltern oft auch Sorgen gemacht, er und sein Bruder verbrachten sogar einige Monate im Gefängnis, wurden wegen Körperverletzung verurteilt. Vater Dervis und Mutter Hatice Kabayel sind heute aber vor allem stolz. „Wir glauben fest an Agit. Er wird sich durch diesen Ruhm auch nicht verändern. Er musste von Kleinauf Schwierigkeiten überwinden. Ruhm und Erfolge werden ihn nicht verändern“, sagte Dervis Kabayel zuletzt gegenüber dem Sender DAZN.

Was ich an ihm besonders schätze, ist seine Loyalität und seine Bodenständigkeit. Der Erfolg hat ihn nicht verändert – er ist ein echter Familienmensch und ein Freund, auf den man sich immer verlassen kann.

Ihab Iskandar, Kabayels Friseur

Ein gutes Beispiel: Kabayels Lieblingslokal ist das „Cups’n’Berry“ am Südring. „Das gehört einem Freund von mir – und der hat den besten Espresso, den ich kenne“, sagt Kabayel, der beim Thema Kaffee ein Feinschmecker ist. Im Sommer sitzt er gern vor dem Café an den Tischen auf dem Bürgersteig. Es ist nicht schön oder idyllisch, man sitzt direkt an der Straße – aber hier fühlt er sich wohl und ist zu Hause.

Die Box-Gürtel sind alle bei Mama

Auf die Frage nach seinem größten Vorbild hat Kabayel einmal geantwortet: „Das war für mich immer mein Vater: Er war sehr jung selbstständig und hat sehr viel dafür gearbeitet, dass es uns gut geht. Das versuche ich auch, so möchte ich auch einmal ein Vorbild sein.“

Und auch Kabayels wertvollste Trophäen sind bei den Eltern: „Die Gürtel sind immer bei Mama, die gibt sie auch nicht her“, verrät Agit Kabayel, „sie hat dafür extra eine Box gebaut.“ Und die ist noch längst nicht voll. Mama Kabayel glaubt an ihren Sohn – und hat für mehrere Weltmeister-Gürtel Platz gelassen.