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Wohnungskrise spitzt sich zu: Köln braucht 6000 neue Wohnungen pro Jahr, schafft aber nur 2.000. Bauunternehmer Anton Bausinger nennt die wahren Gründe

Köln – Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit und der vielleicht härteste Realitätstest für politische Handlungsfähigkeit. Zwischen steigenden Mieten, stockendem Neubau und ambitionierten Ankündigungen entscheidet sich, ob diese Stadt 2026 tatsächlich einen Wendepunkt erreicht oder ob sie weiter verwaltet, was längst aus dem Ruder läuft. Köln ist eine Stadt voller Versprechen und voller Baustellen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Vor diesem Hintergrund sprach ich mit Anton Bausinger. Er ist Bauunternehmer, engagierter Kölner und seit 2025 Vorstandsvorsitzender des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins. „Köln baut zu langsam, zu teuer und oft an den Bedürfnissen vorbei“, sagt er nüchtern und man merkt, dass dahinter rund zwanzig Jahre Erfahrung und Kampf um Baupläne, Flächen und Verfahren stecken. „Nachverdichtung allein rettet uns nicht mehr.“ Bausinger sagt das nicht polemisch, sondern sachlich: „Seit 20 Jahren reden wir darüber. Die Baulücken sind weitgehend geschlossen. Wir schaffen die benötigten 6000 Wohnungen im Jahr niemals allein im Bestand.“

Anton Bausinger vor Luftaufnahme Köln Südstadt  Richtung Dom„Die Stadt muss neue Bauflächen ausweisen“, fordert Anton Bausinger, Vorstandsvorsitzender des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins © 
IMAGO / imagebroker & Oliver WagnerAnton Bausinger: „Die Stadt muss neue Bauflächen ausweisen“

Die Zahlen geben ihm recht. Köln lag zuletzt bei rund einem Drittel dieser Zielmarke. Gleichzeitig wächst der Druck von außen: Rund 500.000 Menschen pendeln täglich in die Stadt. Viele von ihnen, weil sie sich Wohnen in Köln nicht leisten können oder gar nichts finden. Bausingers Forderung: „Die Stadt muss neue Bauflächen ausweisen.“ Und weiter: „Wir brauchen nicht noch mehr grundsätzliche Debatten über die Art und Weise der Flächennutzung. Wir brauchen eine Politik, die Zielkonflikte zwischen Wohnen, Klima und Stadtentwicklung offen benennt und aushält.“

Bausinger verliert sich weder in Abrechnungen über zehn Jahre Oberbürgermeisterin Henriette Reker, in denen trotz ehrlicher Ambitionen vieles liegen blieb, noch in pauschalen Klagen über die Verwaltung. Stattdessen richtet er den Blick nach vorn. Wie kann Köln jetzt Tempo aufnehmen? Als Bauunternehmer ist er bereit, dem neuen Stadtoberhaupt Torsten Burmester eine große Portion Vorschusslorbeeren zu geben. In der Hoffnung, dass er den Wandel schafft.

Dass es so nicht weitergeht, ist längst Konsens. Niedrigere Standards, schnellere Entscheidungen, klare Prioritäten werden seit Jahren von der Bauwirtschaft gefordert. Der Bund hat jetzt mit dem sogenannten Wohnungsbau-Turbo die Spielräume erweitert: Kommunen dürfen Verfahren beschleunigen, auf Bebauungspläne verzichten, schneller genehmigen. Das Werkzeug liegt also in Berlin auf dem Tisch. Doch hier in Köln haben wir ein Problem. Bausinger nennt es die Achillesferse der Stadt: fehlender politischer Durchgriff, zu wenig Personal, zu viele Reibungsverluste zwischen Anspruch und Vorschriften. Ein Turbo, der im Leerlauf läuft, bringt keine Wohnungen auf die Straße.

Die Kölner Wohnungswirtschaft – mit Unterstützung des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins – hat geliefert. Ein klarer Zehn-Punkte-Plan: mehr Tempo, mehr Flächen, mehr Digitalisierung, weniger Bürokratie. Und die Stadt? Sie leistet sich zunächst einen fast sechsmonatigen, rund 400.000 Euro teuren Dialogprozess zur Senkung der Baukosten. Ein Bau-Turbo mit angezogener Handbremse? Anton Bausinger macht Druck: „Jetzt zeigt sich, ob der Oberbürgermeister Wort hält. Ob der angekündigte Bau-Turbo endlich zündet und das Hamburger Einfach-Modell auch in Köln Realität wird.“

Tiefgaragen-Stellplatz in Köln kostet mehr als ein Kleinwagen

Besonders deutlich wird er beim Thema Stellplätze. Tiefgaragen seien einer der größten Kostentreiber im Wohnungsbau. Ein Stellplatz koste heute schnell 40.000 bis 70.000 Euro in Köln. Weniger Stellplätze zur Kostenreduzierung klingt zunächst gut. Doch ohne ÖPNV-Ausbau, Quartiersgaragen und echtes Mobilitätskonzept verlagert sich das Problem nur auf die Straße. Mehr Parkdruck, mehr Konflikte, mehr Frust. Auch das ist Kölner Realität.

Hinzu kommt ein schwer vermittelbarer Spagat: Einerseits will die Stadt billiger, einfacher, schneller Bauen. Andererseits erhöht sie ab 2026 die Grundsteuer. Wohnen in Köln wird für Eigentümer wie für Mieter teurer. Bausinger zeigt zwar Verständnis für die schwierige Haushaltslage. Aber eine Grundsteuererhöhung ist die falsche Stellschraube, sagt er. „Wenn die Belastungen steigen, müssen Genehmigungen schneller werden, Verfahren schlanker, Entscheidungen mutiger.“

Dies ist mein erster Newsletter als neue Vorsitzende des Kölner Presseclubs. Eine Aufgabe, die mich freut und verpflichtet. „Sagen, was ist.“ Dieser journalistische Grundsatz ist heute wichtiger denn je, weil er zu häufig von politischen Botschaften und gut gemeinten Narrativen überdeckt wird. Unser Anspruch ist klar: Der Kölner Presseclub bleibt eine unabhängige Stimme für diese Stadt. Kritisch, offen, aber auch konstruktiv. Denn Köln ist eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss – auch mit dem Guten.​

Und dann gibt es im nächsten Jahr noch ein Thema, das mit Wohnraum zusammenhängt. Am 19. April 2026 entscheidet Köln per Ratsbürgerentscheid, ob sich die Stadt an einer gemeinsamen Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region für Olympische und Paralympische Spiele beteiligt. Großprojekte können Stadtentwicklung beschleunigen, neue Quartiere schaffen, Infrastruktur bündeln. Aber für den akuten Wohnraummangel kommt ein Ereignis wie Olympia in zwanzig Jahren zu spät.

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen den politischen Mehrheiten der vergangenen Jahre nicht mehr trauen und Verwaltungsversagen im Alltag spürbar wird – im Stau, bei der Wohnungssuche, auf verwahrlosten Plätzen – reicht es nicht mehr, auf Konzepte und ferne Großprojekte zu verweisen. Dann zählt, ob Beschlüsse endlich Wirkung entfalten. Was fehlt, ist also nicht Erkenntnis, sondern Konsequenz. Aber Köln ist – wie eingangs gesagt – eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss. Auch mit dem Guten. (ch/IDCGN)