„Ich fahre zum Festival d’Avignon – kommst du mit?“ überraschte mich eines Sommerabends der Anruf einer Freudin. So schnell war die Reisetasche noch nie gepackt. Acht Stunden später unter Platanen, ein Pastis in der Hand, und Jacques jongliert mit sieben Keulen gleichzeitig. Dritter Versuch. Die Kugeln wirbeln durch die heiße Luft, silbern glänzend im Licht der Abendsonne. Sommer in Avignon.
Wenn die Stadt zur Bühne wird
Vier Wochen lang, von Mitte Juli bis Mitte August, wird in Avignon nicht sur le pont getanzt – das tat man übrigens auf der Rhône-Insel –, sondern Theater gespielt. Die gesamte Altstadt innerhalb des 4,3 Kilometer langen Mauerrings verwandelt sich in eine farbenprächtige Freilichtbühne. Rund 130.000 Zuschauer strömen Jahr für Jahr in die Papststadt, um eines der bedeutendsten Theaterfestivals der Welt zu erleben.
Die Geschichte beginnt 1947. Jean Vilar, Schauspieler, Regisseur und Visionär, will aufstrebenden Künstlern eine Bühne geben. Vom 4. bis 10. September jenes Jahres findet die erste Festivalwoche statt: Une semaine d’Art en Avignon. Drei Stücke, sieben Aufführungen, drei Spielorte – darunter der Ehrenhof des Papstpalastes. Shakespeare, Claudel, ein zeitgenössisches Werk von Maurice Clavel. 4.800 Menschen kommen, darunter 2.900 zahlende Besucher.
Was Vilar vorschwebte, war ein Volkstheater. Kein elitäres Amüsement für Pariser Salons, sondern Kultur für alle. Er lud Jugendgruppen ein, öffnete Schulen als Unterkünfte, organisierte Debatten und Lesungen. Das Theater sollte aus seiner Erstarrung gerissen, das Publikum Teil des Geschehens werden.
Die Geburt des OFF
1966 gründete André Benedetto in seinem Theater an der Place des Carmes das Festival OFF. Spontan, rebellisch, ungeplant. Das offizielle IN-Festival im Papstpalast mit seinen erstklassigen Aufführungen unter jährlich wechselndem Motto hatte Konkurrenz bekommen – ernsthafte Konkurrenz. Jüngere, häufig noch unbekannte Gruppen aus Europa und Übersee hoffen seitdem auf gute Kritiken und den Durchbruch ins Theatergeschäft.
Straßentheater, frech, provokativ oder absurd. Schräge Happenings, Clownerien, Ein-Mann-Shows – jeder hat beim Festival d’Avignon seinen Auftritt. Gespielt wird rund um die Uhr, auf allen Plätzen und Straßen, in sämtlichen Parks, den Cafés, selbst vor den Toren der Stadt an den Ufern der Rhône. Mehr als 1.500 Aufführungen überbieten sich in drei Wochen. Die Straßen schmücken sich mit tausend Farben, Hunderte von Plakaten überlagern einander an den Mauern der Altstadt.

Das Théâtre du Centre findet ihr in der Rue Louis Pasteur. Foto: Hilke Maunder
Im Gerberviertel schlägt das Herz
Wer nur einige Tage Zeit hat für Le Festival, folgt am besten der Rue du Teinturiers dem Lauf der Sorgue durch das alte Gerberviertel. Handwerkshäuser mit schiefen Giebeln auf der einen Seite, auf der anderen Platanen. Ein paar Wasserräder laufen leer. Sonst verlassen, blüht die Straße zur Festivalzeit auf.
Hier liegt das Kloster der Cordeliers. Hier gibt sich das Theatercafé Tache d’encre avantgardistisch-elitär. Schräg gegenüber, im La Mandragore, isst man gemütlicher und preiswerter. 1982 gründete Gérard Vantaggioli den rauchenden Hund, das Théâtre du Chien qui fume in der Nummer 75. Die Bühne mit ihren 200 Plätzen hat sich zu einem Sprungbrett für neue Talente entwickelt. 1999 kam das Petit Chien Théâtre in der Rue Guillaume Puy hinzu, eine Mini-Bühne im einstigen Weinkeller, die Vantaggioli als Experimentierbühne des Festivals führt.
Marktplatz der Sehnsucht

Die Place des Carmes lädt sonntags zum Trödeln. Foto: Hilke Maunder
Der Place des Carmes, benannt nach einem Karmeliterinnenkloster, von dem nur ein kleiner Kreuzgang übrig blieb, ist das Zentrum des Quartier Balance, des früheren Zigeunerviertels. Täglich findet hier Wochenmarkt statt, samstags mit viel Blumen, sonntags brocante mit teurem Trödel. Während des Festivals wird auch dieser Platz zur Bühne. Des Winters spielen freie Theatergruppen vergessene okzitanische Autoren im Kreuzgang.
Mamie Rose, Bistro-Restaurant mit nostalgischem Interieur, ist der Treffpunkt am Platz. Unweit davon liegt die kleine Place des Trois Pilats mit einer originalen calade, dem gemusterten Pflaster aus Flusskieseln.
Izu den Treffpunkten während des Festeival ‚dAvignon gehört die Place de l’Horloge. Eine Tiefgarage schluckt die Autos, ein altes Karussell dreht seine Runden, Alt wie Jung schleckt Eis. Vorbei am Rathaus und dem Stadttheater zur Einmündung der Rue de la République: Hier liegt das feinste und teuerste Restaurant der Stadt, das Hiely.

Auf der Place de l’Horloge dreht sich vor dem Rathaus ein nostalgisches Karussell. Foto: Hilke Maunder
Die Kulisse der Macht
Allabendlicher Höhepunkt des Festivals sind die Aufführungen auf der Place du Palais vor der wohl eindrucksvollsten Kulisse, die Avignon zu bieten hat. Abweisend, eher einer Festung ähnlich, erhebt sich der riesige Komplex des Papstpalastes hinter der Bühne. Eine Burg mit Türmen und Zinnen, winzigen Fenstern: militärisch-streng der Palais Vieux, kühler Prunk beim Palais Neuf.
Im Ehrenhof des Palastes finden die großen Inszenierungen statt, rund vierzig Aufführungen jedes Jahr. Hier schrieb sich Theatergeschichte ein: 1985 zeigte Peter Brook seine neunstündige Inszenierung des Mahabharata in den Steinbrüchen von Boulbon, ein monumentales Epos, das zum Meilenstein des Festivals wurde. Die Nacht war heiß, die Steine warfen das Licht zurück, und das indische Versepos entfaltete sich unter dem provenzalischen Sternenhimmel wie eine Vision aus einer anderen Zeit.

Der Innenhof des Palais des Papes von Avignon. Foto: Hilke Maunder
Stadt des Gesprächs
Auf den Terrassen der Cafés und Restaurants wird debattiert, gestritten, gelacht. Welche Inszenierung taugt etwas? Wer hat enttäuscht? Wo lohnt sich der Weg? Die kulturelle Vielfalt ist überall spürbar. Man tauscht Tipps aus, empfiehlt, warnt. Avignon wird zum Forum, in dem sich Besucher über die Vorführungen unterhalten und ihre Erfahrungen teilen.
Das Festival lebt vom Risiko. Jeden Abend stehen Erstaufführungen auf dem Programm. Viele Künstler schaffen eigens für Avignon und sein Publikum neue Werke. Hier wird das Theater unserer Zeit befragt, neu erfunden, herausgefordert. Klassiker werden neu gelesen, moderne Texte auf die Probe gestellt, zeitgenössischer Tanz und visuelle Installationen suchen ihre Form.

Für den Apéro trifft man sich auf den Plätzen der Stadt. Während des Festival d’Avignon treten Straßenkünstler auf. Foto: Hilke Maunder
Die Stadt gleicht einem Freiluftforum. Zwischen den hohen Mauern des mittelalterlichen Stadtkerns, unter den Platanen der Promenaden, in den engen Gassen des Gerberviertels pulsiert das Leben. Theater ist hier keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern ihre intensivste Form. Drei Wochen lang wird Avignon zum Ort, an dem sich Künstler und Zuschauer begegnen, an dem Leidenschaft und Reflexion, Entdeckung und Debatte ineinandergreifen.
Und wenn die letzte Vorstellung gespielt ist, wenn die Plakate von den Mauern abgerissen werden und die Straßenkünstler ihre Koffer packen, sinkt die Stadt wieder in ihren Rhythmus zurück. Die Wasserräder an der Sorgue laufen weiter leer. Die Platanen werfen ihre Schatten. Bis zum nächsten Juli, wenn Jacques wieder mit seinen sieben Keulen jongliert und die Stadt erneut zur Bühne wird.
• https://festival-avignon.com
Im Quartier des Carmes von Avignon. Foto: Hilke Maunder
Tipp: Les Chorégies d‘Orange
Maria Callas, Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und Roberto Alagna gehören zu den Weltstars, die in der 25 Kilometer nördlich von Avignon liegenden Stadt Orange bereits bei den Chorégies aufgetreten sind. Das 1869 gegründete Festival gehört zu den ältesten des Landes und präsentiert alljährlich im Juli und August unter freiem Himmel aufwendig inszenierte Singspiele von klassischen Opern bis zu zeitgenössischen Werken und Auftritte weltberühmter Chöre. Ihre Kulisse ist das besterhaltene römische Theater Frankreichs. Als einzige Stätte der Welt besitzt es noch eine original antike Bühnenwand.
• www.choregies.fr

Das einzige antike Theater mit Bühnenwand im Land: die Schauspielstätte der Römer in Orange. Foto: Hilke Maunder
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Im Blog
Tipps für ein erlebnisreiches Wochenende in Avignon findet ihr in diesem Beitrag. Alle Beiträge aus dem Département Vaucluse findet ihr hier. Noch mehr Tipps hält die interaktive Reisekarte parat – bitte zoomen!
Im Buch
Hilke Maunder, DuMont Bildatlas Provence*
In meinem DuMont-Bildatlas „Provence“* stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten.
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Hilke Maunder, Le Midi*
Die poule au pot ist eine der 80 echten, authentischen Speisen, die ich bei meiner kulinarischen Landpartie durch den Süden von Frankreich entdeckt habe. Zwischen Arcachon, Hendaye und Menton schaute ich den Köchen dort in die Töpfe, besuchte Bauern, kleine Manufakturen, Winzer und andere lokale Erzeuger.
Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Müller reiste ich wochenlang durch meine Wahlheimat und machte mich auf die Suche nach den besten Rezepten und typischsten Spezialitäten der südfranzösischen Küche. Vereint sind sie auf den 224 Seiten meines Reise-Kochbuchs Le Midi.
Ihr findet darin 80 Rezepte von der Vorspeise bis zum Dessert, Produzentenportraits, Hintergrund zu Wein und Craftbeer, Themenspecials zu Transhumanz und Meer – und viele Tipps, Genuss à la Midi vor Ort zu erleben. Wer mag, kann meine 80 Sehnsuchtsrezepte aus Südfrankreich hier* online bestellen.
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