„Schneller, leiser, besser“ sollte der Bahnverkehr zwischen München und Lindau werden. Das versprach die Bahn für den Ausbau der Strecke, der 2020 fertiggestellt wurde. 510 Millionen Euro kostete das Projekt, bei dem der Gleisabschnitt zwischen Geltendorf und Lindau elektrifiziert wurde.
Nun aber brauchen Reisende viel Geduld auf der Strecke, die auch für Oberschwaben eine wichtige Achse in Richtung München ist. Die Verspätungen häufen sich. Seit dem Herbst hat die Bahntochter DB InfraGo zwischen München-Pasing und Buchloe (Landkreis Ostallgäu) mehrere Langsamfahrstellen eingerichtet. Statt mit 160 Stundenkilometern dürfen Züge auf diesen Gleisabschnitten nur 70 Stundenkilometer fahren, auf einem Abschnitt waren es zeitweise sogar nur 40 Stundenkilometer.
Aktuell bauen sich durch die Langsamfahrstellen teilweise hohe Verspätungen auf, die negative Auswirkungen auf das Gesamtsystem aus S-Bahn-, Regional- und Fernverkehr haben.
Eine Sprecherin der Deutschen Bahn
Vom 7. Februar an werden die Verspätungen gewissermaßen offiziell. Dann tritt für den größten Teil des Jahres ein abgeänderter Not-Fahrplan in Kraft, in den die Geschwindigkeitsbeschränkungen gewissermaßen eingebaut sind. Auch andere Strecken in Bayerisch-Schwaben sind betroffen. „Aktuell bauen sich durch die Langsamfahrstellen teilweise hohe Verspätungen auf, die negative Auswirkungen auf das Gesamtsystem aus S-Bahn-, Regional- und Fernverkehr haben“, räumt eine Bahn-Sprecherin auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ ein. Deswegen die Änderungen am Fahrplan.
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Beim viel genutzten RE96 von Lindau nach München werden im Not-Fahrplan 15 Minuten mehr eingeplant als bisher, in Gegenrichtung sieben Minuten. Damit die Anschlüsse in Memmingen erhalten bleiben, fährt der Zug früher in München los. Länger unterwegs ist auch der RE70, der von Lindau über Kempten nach München fährt – hier sind es 16 Minuten Richtung München und 10 Minuten in Gegenrichtung. Immerhin kommen Reisende aus Lindau, Memmingen oder Kempten überhaupt noch am Münchner Hauptbahnhof an. Die Regionalbahn RB68 aus Füssen endet künftig in Pasing.
Eurocity braucht zehn Minuten länger
Der Eurocity Zürich-München, der über Memmingen fährt, bleibt auch nicht verschont. „Im Eurocity-Verkehr zwischen München und Zürich werden ebenfalls Fahrzeitverlängerungen von rund 10 Minuten und eine frühere Abfahrtszeit von rund 5 Minuten in München erforderlich sein“, so die Bahn-Sprecherin.
Viele Freunde macht sich die Bahn mit dem Not-Fahrplan nicht. „Nicht akzeptabel“, findet Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) die Leistung der DB in Bayerisch-Schwaben. „Nicht akzeptabel“, sagt auch Marco Kragulji, bayerischer Landesvorsitzender von Pro Bahn. Der Fahrgastlobbyist fürchtet, dass selbst der abgeänderte Fahrplan kaum einzuhalten sein wird. „Die Gefahr von Anschlussverlusten, verkürzten Wendezeiten, steigenden Umstiegen und einer insgesamt sinkenden Zuverlässigkeit wird aus unserer Sicht unterschätzt.“
Das Problem ist der Gleiskörper
Im Dezember informierte die Bahn in einer Pressemitteilung zu den „Fahrplananpassungen“ – ohne auf den Grund einzugehen. Lediglich von einem „hohen Sanierungsbedarf“ war allgemein die Rede. Genauer wurde die Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage aus der Grünen-Bundestagsfraktion. Demnach seien „Mängel am Oberbau“ Grund für die Geschwindigkeitsbegrenzung – das Problem ist also der Gleiskörper aus Schienen, Schwellen und Bettung.
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Insgesamt fünf Langsamfahrstellen listet die Bundesregierung zwischen München und Buchloe auf, vier davon zwischen München-Pasing und Geltendorf (Landkreis Landsberg am Lech). Die fünfte allerdings liegt weiter westlich, zwischen Geltendorf und Kaufering – und ist somit Teil der frisch sanierten Ausbaustrecke. Trotz der 510-Millionen-Euro-Investition in die Ertüchtigung dieser Strecke wurde der Gleiskörper offenbar nicht angerührt. Dies sei „nicht Bestandteil des Projektumfangs der Ausbaustrecke“ gewesen, heißt es dazu lapidar in der Antwort der Bundesregierung auf die Grünen-Anfrage.
„Die Langsamfahrstellen sind das Ergebnis eines jahrelangen Fahrens auf Verschleiß“, kritisiert Pro-Bahn-Vorsitzender Kragulji daher. „Und die Fahrgäste zahlen jetzt die Rechnung.“ Der Notfall-Fahrplan sei „ein Eingeständnis jahrelanger Versäumnisse bei der Instandhaltung der Strecke München–Buchloe“.
Es kann nicht sein, dass sich unsere Kolleginnen und Kollegen im Zug und auf dem Bahnsteig berechtigte Kritik anhören müssen für Einschränkungen, die die DB InfraGO zu verantworten hat.
Winfried Karg, Arverio-Sprecher
Mit dem mangelhaften Gleismaterial umgehen muss etwa das Unternehmen Arverio, das unter anderem den RE96 Lindau-Memmingen-München betreibt. „Im Sinne unserer Fahrgäste versuchen wir generell, die Züge so pünktlich und zuverlässig zu fahren, wie wir können“, sagt Arverio-Sprecher Winfried Karg. „Leider wird uns das auf dieser Strecke nicht immer möglich gemacht.“ Von der Bahn erwarte sein Unternehmen frühzeitige Informationen, falls weitere Einschränkungen nötig werden. „Es kann nicht sein, dass sich unsere Kolleginnen und Kollegen im Zug und auf dem Bahnsteig berechtigte Kritik anhören müssen für Einschränkungen, die die DB InfraGO zu verantworten hat.“
Die DB geht zwar davon aus, dass der ab 7. Februar geltende Fahrplan, der bis 31. Oktober in Kraft bleiben soll, tragfähig ist. Beschwören will es die Bahn-Sprecherin aber nicht. Oberste Priorität habe die Sicherheit, die vorhandene Infrastruktur werde regelmäßig überprüft. „Daher lassen sich weitere Einschränkungen nicht grundsätzlich ausschließen.“
Die geänderten Fahrpläne ab 7. Februar sind abrufbar auf www.bahn.de und in der App DB Navigator.